Papikolumne: Der berühmte harmlose Klaps

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In dieser Kolumne geht es um Gewalt an Kindern.
29. Juni 2019

Photo by Kat J on Unsplash

Vor kurzem hat L. ein paar Tage bei meiner Mutter verbracht. Meine Mutter lebt auf dem Land, ziemlich ab vom Schuss. Wenn L. bei ihr ist, kriegt er eine ordentliche Portion Natur eingeimpft. Er kann den ganzen Tag füdliblutt rumrennen, im Bach spielen und lernt viel über Natur und Tiere. Dazu kommt, dass meine Mutter Imkerin ist. Es gibt also jeden Morgen süssen Honig aufs Brot. Eigentlich paradiesische Zustände.

Vor ein paar Tagen, L. war bereits wieder bei uns zuhause, rief mich meine Mutter an. Ihr war es offensichtlich unangenehm, denn sie gestand mir, L. einen Schlag auf die Finger gegeben zu haben, weil dieser mit der Steckdose gespielt hatte. Ihr war es offensichtlich unangenehm, mir das zu sagen. Ich versicherte ihr, dass sie sich keine Vorwürfe machen soll. Sie habe wohl im Affekt gehandelt. Und so wie sie mir den Vorfall schilderte, waren ihre Handlungen in meinen Augen nicht als körperliche Bestrafung einzustufen. Womöglich wollte sie auch verhindern, dass L. sich einen elektrischen Schlag einholte.

Für mich ist die Sache gegessen. Trotzdem mache ich mir Gedanken über den Vorfall. Ich bin der Ansicht, dass Erwachsene, die Kinder schlagen, eine intellektuelle Bankrotterklärung abgeben – sei dies aus Affekt oder Überforderung heraus. Schlagende Erwachsene haben keine Argumente mehr, deshalb hauen sie zu. Ich glaube nicht, dass meine Mutter – die alles andere als ungebildet und dumm ist – hiervon betroffen ist. Ich weiss, dass sie L. über alles liebt und dass er gut bei ihr aufgehoben ist.

Gewalt bringt rein gar nichts

Gewalt ist aber in meinen Augen – ob nun an Kindern oder Erwachsenen – immer verwerflich. Wer kann sich an den SVP-Politiker und Lehrer Hans Fehr erinnern, der behauptete, dass eine Ohrfeige wohl besser sei als fünf Psychologen? Ich wurde in meiner Kindheit von meiner Primarlehrerin oft geohrfeigt, weil ich als Schüler nicht stillsitzen konnte. Einmal blutete mir sogar die Nase. Besagte Lehrerin hatte grundsätzlich ein Problem mit Gewalt und Kindern. Nach verschiedenen Beschwerden flog sie von der Schule.

Mir fällt es als erwachsener Mann immer noch schwer, darüber zu sprechen. Als Kind fühlte ich mich ungerecht behandelt, als Teenager rebellierte ich dann in krassem Ausmass gegen jegliche Formen von Autorität. Erst heute gelingt es mir, einige meine Verhaltensweisen als Kind und junger Erwachsener zu reflektieren.

Gewalt an Kindern hat in unserer Gesellschaft nichts verloren. In der Politik ist diese klare Haltung aber leider noch nicht angekommen. Zwar hat die Schweiz die UNO-Kinderrechtskonvention ratifiziert, an deren Umsetzung jedoch hapert es, wenn es um Körperstrafen gegen Minderjährige geht. Zuletzt kamen auch Zahlen ans Licht, wonach 63% der Kinder in der Schweiz von ihren Eltern geschlagen werden.

Wie soll ich mich verhalten?

Wie soll ich mich als erwachsene Person verhalten, wenn ich Zeuge von Gewalt werde? Und wie muss ich vorgehen, wenn ich Gewalt an Kindern wahrnehme? Diese Fragen sind einerseits schwer zu beantworten, da wir mit solchen Situationen oft selbst überfordert sind. Zudem ist Gewalt an Kindern häufig nicht sichtbar, da diese in geschützten Rahmen wie im Familienkreis oder in der Schule geschieht.

In den seltenen Fällen, in denen wir Zeuge von Gewalt an Kindern werden, müssen wir eingreifen. Keine Frage. Kinder können sich nicht wehren und haben jeden möglichen Schutz verdient. Aber viel wichtiger ist, dass wir helfen, Kinderschutzorganisationen eine Stimme zu geben und zu kämpfen, dass in der Schweiz Körperstrafen an Kindern endlich verboten werden. Insbesondere Kinder, die in einer Fluchtsituation oder am Rande der Gesellschaft leben, sind durch Gewalt gefährdet. Es gibt überzeugende Organisationen, welche wichtige Arbeit in diesem Bereich leisten. Ich kann allen nahelegen, solche Organisationen zu unterstützen.

Eine Welt ohne Gewalt

Vielleicht reagiere ich aufgrund meiner Biographie sehr empfindlich auf das Thema Gewalt. Natürlich ist die Erziehung von Kindern eine anstrengende Tätigkeit, doch Überforderung oder Erschöpfung sind keine Entschuldigung Kinder zu schlagen. Mit meinen eigenen Traumata kann ich heutzutage gut umgehen. Ich wünsche mir jedoch eine Welt ohne Gewalt. Und das erreichen wir, wenn wir den jüngsten, noch formbaren Mitgliedern unserer Gesellschaft beibringen, dass Gewalt ein Zeichen von Schwäche ist.

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.

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