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Papikolumne: Gleichstellung? Gerne, aber nicht mit mir.

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. In diesem Beitrag soll es um Gleichstellung gehen und die Frage beantworten, ob wir daran scheitern.
31. Oktober 2019

Schon bevor meine Partnerin und ich ein Kind erwarteten, war uns klar, dass wir in einer gleichberechtigen Beziehung leben und nicht in klassische Rollenbilder fallen möchten. Ich denke, dies gelingt uns eigentlich ganz gut. Wir arbeiten beide etwa gleich viel, tragen beide im Verhältnis gleich viel zu Haushaltskosten und –Arbeit bei und teilen uns Kinderbetreuung paritätisch auf. Mittlerweile geht das auch ohne grosse Diskussionen. Ich war vor kurzem beruflich 10 Tage im Ausland, meine Partnerin war 10 Tage ohne uns in den Ferien. Ich bin sehr froh, klappt das, ohne dass ich entweder ein schlechtes Gewissen oder den Eindruck habe, dass ich den ganzen Laden schmeisse.

Ob die Gesellschaft (und insbesondere die Männer) an der Gleichstellung scheitern, war eine Frage, dich ich mir so noch nicht gestellt hatte. Nun wurde ich am 10. Dezember 2019 an ein Podium im Karl der Grosse eingeladen, mich mit Ständerat Andrea Caroni und Daniel Bekcic von männer.ch über diese Frage auszutauschen. Eine Antwort fällt mir schwer, habe ich doch nicht den Eindruck, dass wir in unserer engsten Familie an der Gleichstellungsfrage scheitern. Ich schreibe ganz bewusst «wir», da diese Herausforderung von meiner Partnerin und mir gemeinsam gemeistert wird.

Die gleiche Frage aus einer gesellschaftspolitischen Perspektive zu beantworten fällt ungemein schwieriger aus. Der «Teaser» zum Anlass lässt provokativ zwei Ansätze zu: Entweder scheitere ich als Mann, weil meine Männlichkeit aufgrund ihrer überfrachteten Begrifflichkeit nicht mit Gleichstellung mithalten kann oder ich halte mich aus der Gleichstellungsdiskussion raus. Und scheitere ebenfalls.

Idealerweise stehen Frauen ebenbürtig neben mir.

Diese Verdammnis zum Scheitern hängt in meinen Augen ein Stück weit mit einem Männerbild zusammen, dass für mich nicht mehr zeitgemäss ist. Der Prototyp eines Mannes, aus der Generation meines Vaters, hatte sich nicht um Gleichstellung zu kümmern. Er war Mittelpunkt und Held der Gesellschaft, Kind und Frau standen ihm zu Füssen, solange er Kohle nach Hause brachte. Ich liebe und verehre meinen Vater, doch bin ich froh, nicht in dieser Zeit hineingeboren zu sein. Idealerweise stehen Frauen ebenbürtig neben mir, sind auf dem Arbeitsmarkt mit mir im Wettbewerb und nehmen gleiche Rechte und Pflichten wie ich wahr. Dass wir von diesem Ideal noch entfernt sind, ist mir bewusst. Doch folge ich dieser Handlungs- und Gedankenmaxime, wenn ich mein eigenes Verhalten und das Verhalten meine Freunde im Umgang mit Frauen (und LGBTQ) hinterfrage. Ich stelle somit fest, dass zumindest in meinem näheren Umfeld in Familie, Job und Freund*innen ein Scheitern nicht in Frage kommt. Wir sind überzeugte Feministen*innen. Und wenn wir nicht genau wissen, was wir damit meinen, dann reden wir darüber. Mit Frauen und Männern.

Somit kann ich zumindest für meine Bubble die Frage im Ansatz beantworten. Auch wenn Gleichstellung ein Kampf bleibt, wir nehmen diesen auf. Ob der Rest der Gesellschaft dies auch so sieht, ist eine nochmals komplexere Frage. Allerdings gibt es Indizien dafür, dass der Wind dreht. Der 14. Juni dieses Jahres war für mich ein prägender Moment, der mich stark bewegt hat. Hier habe ich zum ersten Mal die Wut gespürt, welche Frauen verspüren, wenn wir Männer uns immer noch wie die oben beschriebenen Dinosaurier benehmen. Ich bin überzeugt, dass dieser Tag in der Schweiz etwas bewegt hat, das auch bei den Wahlen vom 20. Oktober wahrgenommen wurde (42% der Mitglieder des Nationalrats sind nun Frauen, beim Ständerat gibt es im zweiten Wahlgang noch grosses Potenzial mehr Frauen ins Parlament zu bringen). Dieses Momentum gilt es zu nutzen, wenn es um Fragen der Gleichstellung geht, z.B. bei der Elternzeit, bei der Lohngleichheit oder beim Rentenalter. In diesem Sinne erfülle ich gern ein männliches Stereotyp und betrachte Gleichstellung als Herausforderung an mich, an die Gesellschaft, an uns alle. Ein Scheitern kommt nicht in Frage.

Ich würde mich freuen, Leser*innen meiner Kolumne am 10. Dezember im Karl der Grosse zu sehen.

Antoine Schnegg
Antoine Schnegg ist 34 Jahre alt und arbeitet als Bürogummi in Zürich. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn, der 2017 auf die Welt kam, wohnt er in Wipkingen. Beide Elternteile arbeiten 80-Stellenprozent. Für Tsüri.ch berichtet er als freier Kolumnist aus seinem Leben als Familienvater.
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