Bild: «StarterPack Beim Kinderarzt» von Playmobil.

Papikolumne: Mein Kind sieht aus wie Rocky Balboa

Vater zu werden und zu sein, ist ein Abenteuer. Antoine Schnegg bezeichnet sich zwar nicht als Experten auf dem Gebiet, Vater ist er trotzdem geworden. Tsüri beackert momentan das Thema Gesundheit. Und auch wenn ich mich für das Thema nicht wirklich interessiere, stelle ich fest, dass es in meinem Leben momentan einen extrem hohen Stellenwert einnimmt. Sei dies weil ich momentan ständig zum Kinderarzt renne, sei dies weil andere Eltern diese Möglichkeit nicht haben.
03. Oktober 2020
Papi-Kolumnist

Eigentlich gehören meine Partnerin und ich nicht unbedingt zu den Eltern, die wegen jedem Wehwehchen des Nachwuchses zum Arzt rennen. Das liegt wohl auch ein bisschen daran, dass L. Gesundheitspersonal gegenüber – milde ausgedrückt – eher misstrauisch ist. Und im Kontext von COVID-19 hatte ich auch nicht extrem Bock, in Arztpraxen rumzusitzen.

Wie das so ist: mit Kindern kommt es anders. In den letzten Wochen kämpfte L. mit den Verstopfungen des Todes, einer allergischen Reaktion auf die Medikamente darauf sowie diverse Schrammen und Wunden, welche jeweils schlimmer aussahen als sie es eigentlich waren. Wir waren demnach überdurchschnittlich viel bei unserem Kinderarzt oder zu Unzeiten in der Kinderpermanence.

KinderärztInnen und Praxismitarbeitende leisten beeindruckendes

L. ist vor kurzem die Treppe runtergefallen und holte sich eine dicke Lippe, die anfangs blutete wie ein geschächtetes Lamm. Selbstverständlich schrie er wie am Spiess und wir waren ziemlich nervös. Der Umstand, dass Blut aus seinem Mund beim Schreien quoll, machte die Situation nicht weniger beunruhigend. Als wir unsere Arztpraxis anriefen und wir die Situation beschrieben, beruhigte uns die Praxisangestellte am Telefon und meinte, ein Arztbesuch sei wohl nicht nötig. L. beruhigte sich auch schnell, die Wunde hörte bald auf zu bluten und er sieht jetzt ein bisschen aus wie Rocky Balboa nach seinem Kampf gegen Ivan Drago in Rocky IV, was er jetzt auch ein bisschen cool findet.

Was ziemlich trivial erscheint, zeigt auf, welche Doppelrolle pädiatrische Kräfte einnehmen. Einerseits gewährleisten sie die medizinische Versorgung von Kindern, andererseits beruhigen sie aufgebrachte Eltern, welche um das Wohlergehen der Kleinen fürchten. Dieser Job ist nervenaufreibend und anstrengend, dennoch gehören Personen, die in der Pädiatrie arbeiten, zum eher schlecht bezahlten Teil der medizinischen Grundversorgung. Wer in der Medizin mit Kindern zusammenarbeitet, tut dies zu einem grossen Teil aus Leidenschaft. Ein Freund von mir war Arzt bei der Rega und bei den Spezialkräften im Militär, seine Bestimmung hat er nun als Kinderarzt gefunden und ist dort glücklich, in einem sehr herausforderndem Umfeld zu arbeiten. Sowohl die Herausforderung als auch die berufliche Erfüllung fand er in beiden anderen Berufen nicht.

First World Problems

Wenn ich sehe, wie gut die medizinische Versorgung von kleinsten Patienten in der Schweiz gewährleistet wird, denke ich immer auch an die Kinder, die nicht das Glück hatten, dort auf die Welt zu kommen, wo Ihnen dieses Privileg garantiert wird. Die Bilder von Flüchtlingskindern in den abgebrannten Lagern auf Lesbos oder von Kindern in Ländern ohne medizinische Grundversorgung stimmen nachdenklich und traurig. Seit Jahren schlagen Organisationen wie MSF Alarm. Täglich bleiben Kinder unbehandelt, weil in diesen Lagern nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Die Situation hat sich durch die Verbreitung von COVID-19 und die jüngsten Ereignisse auf Lesbos stark verschlechtert und ist untragbar.

Den Menschen und allen voran den vielen Kindern in diesen Lagern muss geholfen werden. Dass die Schweizer Regierung sich nicht für eine Evakuierung der Flüchtlingslager einsetzt, ist beschämend. Dies obwohl sich die grössten Städte der Schweiz, NGOs und Kirchen für eine Aufnahme von Flüchtlingen aus Griechenland einsetzen. Warum schaffen wir es nicht, diese Menschen mit Würde zu behandeln?

Wie kann ich helfen?

Auch wenn uns die Situation in Flüchtlingslagern bedrückt, wir können aus der Schweiz aus den schwächsten BewohnerInnen in den Flüchtlingslagern helfen. Organisation wie One Happy Family aus Burgdorf bieten auf Lesbos den BewohnerInnen der Lager Dienstleistungen wie medizinische Grundversorgung für Familien, safe spaces für Frauen, eine Bibliothek und ein Café sowie verschiedene Kurse, die Geflüchteten besuchen können. Für die kalte Jahreszeit könnt ihr euch die «Safe Passage Socken» von OHF bestellen und unterstützt damit die Arbeit der Organisation.

Eine andere Organisation, die mir am Herzen liegt, weil ich eine der Initiantinnen kenne, ist Mambrella. Die Organisation bietet flüchtenden Frauen eine mobile Hebammenpraxis und Beratung für Mütter an. Ich verfolge die Arbeit, die die Hebammen und Kinderkrankenschwestern aus der Schweiz leisten regelmässig und bin beeindruckt von dem, was diese Frauen auf die Beine gestellt haben.

Medizinische Grundversorgung soll kein Luxus sein

Auch wenn L. und ich nicht gerne zum Kinderarzt gehen, empfinde ich grosse Dankbarkeit dafür, dass er bei Bedarf bestens versorgt ist. Ich empfinde Respekt vor Ärzten und medizinischem Personal, die mit kranken oder verletzten Kindern arbeiten, welche zum Teil nicht klar kommunizieren können, was ihnen fehlt. Nebst einer hochwertigen medizinischen Ausbildung bringen diese Menschen eine beindruckende Portion Empathie mit, welche für den Beruf unerlässlich ist.

Dieser Luxus sollte keiner sein. Das Recht auf eine medizinische Versorgung haben alle Menschen auf der Welt, insbesondere auch Kinder, welche besonderen Schutz bedürfen. Wenn uns also Tsüri durch das Fokusthema Gesundheit führt, muss das Thema fehlende Gesundheitsversorgung auch angesprochen werden, welche die Schwächsten unserer Gesellschaft trifft.

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

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