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In der österreichischen Nationalökonomie geht es um kooperierende Individuen. (Photo by Fabio Santaniello Bruun on Unsplash)

Die Menschen wirtschaften, weil sie ihre Ziele in friedlicher Kooperation erreichen

An der Universität Zürich findet eine Vorlesungsreihe zu alternativen Wirtschaftsmodellen statt. Die Organisator*innen vom Verein Plurale Ökonomik präsentieren hier die besprochenen Themen. Hier folgt der fünfte von zwölf Teilen.
21. Oktober 2019

Text: Levin Koller


Hier stellt Rahim Taghizegdan die österreichische Schule der Nationalökonomie vor. Eine Denkschule, bei der das Individuum im Zentrum steht, welche die mathematische Formalisierung in den Wirtschaftswissenschaften ablehnt und nach der ökonomische Ungleichheiten völlig normal sind.

Rationale oder irrationale Menschen gibt es nicht. Zumindest wenn es nach Taghizegdan geht. Menschen haben individuelle Ziele und Motive und können deshalb nicht als rational oder irrational eingestuft werden. Diese subjektivistische Weltanschauung stellt einen zentralen Pfeiler der österreichischen Schule dar. Anstatt dass äussere Gründe das Verhalten von Menschen erklären, wird davon ausgegangen, dass jedes menschliche Handeln durch subjektive, individuelle Eigenschaften ausgelöst wird. Diese Grundannahme führt zur subjektiven Wertlehre, nach der der Wert von Gütern subjektiv bestimmt und von Person zu Person, je nach Vorliebe/Präferenz, unterschiedlich beurteilt wird. Eine Wertlehre im Widerspruch zur Arbeitswerttheorie der marxistischen Ökonomie.

Als Folge des methodologischen Subjektivismus, werden in der österreichischen Schule keine Formeln, Variablen oder Konstanten verwendet. Denn jeder Mensch ist ja individuell: Wie soll da menschliches Verhalten mathematisch dargestellt werden? Nutzenfunktionen und andere mathematische Formalisierung werden demnach im Gegensatz zur Neoklassik strikt abgelehnt.

Ableitbare Nutzenfunktionen sind Unfug

Der Marginalismus (auch Grenznutzen genannt, d.h. der Nutzen einer weiteren Einheit Gut) ist ein weiterer wichtiger Grundsatz der österreichischen Schule. Nach ihm können, so Taghizegdan, Menschen nur in spezifischen Kontexten Abstufungen aus Präferenzen und Zielen vornehmen. Der Marginalismus der österreichischen Schule orientiert sich zudem stark am Konzept der Opportunitätskosten, nach dem die Kosten einer Handlung der Verzicht auf andere Handlungen darstellt. Beispielsweise hätte Wasser für viele Menschen einen geringen Wert, wenn es allgegenwärtig wäre. Befinden wir uns jedoch in einer Wüste kurz vor dem Verdursten, wären viele Menschen bereit sehr viel für Wasser zu bezahlen. Denn würden wir in dieser Situation auf das Wasser verzichten wäre dies mit hohen Kosten verbunden und deshalb hat das Glas Wasser hier einen hohen Wert für uns. Weitere wichtige theoretische Konzepte der österreichischen Schule sind der methodologische Individualismus und der Realismus.

Ungleichheit als Folge von Präferenzen, Kapital und Geldschöpfung

Gegen Ende der Vorlesung geht Taghizegdan auf die Frage ein, wie ökonomische Ungleichheiten in der österreichischen Schule erklärt werden. Er nennt drei Gründe:

  1. Erstens spielen unterschiedliche Präferenzen der Individuen eine zentrale Rolle. So werden Menschen mit geringer Zeitpräferenz tendenziell reicher, da sie in der Gegenwart mehr sparen statt mehr konsumieren.
  2. Zweitens ist die Ausstattung von Kapital wichtig. Kapital wird dabei als eine «Struktur» angesehen. Zum Beispiel gegenseitiges Vertrauen in wirtschaftlichen Beziehungen, die Sparsamkeit oder der Fleiss einer Gesellschaft werden als Kapital betrachtet. Unterschiedliche Kapitalausstattungen führen dann zu Ungleichheiten.
  3. Drittens, so Taghizegdan, führt Geldschöpfung zu Umverteilung von jenen, die kein Geld schöpfen können, zu jenen, die dieses Privileg haben, und damit zu Ungleichheit.

Auf die Frage, was der Zweck der Wirtschaft in der Wirtschaft sei, antwortet Taghizegdan, dass Wirtschaften in der österreichischen Schule keinen Zweck hat. Die österreichische Schule könne stattdessen nur erklären, wieso Menschen Wirtschaften: Nämlich, weil sie ihre individuellen Ziele in friedlicher Kooperation mit anderen Menschen viel besser erreichen können.

In der nächsten Vorlesung geht es in der Vorlesung von Prof. Binswanger um die Glücksforschung und die damit verbundenen Herausforderungen für die ökonomische Theorie.

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