Frauen, fangt an, euren Orgasmus einzufordern!

Sexkolumnistin Miriam Suter erklärt, warum kein Orgasmus auch keine Lösung ist.
07. August 2017

Freitagabend im vollen Interregio von Luzern nach Aarau: Ich habe gerade einen Tag voller Interviews hinter und eine Zugfahrt mit meinem Lieblingspodcast vor mir. Nebst den üblichen Verdächtigen – Schweissgeruch, Asia-Take-Away-Menüs und eine ausgefallene Klimaanlage – gibt es einen zusätzlichen Störfaktor: Zwei junge Frauen in meinem Abteil unterhalten sich über ihr Sexleben. Klingt spannender als mein Podcast. Spannend vor allem, als eine der Frauen erwähnt, dass sie beim Geschlechtsverkehr einfach nicht zum Orgasmus kommt. «Aber das macht nichts, ich finde Sex mit ihm auch so schön!», sagt sie zu ihrer Freundin. Ob sie mit ihrem Freund denn darüber spreche, will diese wissen. «Nein, ich will ja nicht, dass er denkt, mit mir stimmt etwas nicht.». Girl, ich würde dir gerne ein paar Worte sagen. Erstens: Tut mir leid für dich. Menschen, die Sex ohne Orgasmus «auch ganz schön finden», denen schmecken auch verkochte Spaghetti: Besser als keine Pasta, aber halt nicht wirklich befriedigend.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich höre, wie Frauen ihren fehlenden Orgasmus für sich behalten. Oder: Es schönreden und dann auf sich beziehen. «Bei mir funktioniert das nicht», oder noch schlimmer: «Ich kann das halt nicht» sind Sätze, die dann als Rechtfertigung fallen. Vorab: Wer beim Masturbieren kommt, der «kann» auch bei der Penetration kommen – rein technisch gesehen, natürlich. Woran liegt es also, dass wir uns zufrieden geben ohne grand final? Es gibt da einige Ansatzpunkte: Uns Frauen wird nicht schon von klein auf beigebracht, Dinge für uns einzufordern – im Gegensatz zu Männern. Wir werden im Kindergarten getadelt, wenn wir laut sind, gelten als Erwachsene, als «bossy», wenn wir uns gegen den Kollegen durchsetzen und als Schlampe, wenn wir unsere Sexualität selbst bestimmen. Reden wir darüber, sind wir «zickig», «emotional» oder «prüde». Diese Doppelmoral in der Sozialisierung der Geschlechter fängt schon früh an: Kommen Kinder ins Alter, in dem sie anfangen, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen, werden Mädchen weniger dazu ermutigt, ihre Vagina anzufassen und sie zu entdecken. Im Gegenteil. Eine Bekannte erzählte mir kürzlich, in der Kinderkrippe, in die sie ihre Tochter und ihren Sohn schickt, gibt es ein Wort für den Penis, aber keines für die Vagina. «Darüber sprechen wir hier doch noch nicht», sei die Begründung. Dass Jungs früher an ihrem Penis herumspielen als Mädchen an ihrer Vagina, führt dazu, dass sich die neurologischen Verbindungen zum Geschlecht viel früher und stärker bilden. Und das wird in der Zeit als Teenager nicht besser, Zeitschriften wie «Bravo» oder «Mädchen» kommen sowieso direkt aus der Hölle. Ich wusste eher, wie ich den perfekten Blowjob gebe, als dass mir bewusst war, dass ich einen G-Punkt besitze. Dass ich vielleicht lieber eine Frau beglücken will, stand für diese Teenieblätter sowieso nicht zur Debatte, aber das ist eine andere Geschichte. Viele meiner Freundinnen spielten damals ihrem ersten Freund Orgasmen vor, aus Angst, ihn zu verletzen. Kein Wunder: Von den Jungs wiederum wird erwartet, dass sie uns zum Orasmus bringen – ohne genau zu wissen, was wir mögen und wie das alles funktioniert, weil Nachfragen ist ja unmännlich. Ich finde es erschreckend zu sehen, in wie vielen Beziehungen unter Millenials das auch heute noch so abläuft.

Wer hat eigentlich das Gerücht verbreitet, dass nur ein Samenerguss Sex zu Sex macht – und ihn vor allem abschliesst? Ahja, stimmt: Das Patriarchat. Aber jetzt ist 2017 und wir sollten uns langsam davon lösen. Dabei wäre es ganz einfach: Frauen, fangt an, auch euren Orgasmus einzufordern. Seht ihn nicht als Sahnehäubchen an, das zwar ganz nett aber nicht unbedingt nötig ist. Das macht nämlich ganz schön viel Spass und trägt daneben einiges zum guten Energie-Flow zwischen den Laken bei. Masturbiert (noch) mehr, findet heraus, was euch anturnt, sagt es eurem Partner, eurer Partnerin, und überhaupt allen, mit denen ihr das Bett teilt – egal ob für Jahre oder nur eine Nacht. It ain’t over till the fat lady sings.

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