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Organspende: Ist der Tod Ansichtssache?

Jedes Jahr warten in der Schweiz tausende Menschen auf ein neues Organ. Diese Zahl soll sich minimieren. Deshalb soll künftig jede Person ihre Organe spenden, es sei denn, sie entscheidet sich zu Lebzeiten explizit dagegen. Die Diskussion um die Erneuerung des Transplantationsgesetzes wirft aber auch ethische Fragen auf.
10. Januar 2020
Praktikantin Redaktion

Organspende ist ein hochsensibles Thema. Es geht um Nächstenliebe, ethische oder religiöse Überzeugungen, hochspezialisierte Medizin und politische Forderungen – vor allem aber geht es um den Tod. Denn einige Organe können nur postmortal entnommen respektive transplantiert werden.

In der Schweiz warteten im Jahr 2018 über 1’400 Personen auf lebensrettende Organe. Da hierzulande hauptsächlich Niere und Teile der Leber von lebenden Personen transplantiert werden, sind potenzielle Empfänger*innen, die ein neues Herz oder eine neue Lunge brauchen, auf sogenannte Totspenden oder Leichenspenden angewiesen.

Infrage kommen jedoch nur Organe von Menschen, die nach einem schweren Unfall oder einer akuten Verschlechterung des Krankheitsverlaufs auf der Intensivstation versterben. Das sind jährlich um die 5'000 Personen. 2018 wurden schweizweit jedoch lediglich 158 Personen zum Organspender respektive zur Organspenderin.

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Systemwechsel wird angepeilt

Eine Zahl, die gesteigert werden könnte, würde in der Schweiz die Widerspruchslösung gelten, ist sich das Initiativkomitee «Organspende fördern – Leben retten» sicher. Momentan müssen Personen, die ihre Organe nach dem Tod spenden möchten, entweder eine Spendekarte bei sich tragen, im nationalen Register eingetragen sein oder den Wunsch einer Organspende ausdrücklich Familienangehörigen mitgeteilt haben. Sprich, sie müssen sich vor ihrem Tod mit dem Thema befasst haben. Ansonsten gilt: Wer sich zu Lebzeiten nicht dazu äussert, dessen Organe werden im Zweifelsfall nicht gespendet.

Die Widerspruchslösung würde dieses Prinzip umkehren und davon ausgehen, dass jede*r Bürger*in einer Organspende zustimmt, wenn nichts anderes bekannt ist. Eine Änderung, die durchaus Sinn macht, zumal sich gemäss einer aktuellen Umfrage, die im Auftrag von Swisstransplant durchgeführt wurde, zwei Drittel der Befragten sich tendenziell für eine Organspende aussprechen.

Trotz dieses Resultats und genügend Unterschriften kommt die vorgeschlagene Änderung des Transplantationsgesetz nicht vor's Volk – zumindest nicht in dieser Form: Nach der Einreichung Ende März 2019 hat sich der Bundesrat für einen indirekten Gegenvorschlag entschieden. Grund dafür ist das fehlende Mitspracherecht der Angehörigen im Initiativtext. Deshalb sei eine solch enge Widerspruchslösung «ethisch nicht vertretbar», schreibt der Bundesrat in seinem Bericht zum Gegenvorschlag.

Die Familie soll zwingend bei der Klärung einer möglichen Organspende miteinbezogen werden. Den Angehörigen wird somit ein subsidiäres Votum zugesprochen. Am 13. September 2019 ging der Gegenvorschlag in die Vernehmlassung. Im Herbst 2020 wird der Bundesrat die Botschaft zum revidierten Gesetz dem Parlament überweisen.

Gegenstimmen werden lauter

«Wir werden das Referendum ergreifen, wenn es nötig ist», sagt Alex Frei, Vizepräsident des Ärzt*innen-Vereins Äpol. Der pensionierte Humanmediziner und seine Vereinsmitglieder wollen den Entscheid nicht dem Zufall überlassen: Sie kämpfen gegen die Widerspruchslösung – egal, welche Form diese hat. Denn sie kämpfen gegen die Totspende. Grund dafür seien aber nicht religiöse Überzeugungen, stellt Frei klar: «Unser Verein ist der Meinung, dass hirntote Menschen nicht tot sind.» Eine gewagte Aussage, denn Organspender*innen sind – ausser im Falle einer Lebendspende – immer Menschen, welche einen Hirntod erlitten haben.

Der Tod ist ein Tabuthema, das in unserer Gesellschaft verdrängt wird.
Renato Lenherr, Intensivmediziner

Klassischerweise seien es Unfallopfer, die auf der Intensivstation mit Maschinen beatmet werden und deshalb das Herz weiterhin schlägt. Das Hirn, die Steuerzentrale der Körpersysteme, werde jedoch aufgrund der schwerwiegenden Verletzungen nicht mehr durchblutet. Ist dies der Fall, sprechen Fachpersonen vom primären Hirntod, erklärt Renato Lenherr, Intensivmediziner am Universitätsspital Zürich.

Der ärztliche Leiter der Donor Care Association (DCA) vergleicht den Hirntod mit dem Einsturz eines Wolkenkratzers: «Stellen Sie sich vor, der Hirntod ist wie ein Hochhaus, das in sich zusammenfällt, wenn es gesprengt wird. Das Gebäude als Ganzes ist irreversibel zerstört – auch wenn vielleicht eine Treppe oder ein Tisch dabei ganz bleibt.»

Trotzdem kritisiert der Verein Äpol die Vorgehensweise auf der Intensivstation und im Operationssaal: «Hirntote sehen aus, als würden sie schlafen», so Frei, «Erst nach der Organentnahme werden sie zu Leichen.» Eine Ansicht, der Oberarzt Lenherr mit den Worten widerspricht, dass Schlafende geweckt werden könnten. Bei Hirntoten sei dies nicht der Fall. Immerhin bei diesem Punkt gibt ihm der Äpol-Mitgründer recht: «Hirntote Menschen sind am Sterben, das ist schon korrekt.»

Hirntod: Willkür oder Wissen?

Das Hirntodkonzept kam Ende der 1960er-Jahre erstmals zum Tragen. Bevor durch den technischen und medizinischen Fortschritt das Beatmungsgerät eingesetzt werden konnte, starben Menschen, die ein schweres Schädelhirntrauma erlitten hatten, innerhalb Minuten. Denn wer nicht mehr atmet, erliegt zwangsläufig einem Herzstillstand. Die Möglichkeit, das defekte Atemzentrum mit der künstlichen Beatmung zu ersetzen, warf die Frage auf, ab wann ein Mensch tot ist. Diese Todesdefinition führt immer wieder zu Diskussionen. Nicht nur in Esoteriker*innen-Kreisen, sondern auch innerhalb Ethikkommissionen und zwischen Mediziner*innen.

Der Hirntod ist einer der genauesten Diagnosen in der Medizin.
Renato Lenherr, Intensivmediziner

Der Verein Äpol ist sich sicher: «Tot ist jemand, dessen Stoffwechselvorgänge nicht mehr funktionieren – und das passiert erst, nachdem das Herz aufgehört hat zu schlagen. Dann dauert es Tage, bis die letzte Zelle im Körper gestorben ist. Erst dann ist gemäss der naturwissenschaftlichen Todesdefinition ein Lebewesen tot.»

Intensivmediziner Lenherr verteidigt hingegen das Hirntodkonzept, sagt aber auch, dass die Definition vom Tod durchaus subjektiv sein könne und wo genau man diesen im Sterbeprozess einordnen würde, sei jeder Person selber überlassen. Er betont allerdings: «Der Hirntod ist eine der genauesten Diagnosen in der Medizin.» Wann das Leben erloschen sei, könne wissenschaftlich und medizinisch sehr gut dargestellt werden.

Und die aktuellsten medizinischen Erkenntnisse würden zeigen, dass beim Hirntod jegliche Funktionen wie Gefühle, Empfinden, Wahrnehmung, Kommunikationsmöglichkeiten sowie die Steuerung des Körpers ausgeschaltet sind. Alex Frei bleibt trotzdem skeptisch: «Wir wissen noch viel zu wenig über das menschliche Bewusstsein. Die Forschung in diesem Bereich ist noch nicht so weit, als dass eine Organentnahme bei hirntoten Patienten durchgeführt werden kann.»

Primärer und sekundärer Hirntod
Bei einem primären Hirntod versterben Patient*innen aufgrund einer irreversiblen Hirnschädigung, weshalb die Steuerung aller überlebenswichtigen Körpersysteme nicht mehr funktioniert und es deshalb zu einem Herz-Kreislaufstillstand kommt. Versterben Patient*innen an einem sekundären Hirntod, kommt es in einem ersten Schritt zum Herz-Kreislaufkollaps, weshalb das Hirn nicht mehr durchblutet wird und deshalb abstirbt.

Zwischen Medizin und Ethik

Der Verein spricht sich aber nicht nur gegen die Organentnahme an primär Hirntoten aus, eine Entnahme soll auch bei Personen, die am sekundären Hirntod erliegen, verboten werden: Der Tod, der laut Oberarzt Lenherr bei 99 Prozent aller Sterbenden auf der Intensivstation eintritt. «Im Grunde genommen ist das der ‹normale› Tod, bei welchem zuerst das Herz-Kreislauf-System versagt und aufgrund des fehlenden Herzschlags kein Blut mehr ins Gehirn transportiert wird.»

Dank dem Fortschritt der Medizin ist heute auch bei sekundär Hirntoten eine Organentnahme und spätere Spende möglich – obwohl die Organe für eine kurze Zeit nicht durchblutet werden. Fünf Minuten nach dem Eintritt des Herzstillstands dürfen den Patient*innen die Organe entnommen werden.

Man weiss nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.
Alex Frei, Vizepräsident Äpol

«Zu kurz», findet Äpol, obwohl dies den weltweiten Standards entspreche, wie Lenherr sagt. In Deutschland wird diese Form der Organspende nicht durchgeführt. Für Frei ein weiteres Argument gegen die Totspende, für Lenherr ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten: «Es gibt kein Gesetz, dass Mediziner*innen in Deutschland verbieten würde, eine Organentnahme nach Kreislaufstillstand durchzuführen; es ist eine Vorgabe der Bundesärzt*innenkammer.»

Bei Patient*innen, bei denen keine Heilungsmöglichkeit bestehe und in der Folge die bereits begonnenen lebenserhaltenden Massnahmen wie die künstliche Beatmung unter entsprechend schmerzlindernde Medikamente wieder rückgängig gemacht würden, um das Sterben zuzulassen, bestehe die Möglichkeit, nach dem Tod die Organe zu spenden – sofern dies dem Patient*innenwillen entspreche, so Lenherr. «Gewisse Kreise in Deutschland haben ethische Bedenken mit dieser Kombination, was mit der Vergangenheit des Landes zu tun haben kann.»

Für den praktizierenden Arzt ist wichtig, dass die Menschen verstehen würden, dass die Therapiezieländerung ein fester Bestandteil des ‹Sterbens auf der Intensivstation› ist – unabhängig von der Organspende.

Im Sinne aller

Für ihn seien beide Methoden der Organentnahme bei Hirntoten legitim und auch der erweiterten Widerspruchslösung gegenüber ist Lenherr positiv gestimmt. Während seiner Arbeit auf der Notfallstation werde er immer wieder mit Situationen konfrontiert, die seine Meinung dazu bestärken würde: «Wenn Menschen nach einem schweren Unfall zu uns kommen, stehen die Angehörigen unter Schock. Und wenn die im Sterben liegende Person sich zu Lebzeiten nie zur Organspende geäussert hatte, muss die Familie trotz diesem Schockzustand für sie entscheiden.»

Das könne für die Angehörigen sehr traumatisierend sein. In solchen Momenten würde die Änderung des Transplantationsgesetzes Abhilfe schaffen, ist sich der Mediziner sicher. Ausserdem käme man damit näher an den Wunsch der Patientin oder des Patienten, da sich alle Bürger*innen bereits früh mit dem Thema auseinandersetzen müssten.

Hirntote sehen aus, als würden sie schlafen. Erst nach der Organentnahme werden sie zu Leichen.
Alex Frei, Vizepräsident Äpol

Alex Frei von Äpol ist der Ansicht, dass sich Menschen viel zu leichtfertig mit dem Thema Organspende befassen und sich bei einer Zustimmung einem Risiko aussetzen, dass zum heutigen Zeitpunkt «nicht abschätzbar» sei: «Man weiss nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Die Spender*innen sterben ja gar nicht vollständig und ihre Organe leben verteilt auf andere Körper weiter. Die Wissenschaft weiss nicht, ob sie dies wahrnehmen und leiden. Deshalb ist die Entscheidung seine Organe zu spenden extrem irrational.»

Ein Punkt, bei dem sich beide Ärzte einig sind, ist, dass sich die Bevölkerung grundsätzlich mehr mit dem Thema Tod auseinandersetzen sollte. Heute sehe kaum mehr jemand einen toten Menschen. Das sei früher anders gewesen, als die Eltern noch zuhause gestorben seien, sagt Lenherr und ergänzt: «Der Tod ist ein Tabuthema, das in unserer Gesellschaft verdrängt wird. Deshalb weiss niemand so recht, wie man damit umgehen soll.» Frei bedauert ebenfalls: «Menschen setzen sich leider oft nur oberflächlich mit dem Tod auseinander, dabei werden wir alle einmal sterben.»

Über die Interviewpartner
Renato Lenherr ist Intensivmediziner am Universitätsspital Zürich. Der Oberarzt ist der ärztliche Leiter der Donor Care Association (DCA), die sich der Unterstützung von Organspende-Angehörigen und Fachpersonen auf der Intensivmedizin verschrieben hat. Alex Frei ist Vizepräsident von Äpol. Der Verein, der von Ärzt*innen und Pflegefachpersonen gegründet wurde, setzt sich gegen die Organentnahme bei hirntoten Patient*innen ein. Frei ist pensionierter Allgemeinmediziner.

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