Warum «Oper für alle» ein totaler Quatsch ist

Einmal im Jahr lädt das Zürcher Opernhaus das Volk auf den Sechseläutenplatz an eine öffentliche Show ein. Warum das nicht so toll ist, wie es auf den ersten Blick scheint, kommentiert Redaktor Simon Jacoby.
14. Juni 2018

Mitte Juni ist es wieder soweit: Das Opernhaus Zürich veranstaltet zum fünften Mal den Grossevent «Oper für alle». Rund 10’000 Besucher*innen werden von den Organisator*innen erwartet. Dann wird eine Aufführung live auf den Sechseläutenplatz gestreamt, es gibt Essensstände und ein «buntes Vorprogramm».

Wer das «kostenlose Grossereignis» erleben will, muss also nichts tun, als eine Sitzgelegenheit mitnehmen und es sich auf dem Granitplatz gemütlich machen, der sowieso ein öffentlicher Platz ist.

Es der zynischste Event der Zürcher Hochkultur. Die Elite will ihr Verständnis von Kultur dem Volk zugänglich machen. Notabene ist es das gleiche Volk, welches das Opernhaus jährlich mit über 84 Millionen Franken an Steuergeldern subventioniert (das ist mehr als die Hälfte aller Kulturausgaben). Unter dem Jahr sind die Preise für die Eintrittskarten allerdings so hoch, dass sich das gemeine Volk eine Opernaufführung schlicht nicht leisten kann (ausser die schlechten Plätze: ganz oben und hinter der Säule). Die Einnahmen aus den Kartenverkäufen mache jährlich lediglich rund 2 Millionen Franken aus, jedes verkaufte Ticket wird mit 350 Franken subventioniert.

«Oper für alle» ist also quasi die jährliche Bespassung der Financiers, also jener Menschen, denen das Zürcher Opernhaus überhaupt zu verdanken ist. Doch das mit dem Dank klappt nicht so richtig. Bei der «beliebten Freiluftveranstaltung» wird zwar etwas für das Volk gemacht, doch höchstens halbbatzig:

  1. Wir Zürcher*innen müssen unsere Sitzgelegenheit selber mitbringen,
  2. kriegen wir keine echte Oper zu sehen, sondern nur eine Videoübertragung aus dem Inneren
  3. und dürfen das elegante Opernhaus nicht betreten.

Das ist zu mager. Der Event auf dem Steinplatz ist nichts anderes als ein Marketing-Gag der subventionierten Hochkultur. Nichts gegen Kulturförderung, nichts gegen Subventionen für nicht-kommerzialisierbare Güter, nichts gegen das Opernhaus und nichts gegen die Hochkultur. Das Opernhaus ist eine Institution, die schon seit Jahrzehnten den Grossteil der kantonalen Förderung abstaubt und deshalb immer wieder von der Jugend- oder Underground-Kultur kritisiert wird.

Ein von der öffentlichen Hand finanziertes Haus müsste der Öffentlichkeit immer offenstehen. Mitsamt den bequemen Sesseln und mit Blick auf die echte Bühne und die echten Darsteller*innen. Wenn das die Macher*innen nicht wollen, sollten sie sich um eine private Finanzierung kümmern.

Denn ohne «alle» gäbe es keine Oper.


So gibt der Kanton Zürich sein Geld für die Kulturförderung aus:

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