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Bild: Elio Donauer

O du unperfektes Zürich, wie sehr ich dich achte

Mit einem polemischen Artikel hat die Journalistin Solmaz Khorsand in der «ZEIT» über die Stadt Zürich geschrieben. Der Artikel schlug hohe Wellen, natürlich fühlten sich einige Zürcher*innen missverstanden. So auch unser Gast-Autor Armin Morid. Darum hat er eine differenzierte Liebeserklärung an unsere Stadt geschrieben.
17. Dezember 2019
Gast-Autor

Nach meinem Studium war ich neugierig, ob das Leben in der Schweiz anders ist als in Deutschland. Ich begann, mich zu bewerben und landete in Zürich. Meine Freude über eine Wohnung gleich neben dem Epizentrum des Nachtlebens und des Rotlichtmilieus der Langstrasse war für meine Bürokolleg*innen nicht nachvollziehbar. «Da würde ich gar nicht erst nach einer Wohnung schauen», sagte einer. Andere stimmten ihm zu. Von Kriminalität und Dreck war die Rede.

Meine späten Teenager-Jahre in meiner Heimatstadt Hamburg waren geprägt vom Feiern auf der Reeperbahn. Es war vollkommen normal, dass jedes Wochenende jemand auf dem Kiez erstochen wurde. Man bahnte sich seinen Weg in die Disko vorbei an finsteren Gestalten und hoffte einfach, nicht Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.

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Wovon redeten also die Zürcher*innen? Das Schlimmste, was einem nachts auf der Langstrasse passieren kann, ist von einer zeternden Trans-Prostituierten verhöhnt zu werden, weil man ihre Dienstleistungsangebote ausschlägt. Um fünf Uhr morgens fällt zuverlässig eine Armada an Strassenkehrfahrzeugen ins Quartier ein und macht kurzen Prozess mit den Überbleibseln des temporären Exzesses. Dazu passt, dass die Gehwege in Zürich nicht gepflastert, sondern asphaltiert sind. Der Gedanke, dass zwischen den Ritzen hübscher Pflastersteine nun mal Schmutz steckenbleibt, ist anscheinend niemandem zuzumuten. Niemand soll deswegen schlaflose Nächte durchleiden.

Heute bin ich in der mittlerweile dritten Wohnung an der Langstrasse zuhause. Genauer gesagt wohne ich wieder in Zürich. Denn ich kann die Erfahrungen von Solmaz Khorsand, die sie in ihrem Gastbeitrag in der ZEIT geschildert hat, gut nachvollziehen und auch mich trieb die Stadt anfangs fast in den Wahnsinn – und dann in die Flucht.

Irgendwann hatte ich es satt mich belehren zu lassen, dass Zürich eine Metropole sei.

Nach über acht Jahren Standortloyalität hatte ich erst recht keine Lust mehr auf die Frage, warum ich als Deutscher überhaupt hier sei. Ist es der Job? Geht es um die hohen Löhne? Anscheinend braucht man einen monetär-kompensatorischen Grund, um in dieser Stadt zu bleiben, wenn man nicht als Teil der einheimischen Flora festgewachsen ist. Ebenfalls verbreitet ist die Annahme, man liege wegen einer Beziehung räumlich in Ketten. Aber das sind Kleinigkeiten.

Womit ich wirklich hadere: Wenn sie welche haben, unterdrücken viele Zürcher*innen im Alltag ihre Neugier auf Menschen, die sie noch nicht kennen. Man beobachtet häufig ein seltsames Schauspiel, bei dem sich demonstratives Ignorieren mit scheuen Blicken abwechselt. Es scheint auch keine positive Einstellung zu einem durchaus gesunden Mass an Mitteilung zu geben. Ich kann mir das nur dadurch erklären, dass Deutschschweizer*innen in ihrer Kindheit vermutlich der Drang zum Reden ausgetrieben wird: als etwas Lasterhaftes, Selbstbezogenes, Oberflächliches – vielleicht auch Riskantes.

Schlimmer noch: Dem universellen menschlichen Streben nach Verbindung haftet in der Deutschschweiz anscheinend ein Stigma an. Als ich aus den USA-Ferien wiederkam, fiel mir in einem Café eine Mittzwanzigerin auf, die neben mir an der Theke stand. Sie war in luftige, bunte Tücher gekleidet. «Ich mag dein Outfit», sagte ich zu ihr. So, wie Leute in Amerika Dinge sagen wie «I like your shoes!». Mit versteinerter Miene griff sie nach ihrem Cappuccino, drehte sich auf der Ferse um und lief schnurstracks zum Ausgang. Stimmt, ich war wieder zurück.

Also zog ich nach Los Angeles, um dort ein neues Zuhause zu finden. Stolz erzählte ich: «In Zurich, I lived in the red-light district.» Ich war bereits mehr an Zürich assimiliert als mir bewusst war. Denn bei den zahlreichen jüngeren Zürcher*innen, die irgendwie Teil des alternativen Milieus sind und ein Gegengewicht zur bornierten Finanz-Schweiz bilden, definiert sich Sozialprestige über Dinge wie eine abgeranzt-coole Wohnlage oder Einladungen auf private Underground-Parties. In L.A. erntete ich dagegen Entsetzen für mein Domizil im Rotlichtmilieu. Das Elend in L.A. ist nämlich omnipräsent und real, es reicht bis an die eigene Haustür. Kein Wunder, dass daher auch viele Millenials althergebrachte Lebensentwürfe verfolgen: Karriere, Autos, Konsum. Mir wurde bewusst, dass der wahre Zürcher Luxus darin besteht, dass es recht einfach ist, dieses Spiel nicht eins-zu-eins mitzuspielen und dabei in guter Gesellschaft zu sein. Und darin, zu jeder Tageszeit öffentlichen Raum nutzen zu können, weil er vorhanden, sauber und sicher ist. Und so kam ich wieder nach Zürich.

Es gibt kein Entrinnen vor der Vergangenheit in Zürich, höchstens ein Verdrängen, wenn man das vorzieht.

Anders als in Zürich sind in Los Angeles die Insignien von sozialer Ein- und Ausgrenzung kein Baukasten, aus dem sich privilegiert aufgewachsene Millenials ihren Stil kuratieren, um badass rüberzukommen. Der Zürcher Wohlstands-Badass ist dabei ein Stadt-Archetyp ohne humorvollen Blick auf Metaebenen und seine inhärent menschliche Unzulänglichkeit. Er ist ein auf rough gestyltes, bärtiges Püppchen, gerne auch tätowiert, mit Ohrringen und Piercings – und will angehimmelt werden, ohne zu zeigen, dass er es geniesst. Er hat sich nie der Verwundbarkeit preisgegeben, die ausserhalb seines vertrauten Nests lauert. Das bräuchte Mut, courage, wie Brené Brown gerne betont, und davon ist in Zürich nicht sehr viel vorhanden. Dafür umso mehr penibel gepflegte Infrastruktur.

Momentaufnahme von Unperfektion an der Langstrasse. (Bild: Seraina Manser)

Die Tragik von Zürich, von ihren Bewohner*innen und ihrer Regierung, liegt für mich darin, dass die Stadt etwas ganz anderes sein soll, als sie ist und sich nicht sehen kann für das, was sie besonders macht. Dabei ist Zürich mit all seinen Quartieren wie ein Kinderbuch mit quirligen Wimmelbildern: Alles spielt sich auf kleinstem Raum ab. Mit der Zeit trägt man einen Abdruck der Stadt in seinem Kopf mit sich herum, so klein ist sie. Man ist vertraut mit vielen Gebäuden, Kiesplätzen, Brunnen und sogar Bäumen und erkennt sie aus der Entfernung. Man verknüpft sie mit zahllosen Erinnerungen an Freund*innen, Liebschaften, Beziehungen, Jobs und Lebensabschnitte. Immer mehr Erinnerungen bevölkern die Stadtkarte wie rote placemarks. Und irgendwann trifft man jede*n Bekannte*n wieder – mehrmals. Es gibt kein Entrinnen vor der Vergangenheit in Zürich, höchstens ein Verdrängen – wenn man das vorzieht.

Zürich ist eine dieser Städte, die manche Menschen jeden Winter zu einer Inventaraufnahme der eigenen Lebenszufriedenheit motivieren kann (Helsinki ist vermutlich auch so eine Stadt). Bis auf ein paar wohlig warme Kellerclubs erstarrt sie zu einem grauen, tristen Brocken, der von der Sonne verschmäht wird. Früher oder später aber kommt fulminant der Zürcher Sommer.

Dann gilt: Zürich ist frische Luft und sanftes Licht. Eine eigenartig besinnliche Stille mitten im Zentrum. Schwimmen im klaren, schillernden Wasser der Limmat und des Sees, das latent nach Gurke riecht. Der rötlich-goldene Himmel, der sich in den Gleisen spiegelt, wenn man beim Sonnenuntergang auf der Hardbrücke steht. Zu später Stunde planlos herumlaufen durch glühend warme Strassen und auf Wanderwegen, die von Natriumdampflampen in ein leuchtendes Orange getränkt sind. Im Kreis auf der Strasse sitzen und trinken. Leichtbekleidet unter dem Nachthimmel zu House und Techno tanzen. Rumknutschen auf Holzbänken. Am nächsten Brunnen Halt machen, wenn man Durst hat.

Für mich als extrovertierten Ausländer, der nie durch den Kitt einer gemeinsamen Sozialisierung mit den Zürcher*innen verbunden sein wird, ist das Leben hier auch ein Leben für die Ausnahmen, wenn sich Menschen einen Ruck geben und Magie entsteht. Die tiefen Decken, die nerven mich bis heute.

Über den Autor
Armin Morid, 32, arbeitet als Markenstratege und Kommunikationsberater, ist im Bermuda-Dreieck zuhause mit absehbarem Ende wegen Luxussanierung, in Hamburg geboren und aufgewachsen, zog nach dem Studium aus purer Neugier von Deutschland nach Zürich.

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