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Offener Brief an Bundesrätin Amherd: «Helfen Sie den hungrigen Menschen!»

Hunderte Menschen haben in der Corona-Krise zu wenig zu essen. Jede Woche stehen sie in Zürich und anderen Städten stundenlang an, um von «Essen für alle» eine gratis Mahlzeit zu bekommen. Einer der Initiant*innen wendet sich nun mit einem offenen Brief an die Bundesrätin Viola Amherd und hofft Massnahmen gegen die Armut.
21. Mai 2020

Von: Amine Diare Conde, Sohn der Helvetia


Sehr geehrte Frau Bundesrätin Viola Amherd

Seit ein paar Monaten erleben wir in unserem Land einen unerwarteten Feind: das Coronavirus, auch Covid-19 genannt. Diesen Feind interessieren unsere Waffen und Panzer nicht. Diese können uns jetzt nicht helfen.

Als Sohn der Helvetia war es für mich sehr wichtig, irgendeine Möglichkeit zu finden, um die Leute, die in unserem Land leben, zu unterstützen, bis wir diesen Feind besiegt haben. Weil ich von Anfang an gemerkt habe, dass nicht alle zu Hause bleiben können, wie es das Bundesamt für Gesundheit gefordert hat, musste eine Lösung her.

Viele Einwohner und Einwohnerinnen unseres Landes hatten Panik und Angst. Es ging nicht nur um Corona, sondern es stellte sich ihnen die existentielle Frage des Überlebens. Das betrifft zum Beispiel Obdachlose, abgewiesene Asylsuchende, Sans-Papiers oder Einheimische mit niedrigem Einkommen. Viele von ihnen haben Kinder oder sind alt oder leben von einem Tag zum anderen und haben keine Reserven. Ihr Leben ist bedroht, wenn sie nicht arbeiten können. Manche erhalten üblicherweise Essen von den Kirchen, Gassenküchen oder von gemeinnützigen Vereinen. Aber wegen Corona haben die meisten von ihnen geschlossen, da viele der Helfenden selbst Risikopatienten sind.

Ich, als Sohn der Helvetia, konnte keine Ruhe finden, ich musste etwas tun, weil ich weiss, was Hunger ist. Ich weiss es besser als Helvetias Behörden: aus eigener Erfahrung.

Nach vielen Anrufen und Schreiben, um Essen für die Bedürftigen zu finden, gelangte ich an eine Firma, von der ich über fünftausend Portionen Lebensmittel geschenkt bekam. Aber das reichte gerade einmal für zwei Tage. Obwohl das Essen nur im Kanton Zürich verteilt wurde. Mein Telefon lief heiss. Ich war richtig überrascht, dass in Zürich so viele Leute auf Hilfe angewiesen sind. Die Nachfrage wurde immer grösser. Ich musste sofort eine langfristige Lösung finden.

Auf der einen Seite musste ich nach Geld und Essensspenden suchen, dabei musste ich mit den Firmen über die Preise für die Essenslieferungen verhandeln, auf der anderen Seite musste ich dauernd das Telefon abnehmen, weil Menschen, die Essen brauchten, anriefen. Ich habe kaum geglaubt, dass ich das bin, der das alles macht.

Deswegen haben wir von der Autonomen Schule Zürich aus einen Spendenaufruf gemacht. Mit den Spenden finanzieren wir die Lebensmittel, die wir seit über zwei Monaten im Kanton Zürich gratis verteilen. Die Lebensmittel und Hygieneprodukte werden auch in Notunterkünfte für abgewiesene Asylsuchende gebracht. Aber die Nachfrage wird immer noch grösser, weil auch in anderen Kantonen bedürftige Menschen leben. Deshalb unterstützen wir auch Organisationen in anderen Kantonen und verteilen Lebensmittel, zum Beispiel in den Kantonen Bern, Solothurn, Aargau, Freiburg und Basel.

Leider sind unsere Ressourcen knapp. Wir sind über 200 freiwillige Helferinnen und Helfer, die sich für die Nahrungssicherheit unserer Mitmenschen in der Schweiz einsetzen. Ich bin mir sicher, dass Sie als Mitglied der CVP den Wert der Nächstenliebe kennen und schätzen

Wir machen diese Arbeit sehr gerne, weil sie wichtig und nötig ist.

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie man eine Lösung finden könnte. Meine Gedanken haben mich schliesslich dazu gebracht, mich an Ihr Departement zu wenden. Denn das Wort «Armee» ähnelt dem Wort «arm» und vielleicht finden auch Sie einen Bezug. Da die Armee den Auftrag hat, das Volk gegen Feinde zu schützen, und Armut in meinen Augen einer ist, fände ich es schön, wenn Sie uns dabei unterstützen könnten.

Deswegen möchte ich fragen, ob es möglich ist, das Budget der Armee für Waffen, Munition oder Panzer für das Jahr 2020 um 0.1% (4.5Mio) zu kürzen, um den grössten Feind unseres Landes, die Armut, abzuschaffen. Wir wären auch dankbar für die Unterstützung der Armee beim Transport und den Lieferungen der Lebensmittel.

Wir haben gut ausgebildete Soldaten in der Schweiz. Es wäre sehr schade, wenn wir ihre Fähigkeiten nicht nutzen würden. Ich habe gegoogelt, was ein Panzer kostet und festgestellt, dass ich mit dieser Summe ein ganzes Jahr lang dafür sorgen kann, dass niemand Hunger leiden muss. Ich frage mich, welchen Wert ein Panzer hat im Vergleich zu einem Leben? Wozu Panzer, wenn sie keine Leben erhalten können?

Corona lässt mich darüber nachdenken, wie es wäre, wenn wir dieselbe Brille aufsetzen würden wie das Virus. Es urteilt nicht. Was wäre möglich, wenn wir das auch nicht täten? Niemand müsste auf unserer Erde Hunger leiden, weil wir mehr als genug Nahrung haben. Es fehlt uns nur die Solidarität. Ein Wert, den ich sehr stark im Christentum (der Basis ihrer Partei) wiederfinde und von dem ich hoffe, dass ihm wieder mehr Gewicht beigemessen wird.

Ich verbleibe in gespannter Erwartung Ihrer Antwort und Ihrer Lösungsvorschläge.

Freundliche Grüsse

Amine Diare Conde
Sohn der Helvetia

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