Die Odeon Odyssee – Eine Reise durch die Zeit

Im Café «Odeon» scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Es ist eine historischer Ort, in welchem Persönlichkeiten wie Lenin oder Einstein Zuflucht vor Krieg und Unterdrückung fanden. Auch heute ist es ein Zufluchtsort – jedoch mehr vor dem stressigen Alltagsleben.
04. Januar 2018

Autor: Julian Kreiner

«Sorry no wifi, talk to each other» steht über der Bar geschrieben. Neben der massiv geschwungenen Marmortheke ist es das Erste, was einem ins Auge sticht, wenn man durch die hölzerne Doppeltür vom geschäftigen Bellevue ins Café «Odeon» tritt. Mit der imposant hohen Decke, den roten Marmorsäulen und der Steintheke fühlt man sich gleich zurückversetzt in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Einer Zeit ohne Wifi, dafür umso mehr Zeit für intellektuelle Gespräche und besinnliches Kaffeetrinken. Im Hintergrund läuft sanfte Jazzmusik, unter dem weichen Licht der Kronleuchter wird Kaffee getrunken und «NZZ» oder «Tages-Anzeiger» gelesen, welche aufliegen.

Es herrscht eine angenehm entspannte Ruhe im «Odeon». Sie scheint fast trügerisch, wenn man daran denkt, dass früher in diesem Café wissenschaftliche und politische Revolutionäre ein- und ausgingen. Albert Einstein traf sich nach den Vorlesungen mit seinen Student*innen, um über Mathematik und Physik zu diskutieren. Lenin, ein kommunistischer Revolutionär und marxistischer Theoretiker, musste öfters aus Russland ins Exil flüchten – die meiste Zeit war er dabei in der Schweiz und besuchte das «Odeon» oft, um Zeitung zu lesen. Auch der feurige Anarchist Benito Mussolini verkehrte im Café – freilich lange Jahre bevor er Diktator des faschistischen Regimes in Italien wurde. Die Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch genossen die Neutralität des «Odeons». In jeder Ecke könnte Geschichte geschrieben worden sein. Man hat das Gefühl, als wollten die Geister dieser grossen Persönlichkeiten einen dazu anregen, unsere schnelllebige Gesellschaft zu hinterfragen und den revolutionären Funken in uns zu entfachen.

Wo einst Lenin und Einstein Kaffee tranken

Das «Odeon» ist stolz auf seine lange bewegte Historie. Gleich auf der ersten Seite der Speisekarte liefert das Café eine Zusammenfassung davon. Es wurde 1911 im Jugendstil der Wiener Kaffeehäuser erbaut. Antonio, ein sympathischer, gepflegter Spanier mittleren Alters arbeitet schon sein ganzes Leben in der Gastronomie – 27 Jahre davon als Kellner im «Odeon». Schon oft wurde er von Touristen gefragt, wo genau Lenin oder Einstein denn ihren Kaffee getrunken hätten. Er verweist dann auf einen der freien Tische. Mit einem Augenzwinkern beichtet er, dass er keine Ahnung habe, wo diese Herren früher gesessen hätten. Solange aber die Kundschaft glücklich mit seiner Auskunft sei, ist er das auch.

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Das Licht im Dunkeln

Antonio spricht viel von der «alten» Zeit des «Odeons». Früher sei das Café ein politischer Treffpunkt gewesen, in der Zeit des Zweiten Weltkrieges war es ein Rückzugsort vor dem in Europa kursierenden Faschismus. Anfang der 70er-Jahre entdeckte die am Bellevue ansässige Drogenszene das Lokal für sich. Durch den Drogenkonsum im Lokal und die dadurch entstandenen Unruhen musste das Café geschlossen und renoviert werden. In diesem Zuge wurde der Restaurantbereich verkleinert und der erste Stock geschlossen. Durch strengere Regeln und eine bessere Übersicht wurde der Drogenkonsum aus dem «Odeon» verbannt. Nach der Wiedereröffnung wurde es wieder zu einem Treffpunkt von Wohlhabenden, Intellektuellen und der homosexuellen Szene. Letztere waren zur damaligen Zeit immer noch in grossen Teilen der Gesellschaft geächtet und lebten ihre Liebe fernab der Öffentlichkeit. Das «Odeon» bot ihnen entsprechend Zuflucht: Hier wurden sie in ihrem Sein akzeptiert und toleriert. Heute ist das Publikum des «Odeon» durchmischter. Es bleibt hauptsächlich ein Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft. Man trifft wohl kaum mehr Menschen, welche an einem grossen Roman schreiben, an der Relativitätstheorie feilen oder eine Revolution planen. Wo früher der Champagner in Flaschen verkauft wurde, geniessen die Gäste heute eher ihren Kaffee und eine Rösti mit Spiegelei. Antonio ist ein wichtiger Teil des «Odeons» geworden. Für Stammgäste, welche immer am gleichen Tisch sitzen möchten, reserviert er schon im vornherein jeden Morgen ihren Platz. Einer dieser Stammgäste ist Rolf – wenn er auch nicht jeden Morgen erscheint.

«Der Schweizer hat zwei Seelen»

Rolf sitzt am Tresen, trinkt Kaffee und blättert in der Zeitung. Er ist ein älterer Herr mit grauen Haaren. Mindestens einmal im Monat kommt er ins «Odeon». Hier hat er seine Ruhe und kann ungestört lesen. Besonders gut gefällt ihm das Licht der mit Perlen verzierten Kronleuchter, sie geben dem Café die ruhige und gemütliche Atmosphäre. Die Stimmung der früheren Geister lebe in diesem Café weiter und rege zum Sinnieren an, meint Rolf dazu. Der Schweizer hat seiner Meinung nach zwei Seelen: Eine für das Traditionelle und eine für das Internationale. Das Café «Odeon» habe dafür den perfekten Ort geschaffen. Hier können die Menschen ihren Gedanken freien Lauf lassen und die Chance ist gross, dass diese auch Gehör finden. Für Rolf ist das «Odeon» ein Kristallisationspunkt. Von hier aus wurden die verschiedensten politischen und wissenschaftlichen Ideen in die ganze Welt getragen. Die Odyssee des «Odeons» ist noch lange nicht zu Ende und auf die eine oder andere Weise nimmt sie Teil an der Geschichte jedes einzelnen Besuchers.

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Titelbild: Julian Kreiner

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