Oberer Letten: Sprayer rächen sich an kommerziellem Werbe-Graffiti

Am Oberen Letten zieht ein riesiges Werbe-Graffiti für einen Computer-Store die Aufmerksamkeit auf sich. Die Werbung prangt auf einer der raren Zürcher Flächen, wo Graffitis legal sind. Stadt und Street Artisten ärgern sich über diesen kommerziellen Missbrauch. Junge Sprayer*innen haben ein Witzchen auf das Graffiti getagt und es heute übermalen.
18. Mai 2017

Ein Werbe-Graffiti von Data Quest erzürnt die Zürcher Sprayer Szene. Die Jungs, welche am Donnerstag am Oberen Letten malen, haben nur wüste Worte für das Graffiti übrig. Wenn man die Schimpfworte weglässt, dann klingt das in etwa so: «Das ist eine absolute Frechheit – an eine solche Wand gehört keine Werbung. So ein Graffiti ist ein Verrat an der Subkultur».

Die Werbebotschaft prangt nicht von einer Plakatwand, sondern von den wenigen Quadratmetern wo Sprayen in Zürich nicht illegal ist. Die Fläche wird von der Stadt Zürich Graffiti Künstler*innen zur Verfügung gestellt. Insgesamt gibt es nur gerade drei solche Orte in Zürich: Oberer Letten, Freestylepark Allmend und Rote Fabrik.

Dass auf einer dieser raren Flächen ein Werbe-Graffiti prangt, missfällt auch der Zürcher Streetart-Königin Gabriela Domeisen. Die Aktion sei absolut «deplaziert, respektlos und belästigend». Im öffentlichen Raum werde man sowieso «schon dauernd unfreiwillig von Werbung zugemüllt». «Ich finde es eine Frechheit das die, die einzige kleine legale Wand die es in Zürich gibt so missbraucht wird», so Domeisen.

Auf unsere Anfrage an den Apple-Vertreter Data Quest, was es mit dem Graffiti auf sich habe, meldet sich die Agentur Silverspot. Die Film- und Audio Agentur hat das Graffiti für einen Werbeclip anlässlich des 25-Jahre Jubiläums von Data Quest sprayen lassen. Von einem Sprayer aus der Westschweiz.

Managing Director Remo Civatti beschwichtigt, «Es geht nicht darum, dass Data Quest eine gratis Werbeplattform erhält. Vielmehr geht es inhaltlich darum, eine authentische Umgebung zu schaffen.» Ausserdem stehe auf der Webseite der Stadt schwarz auf weiss, dass man dort sprayen dürfe. Rückblickend hätte man das Graffiti vielleicht gleich nach dem Dreh übermalen sollen so Civatti. «Ehrlich gesagt verwundert es uns schon ein bisschen, dass dieses Graffiti immer noch präsent ist. Das liegt wahrscheinlich an der sehr guten Qualität von unserem Künstler.»

Dass mit der Qualität der Data Quest-Werbung sieht die Zürcher Graffiti Beauftragte Priska Rast massiv anders. Sie hält die «Werbe-/Jubiläums-Botschaft» für kein klassisches Graffiti. Es ist womöglich mit der Spraydose entstanden, hat aber keinen Graffiti-Charakter. Werbung ist bewilligungspflichtig und hat auf freigegebenen Flächen nichts zu suchen.»

Ein solcher Fall von der Fehlnutzung der Graffiti-Wänden sei extrem selten. Während ihrer 13-jährigen Tätigkeit als Graffiti-Beauftragte habe sie erst drei bis vier mal einen solchen Fall mitbekommen: Eine Werbung einer Tourismusregion und zwei Graffiti von Umweltaktivisten – diese seien dann jeweils entfernt worden.

Graffiti mit Inhalten, die unerwünscht sind, werden auch auf freigegebenen Flächen nicht toleriert. Sie werden überstrichen oder im Sommerhalbjahr von anderen Sprayer*innen häufig innert Tagen wieder mit neuen Bildern übersprayt, so Rast. Gleiches gilt auch für das Data Quest-Graffiti: «Sollte die Werbung nicht in Kürze überdeckt werden, werde ich einen Auftrag zum Überstreichen geben.»

So weit kommt es aber nicht. Die Jungs, welche über das Graffiti herzogen, lassen auf Schimpftiraden Pinsel folgen. Über dem Data Quest steht schon eine weitere Grussbotschaft: «digitec stay out». Das sei natürlich ironisch, meint der eine. Über das Data Quest-Graffiti und den Digitec-Tag kommt dann viel weisse Farbe. Nach ein paar Tagen kehrt Ruhe ein am Oberen Letten. Die Sprayer haben sich die Fläche zurückgesprayt und die Computerläden wieder dort hin vertrieben wo sie herkommen. In Werbeheftchen, auf Plakate oder in den Apple Store an der Bahnhofstrasse.

→ Die Zürcher Graffiti-Beauftrage im Tsüri-Interview.

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