Mobilität im Fokus

Nur Junkies, Alkoholiker und Ausländer in der Notschlafstelle. Stimmt das Klischee?

Wie ist es in Zürich ohne Dach über dem Kopf zu leben? Zwei Obdachlose erzählen.
18. Januar 2015
Ihre Geschichten mögen unterschiedlich verlaufen sein. Bei dem einen ist es der Drogenkonsum, bei dem anderen die Depression. Gemeinsam haben sie nur eines: Wenn Herr und Frau Zürcher die Haustüren schliessen und sich in den behaglichen, überteuerten vier Wänden zurückziehen, beginnt für sie die Suche nach der nächsten Unterkunft. Doch was bietet die reiche Stadt Zürich jenen ohne festem Dach über dem Kopf? Und wie sieht der Alltag aus, wenn die Strasse das Zuhause ist?
Kirchenglocken beginnen zu läuten. Es ist 20:00 Uhr. Noch geschlagene 60 Minuten bis die Notschlafstelle an der dichtbefahrenen Rosengartenstrasse ihr Tor öffnet. Und dennoch tummeln sich bereits einige Gestalten unter dem Vordach der Eingangstüre und warten auf Einlass. Ein Bett für eine Nacht, Verpflegung, Koch- und Waschmöglichkeit, dies ist der Service, der die Notschlafstelle anbietet und täglich von etwa 35 bis 45 Menschen beansprucht wird. Nur Junkies, Alkoholiker und Ausländer machen Gebrauch vom Sozialsystem. So lautet zumindest das Klischee. Doch bereits beim ersten Blick erkennt man die Diversität der Betroffenen. Man findet Akademiker, Beamte, Frauen und Männer jeden Alters. Auf der Strasse landen kann jeder.
Die Pforte öffnet sich endlich und man lässt den Regen und die Kälte hinter sich. In Reih und Glied marschieren alle zur Administration. Nun funktioniert alles nach Schema. Jeder Gast wird empfangen, registriert und nach Bezahlung der obligatorischen fünf Franken auf ein Zimmer verwiesen. Einige bekannte Gesichter, werden mit einem Lächeln begrüsst. Für sie ist die Registrierung Routine. Wenige sind zum ersten Mal hier. Sie müssen ihre Personalien angeben, beweisen, dass sie in Zürich angemeldet sind und den sozialen Dienst wirklich benötigen. «Nicht Zürcher» dürfen eine Nacht bleiben. Danach werden sie der Zentralenabklärungsstelle übergeben.

Raucher zu Raucher, Junkies zu Junkies
Die Zimmer mit jeweils sechs Betten werden bezogen. Raucher zu Raucher, Junkies zu Junkies – Frauen in ihre separate Etage. Bei voller Auslastung können 52 Personen in der Notschlafstelle nächtigen. Aus dem Aufenthaltszimmer dröhnt laut «Pro 7» aus dem Fernseher. Beachtung schenkt dem Flimmerkasten allerdings niemand. Einige kochen zusammen, lachen, reden über tagesaktuelle Themen oder lesen Zeitung. Wie eine gewöhnliche Jugendherbe wirkt die Notschlafstelle, wenn sie belebt ist. Bis zur Nachtruhe um 1:00 Uhr haben ihre Gäste Zeit, um zu duschen, zu essen und es sich gemütlich zu machen.
Michael* (54) lebt seit zwei Jahren in der Notschlafstelle. Auch er widerspricht dem Klischee. Er ist kein Alkoholiker, kein Junkie und kein Ausländer. Aus seiner alten Wohnung wurde er rausgeschmissen mit der Begründung, die Wohnung werde saniert. Nun wohnen dort Asylbewerber – ein Trick des Vermieters, um die Wohnung mit wenig Aufwand immer besetzt zu haben. «In den 90igern konnte ich noch zwischen drei Wohnung auswählen, heute finde ich keine einzige bezahlbare» meint Michael. Er arbeitet selbständig als Reinigungskraft und verdient damit genug zum Leben aber für eine Wohnung reicht es nicht.
Egal ob als Student, Mindestlohnverdiener oder Familie, die Suche nach einer preisgünstigen Wohnung in Zürich ist schwierig.

Die meisten bleiben eine Nacht
Vor einem Jahr erlitt Michael zudem einen Hirnschlag. Nun wartet er bereits über ein Jahr auf die Invalidenrente. Als selbständig Erwerbender ohne Krankentaggeldversicherung werden die Anträge komplizierter. Arbeiten wie früher kann er nicht mehr, zu sehr hinterliess der Schlaganfall seine Spuren. Über mehrere Jahre in der Notschlafstelle zu leben ist eher ungewöhnlich. Die meisten bleiben eine Nacht. Mit einem Gesuch kann auf maximal vier Monate verlängert werden. Michael ist ein Ausnahmefall. «Doch bald bekomme ich IV und dann wird alles besser. Dann gehe ich auf Reisen.» Tagsüber ist die Notschlafstelle geschlossen. Dann arbeitet Michael, geht ins Internetcafé oder in die Bibliothek.
Michaels Geschichte ist nur eine von vielen, die zeigt, wie schnell sich das routinierte Leben ändern kann und wie unterschiedlich die Hintergründe der Betroffenen sein können.

Kein Unbekannter: Pfarrer Sieber
Die Notschlafstelle bietet zudem Standortgespräche, um die soziale Integration zu fördern. Dabei arbeiten die Betreuer eng mit den weiteren Angeboten der sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich. Nebst der Notschlafstelle bietet die Nachpension, vor allem älteren, sozial desintegrierten Menschen ein befristetes Einzelzimmer. Das begleitete Wohnuen bietet ebenfalls ein Einzelzimmer und richtet sich vorwiegend an suchtmittelabhängige, psychisch kranke Personen.
Ein weiterer wichtiger Beitrag zu den Sozialwerken bietet Pfarrer Sieber mit unter anderem dem «Suneboge», «Brothuuse», dass Obdachlosendorf in Zürich Affoltern und dem «Pfuusbus»

Obdachlos als Lifestyle
Peter* lebt auf der Strasse. Seine Geschichte beginnt mit einem Burn-out. Dann liess er Arbeit, Kollegen und sein geregeltes Leben hinter sich. Er wollte nicht mehr funktionieren, suchte Ruhe und Unabhängigkeit. «Es kann etwas Befreiendes haben, auf der Strasse zu leben.» – Ein Lifestyle? – «wenn man so will, ja.» Die Notschlafstelle nutze Peter nur, wenn es absolut notwendig war – wichtiger war ihm seine Ruhe. Er wollte sich bewusst nicht mit dem System auseinandersetzen. In der Notschlafstelle wird man registriert und muss ein Standortgespräch führen. Er wollte nichts ändern und wollte nicht zurück.
Es gibt Obdachlose in Zürich, die bewusst nicht Gebrauch von den Sozialwerken machen. Manche leben in Kommunen, manche alleine mit festem Schlafplatz, andere ziehen von Ort zu Ort. Peters ganzes Hab und Gut befindet sich in einem Rucksack – mehr braucht man nicht, um zu leben.
11:00 Uhr, belebte Bahnhofstrasse. Peter ist um zu «mischle» – das Fragen nach Kleingeld. Man weiss schnell, wo und wann man zu Geld kommt. Zürich ist klein und überschaubar. Ob in der Bahnhofstrasse, am Bahnhof selbst, auf der Bahnhofbrücke oder an Plätzen wie Limmatplatz, Stauffacher, und so weiter. Überall wo es Ansammlungen von Menschen gibt, kann man etwas verdienen. Hemmungen darf man keine haben, muss aber auch jede Antwort akzeptieren. Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit Essig. Freundlich und charmant fragen, ohne gross zu erklären, ohne selbstmitleidiges Gerede funktioniert am besten. Mit der Zeit weiss man auch wen man fragen soll, entwickelt ein Gespür. Man erkennt die ausweichenden Blicke der Leute oder sieht wie sie ihren Gang verändern. Einzige Regel beim «mischle»: Man fragt keine Mütter mit Kindern, keine Menschen mit Behinderung und man fragt nicht zweimal die gleiche Person.
Irgendjemand gibt immer Geld und sonst gibt es andere Strategien, wie am Bahnhof Gepäckswagen zurückbringen, die wegen Zeitmangel stehen gelassen wurden. Auch so kann man zwei Franken verdienen. Es reicht eigentlich immer für Essen, Zigaretten und Alkohol. Welche Rolle spielt Alkohol? Peter grinst. «Natürlich gibt es viele Säufer aber dafür muss man nicht obdachlos sein sein oder trinkst du nicht?» Viele trinken aus Einsamkeit, um zu Vergessen, um Schmerzen zu lindern. Dieses Klischee kommt nicht von ungefähr aber auch er habe gerne einfach mal ein Bier, weil es schmeckt. Komasäufer ist man deswegen noch nicht.

«Krank wird man nicht. Das Leben auf der Strasse härtet ab.»
Etwas Geld ist zusammen. Jetzt werden liegengelassene Zeitungen aus Trams und Zügen gesammelt. Schliesslich will man informiert sein und man braucht etwas zu lesen. An kalten Tagen kann man es sich im Bahnhof gemütlich machen, an sonnigen Tagen findet man genügend Parkanlagen, wo man sich in die Lektüre vertiefen kann. Peter hat auch einige Bücher in seinem Rucksack. Wenn er sie fertig gelesen hat, werden sie einfach umgetauscht. Wenn Peter gerade nicht nach lesen ist, geht er gerne ins Warenhaus, um etwas Fernsehen zu schauen. Dazu muss man eben wissen, wann was läuft. Meist in grösseren Geschäften läuft in der Sportabteilung der Sportsender. «Ich verpasse keinen Match. Sobald ich weiss wann ein Spiel läuft, finde ich eine Bar oder Kaufhaus und schaue es mir an.» Das Personal lasse ihn dabei ihn Ruhe. Wenn man sich benehme und nicht auffalle, dann reklamiere auch niemand.
Wie ist es mit krank werden? «Krank wird man nicht. Das Leben auf der Strasse härtet ab.» In vier Jahren war Peter nur einmal krank und beanspruchte die Diente des Ambulatoriums an der Kanonengasse, die zuständig sind für die Versorgung von Menschen, die sonst keinen Zugang medizinischen Behandlung haben.

Einen «Batzen» von den Beamten
Es wird Zeit, einen «Boge» (Schlafplatz) zu finden. Zürich liegt schon lange in der Dunkelheit. Es hat ein paar Grad über Null. Peter kennt sich aus, besitzt selbst jedoch keinen festen Platz. Einen unbesetzten Ort zu finden ist nicht schwer, wenn man weiss, was Zürich zu bieten hat. Wichtig ist nur, dass der Ort trocken und windgeschützt ist, idealerweise mit einer öffentlichen Toilette, die 24 Stunden offen ist und entfernt von einer Strasse mit Lärm von Autos und Fussgänger. Geeignete Orte sind öffentliche Gebäude. Das Amtshaus an der Uraniastrasse bietet alles. Den perfekten Ort findet man natürlich nicht immer. Was dann die Nacht bringt, kann man auch nicht wissen. Manchmal wird man geweckt von der Polizei, Securitas oder der SIP. Ärger mit den Behörden hatte Peter noch nie. «Ich verstosse gegen kein Gesetz und wenn du respektvoll mit ihnen umgehst, dann sind sie auch anständig zu dir.» Manchmal geben ihm die Beamten sogar einen Batzen. Peter will alleine einen Schlafplatz finden und seine Ruhe haben. Nach seinem warmen Schlafsack sehnt er sich bereits. Gute Nacht.

Wer noch mehr erfahren will: Der Verein «Surprise» bietet einen sozialen Stadtrundgang. Als Stadtführer zeigen Obdachlose Zürich aus ihrer Perspektive und geben einen tieferen Einblick in eine Welt, die man gerne ignoriert.
Titelbild: Stadt Zürich

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