Nur 13 Prozent der Musiker*innen an Schweizer Festivals sind weiblich. Warum?

Mit dem Zürich Openair ist der Schweizer Festivalsommer zu Ende gegangen. Auffällig: Die Organisator*innen der Openairs setzen vor allem auf männliche Künstler*innen.
26. September 2017

Mehrere Hunderttausend vorwiegend junge Menschen reisen jedes Jahr an diese 4 grossen Schweizer Openairs: Das Openair St. Gallen, das Gurtenfestival, das Openair Frauenfeld und das Zürich Openair. Was die Geschlechterverteilung anbelangt, ist das Publikum viel ausgeglichener als die Musiker*innen.

Wir haben die Line-Ups der vier Festivals bezüglich Frauenanteil analysiert und erschreckendes festgestellt.

1. Openair Frauenfeld

Am schlechtesten schneidet das Frauenfelder Festival ab. Ja, die Rap-Szene gilt nicht als Umfeld, wo Frauen besonders stark gefördert werden. Dennoch: Die Booker*innen hätten bestimmt mehr als vier Prozent weibliche Künstler*innen gefunden. Die einzigen Act mit Frauenbeteiligung waren Lady Leshurr, SXTN, Haiyti und Kwam.E.

Die Organisation wollte gegenüber Tsüri keine Stellung beziehen.

2. Gurtenfestival

Auch auf dem Berner Hausberg gehört keine einzige Frau zu den Headlinern. Nur jede 20. Person auf den Bühnen ist eine Frau, das ergeben 6 Prozent. Die junge Sophie Louise (& Keyboarderin), Evelinn Trouble bei Trust und Jessiquoi gehören zu den weiblichen Vertreter*innen auf den Stages.

So rechtfertigt sich das Festival: «Zu diesem Thema wurden nun schon wahrlich viele Artikel geschrieben und die Argumentationen bleiben mehrheitlich dieselben. Ich möchte das Thema nun nicht wieder aufrollen und von einer anderen Seite beleuchten.» Die zuständige Booking-Agentur buche Musiker*innen, die ins Konzept passen und schaue dabei nicht auf das Geschlecht. Zudem gäbe es deutlich weniger Frauen als Männer unter den Künstler*innen.

3. Openair St.Gallen

Beim zweiten Openair in der Ostschweiz sieht die Situation etwas besser aus: 21 Prozent weibliche Künstler*innen bespielen die Bühnen und Lorde ist sogar eine der Headliner*innen. Von den total 24 Musiker*innen singen glatte 12 im World Voices Chor, 3 bei Beth Ditto, 4 bei Savages und je eine als Begleitung bei Raye, Trust und Confidence Man.

So rechtfertigt sich das Festival: «Grundsätzlich gibt es weniger Frauen in Bands als Männer. Für uns zählt in erster Linie, dass die Band in unser Musikkonzept passt und dann auch noch verfügbar ist (Termin/Gage). Wenn diese Kriterien auf Bands mit Frauen oder Frauen-Bands zutreffen, umso besser, aber als alleiniges Kriterium können wir das leider aufgrund der Verfügbarkeiten nicht prioritär behandeln.»

4. Zürich Openair

Das jüngste der 4 Grossen kommt auf den zweithöchsten Frauenanteil auf den Bühnen. Immerhin 18 Prozent oder 23 der Musiker*innen sind weiblich. Mit The XX hat es sogar eine weibliche Headliner*in auf das Lineup geschafft. Auch wenn 18 Prozent immer noch sehr bescheiden sind, buchte das Zürich Openair 4,3-mal mehr Frauen als das Frauenfeld. Vielleicht liegt das auch daran, dass mit Marion Meier eine Frau das Sagen beim Booking hat.

Die Organisation wollte gegenüber Tsüri keine Stellung beziehen.

Rechnet man die Zahlen vom Openair Frauenfeld, vom Gurtenfestival, vom Openair St.Gallen und vom Zürich Openair zusammen, kommt man auf 61 weibliche und 472 männliche Künstler*innen, das ist ein Frauenanteil von 13 Prozent. Im Jahr 2017, wo der Genderdiskurs in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, ist das mickrig. Das wichtigste Argument, warum dieser Anteil viel höher sein müsste, ist aber nicht die aktuelle Debatte, oder eine Quote: Es gibt genügend gute weibliche Musiker*innen, um alleine mit ihnen ganze Festivals zu füllen.

Anmerkung zur Methodik:

Zum klarstellen, wie die Prozentsätze berechnet wurden: Da wir leider nicht jedes Konzert an jedem Festival anschauen konnten, haben wir nur die Hauptbühnen gezählt: Also nicht den Parisienne Cube, oder die Red Bull Lounge. Sondern zum Beispiel nur Sitterbühne und Sternenbühne.

Die Bandzusammensetzung wurde gemäss Wikipedia oder Bandwebsite gezählt. Hier gibt es natürliche Fehler, da manchmal Special Guests bei einem Festival dabei sind. Oder eine Hip-Hop-Combo mit spezieller Live-Band anreist. Doch ob es jetzt 4 Prozent oder 7 prozent sind, ändert am Gesamteindruck auch nichts.

(jas)

Titelbild: Flickr/Alo B.

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