«Nun, das ist doch klar, wir wollen ficken!»

Samstags wimmelt es nur so von Menschen an der Langstrasse. Gerade die «Taco Bar» mit den Frauen vor und in der Bar zieht viele Leute an. Das Bordell scheint beliebt zu sein unter den Zürcher Puffgänger*innen. Doch wer geht in dieses Etablissement und aus welchen Gründen? Eine Suche nach einer Antwort.
05. Januar 2018

Autor: Emre Oruc

Der Eintritt in die «Taco Bar» kostet zehn Franken, darin ist eine Stange Bier enthalten. Die Türsteher sind freundlicher als die meisten der Zürcher Clubs und zeigen wenig Aggressivität. Beim Betreten der Bar spürt das Trommelfell die Reggaeton-Musik. Gefühlt 50 Frauenaugenpaare beobachten und verführen gleichzeitig mit ihren etwas leicht abgewendeten Augen. Sofort mit einer Frau am Arm geht es weiter an die Bar. Man unterhält sich und lacht, es wird angefasst. Männer aus jeder Altersklasse und sozialen Schicht sind anzutreffen. Der eine etwas weniger elegant gekleidet mit einem Bier, der andere mit Anzug und der Nase in seinem Wein. Die Frau ist mittlerweile mit einem anderen Mann verschwunden. Frauen ziehen vorbei wie weisse Haie mit einem verführerisch geschwungenen Blick, der förmlich dazu auffordert, mit ihr ins Zimmer zu verschwinden.

«Für 50 Franken kann man hier mit gut aussehenden Frauen Sex haben.»

Eine Gruppe von drei Jugendlichen im Alter von 18 Jahren ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Die Haare sind zerzaust. Gesichter sind mit Pickeln übersäht. Jeder zahlt sein eigenes Getränk. Sie gehören zu den Jüngsten in der Bar. Weshalb sind sie hier? «Nun, das ist doch klar, wir wollen ficken!». Gelächter bricht aus. Durch die offene und direkte Art entsteht sofort eine Sympathie. «Wir haben eine Phase mit unserem Freundeskreis, in der wir jedes Wochenende hier in der «Taco Bar» sind.» Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimme hier. Für 50 Franken könne man mit gut aussehenden Frauen Sex haben. Auf die Frage, ob sie Freundinnen haben, kommen einige Schweigesekunden und schlussendlich ein Nein. Der eine unter ihnen ist zum ersten Mal in einem Bordell. Man sieht ihm an, dass er sich nicht wohl fühlt. Er redet wenig, ist die meiste Zeit an seinem Mobiltelefon und sieht nicht viel, was um ihn geschieht.

Währenddessen kommen neue Frauen. Mit noch kürzeren Kleidern. Frisch geschminkt. Nach Rosen duftend. Neidische Männerblicke füllen die Bar. Ein älterer Herr zückt seine Geldnoten hervor, während er sich mit einer Frau unterhält. Die beiden verschwinden. Das Bordell füllt sich zunehmend.

«Es ist meine dritte Ehe, ich habe zwei Kinder. Ich bin regelmässig hier.»

Zwei Albaner mittleren Alters, Arber und Levent. Arber macht einen seriösen Eindruck. Seine langen Haare nach hinten gegelt. Jede einzelne Strähne sitzt. Der Bart getrimmt. Seine Wortwahl ist bedacht. Auf die Frage, was sie hier machen, stosse ich auf Widerstand. Sie sind sich nicht sicher, ob sie reden wollen. Durch ein bisschen Smalltalk, woher sie kommen, was sie so machen, öffnen sie sich langsam. «Ich geniesse meinen Gin Tonic mit einem Kollegen. Wir unterhalten uns, wie das Leben so geht», meint Arber. Er komme nicht hierher, um Sex zu haben. Er sei seit fünf Jahren in einer Beziehung: «Ich würde meine Freundin nie im Leben betrügen.» Anscheinend gehen nicht alle für den Sex ins Puff.

Levent ist von Beginn an offen. Während andere Gäste mit Geldnoten um sich schmeissen, kramt er seine Münzen hervor. Er hat ein breites Lachen im Gesicht, welches seine ohnehin schon gelben Zähne noch mehr betont. «Es ist meine dritte Ehe, ich habe zwei Kinder. Ich bin regelmässig hier.» Daraufhin frage ich Levent, weshalb er ins Puff gehe. Levent antwortet: «Wenn man 20 Jahre lang den selben „Börek“ isst, hat man irgendwann keine Lust mehr. Es ist der Mangel an Liebe zuhause.» Er habe kein schlechtes Gewissen, «beim ersten Mal hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen. Ich konnte meiner Frau nicht einmal richtig in die Augen schauen. Wenn man das zweite Mal hier erscheint, geht es einem moralisch nicht besser, aber man gewöhnt sich daran. Ich habe auch jetzt ein schlechtes Gewissen, aber was soll ich machen. Wenn man einmal damit anfängt, wird man süchtig.» Süchtig nach was? «Süchtig nach gutem Sex und Aufmerksamkeit.» Er habe keine Angst, dass sie das erfährt. «Ich mache das schon lange. Ich glaube nicht, dass sie das jemals erfahren wird.»

Die Männer im Bordell fühlen sich wohl. Sie kommen hierher, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Bedürfnisse, die scheinbar nur in der «Taco Bar» befriedigt werden können. Bei den einen liegt es an der mangelnden Liebe Zuhause. Andere wiederum sind jung und hoffen, dort ihre Sexualität ausleben zu können. Manche kommen, um mit ihren Freunden ein Bier zu trinken und um sich zu unterhalten. Nicht jeder im Bordell möchte Sex. Die Atmosphäre ist anders als erwartet. Die Leute lachen und sind offen. Es kümmert niemanden, aus welchen Gründen man hier ist. Man ist einfach hier und geht.

Titelbild: Symbolbild, unsplash.com

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