Nostalgie im Autokino

Stadionbrache Zürich. Das Künstlerkollektiv Glück aus Basel macht hier Theater in Form eines Autokinos. Der Autor dieses Textes fuhr mit einem blauen Kia-Kompaktwagen vor und liess das Spektakel auf sich wirken.
12. Mai 2017

Ein Mann, lange Haare, vermutlich eine Perücke, Stirnlampe, Stiefel und Flanell-Hemd. Das ist Jürg. Er kommt gerade angefahren, als ich mit Niklaus vom Kollektiv Glück ein Gespräch führe über ihr Autokino, welches diese Tage über die Bühne geht. Er stellt seinen Göppel hin, welcher gleich zwei Ständer benötigt, so viel Zeug führt er mit sich. «Wänn goht’s los?» – bald, Jürg, bald. Es ist halb sechs und von Autokino zeugt lediglich die Leinwand, welche an der Fassade des ehemaligen Hardturm Stadions festgemacht ist. Die letzten Vorbereitungen laufen. Mit Spitzhacken wird noch Unkraut beseitigt, Kabel werden verlegt und Tische weggeräumt. Ein weisser Bus steht da. Drinnen sitzen fünf Männer mit Kopfhörern. Sie schauen aus dem Fenster. Es erinnert fast schon an einen Sportanlass mit konzentrierten Juroren.

Der Hot Dog Stand verkauft an diesem Abend über 50 Stück, doch von gerösteten Zwiebeln, Ketchup und Würstli ist in diesem Moment noch nichts zu sehen. Alles macht sich bereit für die Premiere. Mit dem Kickboard fährt einer herum und redet in ein Mikrophon. Dieses sendet auf der Frequenz 89.1 – eine schöne Zahl. Später werden die Besucher darüber den Ton des Dok-Films «Jäger und Sammler» sowie die weiteren Durchsagen der Veranstalter in ihren Autos hören. Für die non-automobilen Besucher an diesem Abend haben sie kleine Handsender.

Glück präsentiert an diesem Abend ihren ersten Film: «Jäger und Sammler». Er thematisiert Autofanatiker in der Schweiz und lässt Menschen unterschiedlichster Herkunft und Gesinnung zu Wort kommen. Immer ins Szene gesetzt, präsentiert uns «Jäger und Sammler» ein Porträtalbum mit starken Aufnahmen. Komposition, Schnitt und Bild sind gelungen, aber es sind die Menschen, welchen alle Aufmerksamkeit gilt. Man ist versucht zu sagen, dass alleine schon die Porträtierten und ihre Geschichten so viel hergeben, dass die filmische Aufbereitung ein Nachschlag ist – aber ein verdammt schöner, soviel ist sicher. Und es braucht dann auch die anfängliche Idee, solche Menschen aufzusuchen und vor die Kamera zu bringen. In «Jäger und Sammler» ist diese Idee sehr schön umgesetzt. Spiel, Satz und Sieg sozusagen.

Das Autokino findet in der Stadionbrache in Zürich statt. Das ehemalige Stadiongelände ist nahezu ein perfekter Ort dafür. Autos überall. Vorne eine vielbefahrene Strasse, eine alte Tankstelle und gleich nebenan das Hardturm-Parkhaus. Auto! Auto! Im Gelände haust der Verein Stadionbrache. Ich lasse mir sagen, dass dort die Meinungen über diese Veranstaltung auseinander gingen. Einige fanden es auf Anhieb grossartig und unterstützten das Projekt, andere wiederum hätten lieber keine Autos auf ihrem Gelände. Gleichwohl respektiert man die Ansässigen. Das geht dann soweit, dass die Autos ins Gelände gestossen werden. Und zwar von einem braungebrannten Bodybuilder mit dem Namen Florian. Ist er anfangs noch bekleidet mit eng anliegendem Muscle Shirt, kann er später nicht anders und schiebt die Wagen oben ohne an ihren Standplatz. Das sind gut 80 Meter und alleine eine Performance für sich (!).

Emissionsfrei geht’s dann aber doch nicht. Florian schaut noch dem angeschobenen Wagen hinterher, als er sich umdreht und zurückläuft zum nächsten Wagen, der in der Kolonne wartet. Die letzten Meter dann also doch mit Motor. Zwei Jungs vom Zirkus Chnopf weisen die Besucher mit Leuchtstangen auf ihre Holzböcke. Ja! Im Autokino stehen die Vorderräder rund 10 cm erhöht! Ob das wirklich etwas bringt, weiss ich nicht. Und übrigens: Wieso der Platz geteert ist, obwohl hier zuvor ein Stadion stand, kann mir an diesem Abend niemand sagen.

Überall stehen Radiogeräte, alte Ghettoblaster und Handsender. Die Übertragung läuft und schickt Dschungelgeräusche durch den Äther, dazu sanfte Gitarrenklänge von Victor, dem Musiker. Da ist etwas in der Luft, man spürt es. Die Wolken wissen das auch, sie türmen sich und bescheren uns später ein paar Regentropfen. Es kann losgehen. Das weiss auch Beni, das Plakat-Gesicht von Autokino. Schnauz, braune Augen und gelockte Haare. Geiler Typ. «The show must go on», ruft er und holt sich hohe Fünfen ab.

Die Herren Glück haben unterdessen ebenfalls Perücken angelegt. Beni kurvt mit einem gelben Velo herum und die langen schwarzen Haare wehen im Wind. Hier ist alles so filmreif, so inszeniert, alles ist Teil der Darbietung. Ich erwische mich immer wieder, wie ich annehme, das sei ein «normales» Autokino. Denkste. Hier ist alles Theater, alles ist Performance. Wenn Lukas mit einem alten Elvis-Mikro durch die Reihen der mittlerweile beachtsamen Menge an Automobilen hindurchgeht und mit seiner Sex-Stimme Sätze spricht wie: «Jetzt ist es gut, jetzt ist es gut...», «Bin ich noch da? Ja ich bin noch hier, auf der Stadionbrache» oder «Unser Kino ist radioaktiv. Unser Kino ist das letzte Kino ohne Rauchverbot» – dann lachen die einen, andere wiederum scheinen verunsichert. Die Provokation funktioniert.

Vorne beim Eingangstor hiess es schon: Warten. Jetzt am Standplatz wiederum: Warten. Ein Auto nach dem anderen. Das Warten ist gleichsam Ursprung und Kerngedanke des Projekts Autokino. Gregor erzählt mir, dass ihm die Idee des Autokinos gekommen sei, als er einmal mitten in einer Blechkolonne stand. «Stell dir vor, daraus würde was entstehen. Stell dir vor, man würde die Türen aufmachen und mit den anderen Menschen etwas anstellen, statt dass alle mit Flüchen um sich werfen!» Gregor sieht Autos als kleine Privaträume, in denen wir uns komfortabel bewegen können, immer sicher, immer so, wie wir’s gerne haben. Sobald sich aber eine Menge an Privatkarosserien sammelt, hat das Potential. Und um das geht es.

Hinzu kommt, dass Gregor schon einmal in einem Autokino war, in Pratteln. «Das hat etwas ultra-Theatrales, so ein Autokino.» Gregor beschreibt, wie er dann die Idee mit dem Warten mit dem Autokino verbinden konnte, denn dort komme alles zusammen: das Warten, das Auto, eine Gruppe Menschen, welche zusammen im Stau steht. «Uns war es wichtig, dass wir unseren eigenen Film drehen und diesen in unserem eigenen Kino zeigen. Ob das dann Theater ist oder was auch immer, ist in den Raum gestellt.» Es gehe ihnen vor allem darum, eine Atmosphäre zu schaffen, welche das Faszinosum Auto in den Mittelpunkt stellt. «Ein Autokino ist perfekt dafür!»

Wenn ich durch die Blechreihen gehe, sehe ich Citroens, Volvos, BMWs, alte Silbersterne und neue Ingoldstädter. Zuvorderst steht ein weisser Porsche, Baujahr 1981. Verdammt schicke Karre, ehrlich. Nichts aufgemotzt, kein Chrom, nichts. Einfach eine weisse Pracht. Wieso sie heute Abend hier seien, frage ich die zwei Insassen. Die Fahrerin zeigt auf ihre Freundin und sagt: «Sie war noch nie in einem Autokino und ich wollte ihr das heute zeigen.» Die Mitfahrerin stimmt ein: «Es ist einfach so romantisch! Die Dunkelheit, Lichthupen...und dann wird geknutscht!»

Romantisch. Das sagen sie alle. So zum Beispiel der Mitfahrer eines silbrigen Camaro Berlinetta, Baujahr 79. Dieser gehört seiner Freundin, welche sichtlich stolz ist auf ihr Schmuckstück. Darf sie auch, denn es ist vermutlich der exklusivste Wagen hier auf der Brache. Das Pärchen fährt im Alltag neben dem Camaro einen alten Volvo («der nicht totzukriegen ist») sowie einen japanischen Rennwagen (Datsun 240 Z). Auto! Auto! Als ich mich verabschiede, schickt der Mitfahrer noch nach: «Das vorhin war noch witzig: asiatische muscles haben hier amerikanische muscles angeschoben.» Damit meint er den guten alten Florian, der ein bisschen asiatisch aussieht. Kurzer Blick zu Florian. Immer noch oben ohne, gopfertelli.

Eine Piaggio Ape hat’s auch auf den Platz geschafft. Er ist rückwärts parkiert, damit man auf der Ladefläche liegen kann, die mit Matratzen ausgestattet ist. Es folgt nun eine interessante Begegnung: Der Fahrer hat sich gerade eine Ziggi gedreht und erzählt von seinem dreirädrigen Auto. Neben ihm Jan. Einfach mal schnell ein 9-Jähriger, der uns beiden erklärt, wo der Schwerpunkt bei diesem Auto liegt und was die Gefahren dabei sind. Ohne Zweifel ein Experte. Jan: «Vorhin, als du auf den Sockel gefahren bist, hast du die Kupplung ziemlich lange schleifen lassen. Das ist nicht gut, das weisst du?» – Fahrer und ich schauen uns an. Zu gut ist dieser Moment, als dass wir etwas sagen könnten. Endlich gibt der Fahrer zu: «Dieser Junge weiss mehr über dieses Auto als ich!»

Smart, neuer Benz und Mobility Cabrio. Und dann sehe ich sie endlich, die beiden VW-Käfer des Käfer-Clubs Schweiz. Beide in Schwarz, schlicht aufgemotzt stehen sie da und dürfen sich ein bisschen überlegen fühlen. Der Käfer, ja, das ist eine andere Geschichte. Von den Fahrern weit und breit keine Spur. Ich komme an einen weissen Fiat Panda, um den sich vier Frauen für ein Foto aufgestellt haben. Auf der Haube Antipasti. Florian schiebt unterdessen keine Wagen mehr, Florian ist bei den Frauen und zeigt seine Muskeln.

Aus den Lautsprechern von zig Autos schallt Lukas’ Sex-Stimme. Er hat gerade zu einer Hass-Tirade gegen Zugfahren angesetzt. «Wenn ich nur schon das Wort Zug höre, zücke ich den Revolver.» Es geht um die Unabhängigkeit des Autofahrers versus der Fahrplangebundenheit des Pendlers: «Der Kluge drückt auf die Tube, mein Fahrplan geht niemand etwas an.» Sodann läutet es zur Vorstellung. Es ist eben doch Theater. Die liebgewonnene Stimme dazu: «Für alle, die keine Karre haben, bleibt draussen ihr Pfeifen. Die anderen steigen jetzt bitte in ihre Karre. Es geht los.» Jetzt geht es rassig. Lukas, der Mikromann, rennt vor den Autos von links nach rechts und verlangt von den Fahrern ein Lichthupenkonzert: «Leuchtet mich an! Leuchtet mich an! Ich will Lumen auf meinem Körper, gebt mir Lumen!»

Und dann steht da plötzlich Beni (Aushängegesicht, geiler Typ) unter der Leinwand, welche auf einem Hügel steht. Er spricht langsam und formal. Bald schon das bekannte Zitat des Luzerner Strassenphilosophen, Emil Manser: «Ein bisschen unnötig Autofahren, ist ein bisschen Freiheit.» Unterlegt ist Benis Auftritt mit einem griffigen Riff von Victors Gitarre. Anfangs noch leise und begleitend, wird es immer lauter, wie auch Beni immer mehr in Euphorie gerät. Er rennt hinab zu den Autos, Rauchgranaten werden angezündet, Aufruf zu Licht- und Hupkonzert, geiler Sound, Beni wird begleitet mit einer Handkamera (Gregor). Die Bilder kommen direkt auf die Leinwand. Benis Aufruf: «Macht eure Türen auf, geht zum Wagen nebenan und wenn ihr zu ihm oder ihr ins Auto sitzt, dann wäre das doch schön. Lasst uns etwas erschaffen!» Es gibt gerade kein Halten mehr. Aber ist genau das, was mir Gregor vorhin erzählt hat: Was könnte mit Menschen passieren, die in einem Stau stehen?

Jetzt heisst es auch für mich: ins Auto zu sitzen und den Dokumentarfilm durch die Windschutzscheibe zu schauen. 89.1 ist eingestellt, die Tonqualität erstaunlich gut. Ich klappe meinen Sitz nach hinten. Wie für viele, ist es auch für mich das erste Mal, dass ich in einem Autokino bin. Und es funktioniert: Bild und Ton gehen wunderbar miteinander, keine Verzögerungen, keine technischen Probleme. Man gewöhnt sich sofort ans neue Setting.

Neben mir steht ein aufgemotzter Honda mit lauter Stickers (Decals). Ich weiss noch nicht, dass der Fahrer darin im Film vorkommen wird als «schnellster Bäcker von Zürich». Ich beschliesse, ihn und seine Frau in Ruhe den Film schauen zu lassen. Sie sind für sich, sind privat.

Während der Vorstellung werden treffende Statements, geile Wagen oder musikalische Intermezzi mit Licht- oder Tonhupen taxiert. Eine interessante Form der Kommunikation, wie ich finde. Es wird vor allem zugestimmt, bejaht. Bei den bewusst zugelassenen provokativen Aussagen eines Porträtierten hupt niemand. Nein, damit können sie nicht umgehen. Sie wollen Romantik, Autoradio und Ledersitze. So denke ich, geht der Ernst der Thematik an diesem Abend ein bisschen unter. Denn es gibt durchaus ernst zu nehmende Statements, die in «Jäger und Sammler» nicht kaschiert werden. Vielleicht ist der eine oder andere Besucher mit der Erwartung gekommen, sie zeigen hier Grease oder einen anderen Klassiker aus dieser Zeit. Wie sie den Film wohl wahrnehmen? Ob diese Leute denn begreifen, was ihnen Glück sagen will?

Insgesamt scheinen die Besucher den Film positiv aufzunehmen. Sie sind in einer heiteren Stimmung, müssen sie auch sein, denn die Crew hat alles unternommen, dass der heutige Abend ein besonderer wird. Besagte Rauchgranaten und Gitarrenriffs haben ebenso dazu beigetragen wie Florian the muscle man und seine zwei Akrobaten. Alles ist Theater, alles ist Performance.

Der Film endet mit einem epischen Soundtrack. Lichthupen-Applaus, akustische Zustimmung. Den Besuchern scheint es gefallen zu haben. Die Männer von Glück treten vor die Blechkolonne und verneigen sich. Manche steigen aus ihren Wagen und klatschen, immer wieder Lichthupen. Jetzt müssen auch die letzten begriffen haben, dass dies nicht irgendein Autokino ist, das muss mehr gewesen sein. Das muss irgendwie Kunst gewesen sein!

Bald schon fahren die ersten von ihren Sockeln, wenden und weg sind sie. Ihr Fahrplan geht niemand etwas an. Ihren Privatraum haben sie an diesem Abend in die Stadionbrache bewegt und im besten Fall die Türen geöffnet. Was passiert, wenn sich Menschen in einem Stau zusammenkommen und etwas geschieht? Wir haben es heute Abend gesehen: Eine neuartige Form des Austauschs: Lichthupen, ein zusammen-sich-Ergötzen über Motoren und Scheibenwischer; alles identitätsstiftende Momente des Zusammengehörens. Der blecherne Fetisch wird hier und heute Abend zelebriert. Ein Hauch Nostalgie schwingt aber mit. Alle wissen sie: Die goldenen Zeiten des Autos scheinen vorbei zu sein. Die shared-economy-Start-ups arbeiten ja schon seit einer Weile am gesellschaftlichen Wertewandel, der den PKW-Besitzern per se ein schlechtes Gewissen machen sollte, vorausgesetzt, sie benutzen es nur für sich. Mit Leidenschaft halten sie hier an den Lenkrädern ihrer Karossen und nehmen sich das Recht heraus, selber zu bestimmen. Mein Fahrplan geht niemand etwas an. Eine ur-liberale Bewegung auf vier, manchmal auch drei oder zwei Rädern.

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