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Noch während dem Konzert abonnierte ich Faber auf Spotify

30. August 2015
Chefredaktor


Unter Musikkennern und Konzertliebhabern ist der Sänger und Liedermacher «Faber» seit Längerem kein Unbekannter mehr. Für mich als Konzert-Nicht-So-Fest-Liebhaber und Musik-Laie war er bis am Röntgenplatzfest nur ein Name, der mich an ein Buch von Max Frisch erinnerte. Dann hat er mich in den Bann gerissen. Noch während dem Konzert abonnierte ich Faber auf Spotify und höre seither seine sechs Lieder in der Endlosschleife.

Nun, drei Tage später, treffe ich Faber zu einem Interview und bitte ihn um ein persönliches Gespräch. Er willigt ein – unter der Bedingung, dass wir nicht über seine Familie sprechen. Das hatte ich auch nicht vor. Ich will herausfinden, warum mich die Musik dieses 22-jährigen Mannes derart in den Bann zu ziehen vermag.

Im Song «Züri» singst du: «Alle deine Sorgen gehören dem Psychologen». Als ich das am Röntgenplatz gehört habe, dachte ich: Hoffentlich geht er nicht zum Psychologen, sonst käme aus ihm keine Musik mehr heraus. Faber: Vielleicht – ich gehe auch nicht. Meine Probleme sind wahrscheinlich die gleichen, wie sie andere auch haben. In unserer Leistungsgesellschaft ist es verbreitet, diese auf einen Psychologen abzuschieben, damit man am nächsten Tag wieder arbeiten kann.

Du klingst leidend. (lacht) Ja, meine Musik ist sehr emotional aufgeladen. Widersprüche und Gefühle wie Liebe, Ohnmacht, Sehnsucht und Hoffnung haben wir bestimmt alle in uns. Aber nicht alle stellen sie so dar und bringen sie auf ein Blatt Papier.

Geht es dir gut? Ja, im Moment bin ich sehr glücklich. Aber wo es rauf geht, geht es auch wieder runter. Das kennen wir ja alle. Natürlich bin ich emotional und sensibel und es geht mir darum, diese Gefühle zuzulassen und zu verarbeiten. Es wäre vielleicht besser, ich wäre etwas weniger sentimental. Zwischenzeitlich kann das anstrengend werden. Andererseits sind diese verzweifelten Phasen oft auch die produktivsten.

Ich komm her, fast jede Nacht, um zu schauen, dass du es nicht mit andern machst. Schau mich an und halt mich fest, du kriegst noch n Glas, wenn du mich unter dein Kleid schauen lässt. Tanz für mich, hier im Scheinwerferlicht.
Vielleicht macht genau das das Authentische und Persönliche aus. Vielleicht ja, kann sein. Wenn ich Songs schreibe, habe ich ein ganz bestimmtes Gefühl in mir und wenn ich diese dann später singe, lösen sie bei mir immer wieder die gleichen Gefühle aus.

Dann setzt du dich jedes Mal wieder mit dir auseinander, wenn du ein Lied spielst? Zum Glück nicht ganz so fest, sonst wäre es hart. Bis zu einem gewissen Punkt ist das sicher gesund. Wenn ich mich die ganze Zeit mit allem Vergangenen beschäftigen würde, würde ich wohl durchdrehen.

Wird es dir nicht irgendwann zu viel und du hast keine Lust mehr, gewisse Lieder zu spielen? Psychisch ist das nicht so schlimm, da kann ich abschalten. An Konzerten wird es mir bis jetzt auch nicht zu viel. Beim Üben ist das was anderes – da scheisst es zum Teil schon an, immer wieder das gleiche zu spielen.

Und wie gehst du an ein Lied heran, wenn du dich nicht mit Emotionalem beschäftigen willst? Leider kann ich nicht auf Abruf schreiben und spielen – aber ich arbeite daran. Ich versuche auch, Dinge umzukehren und von einem anderen Standpunkt anzuschauen. Manchmal entstehen die Lieder auch ganz banal, wenn mir ein Satz gefällt. Ich bin eh ein Sätzesammler, rundherum entsteht dann der Rest.

Und widersteh, dem Widerstand, steh standhaft neben dran, am Rand des Geschehens.
Im Lied «J’ai toujours rêve d’être un gangster» erzählst du einfach eine Geschichte von einem 13-jährigen Jungen, der mit der Vespa in die Nacht hinausfährt, Vodka-Mint trinkt und Frauen aufreisst… Genau! Das habe ich so beobachtet, als ich drei Monate in Palermo war. Das sind wirklich 13-jährige Gangster, die auf ihren Vespas oder Disco-Velos rumfahren. Da musst du nicht meinen, du seist der Grosse. Die sind wirklich heavy drauf. So kleine dicke Buben mit Räuberschnäuzen. Mir hat mal jemand gesagt, zu Beginn des Songs töne es, als sei die Figur eine Frau. Weisst du, warum?

Du trinkst Vodka-Mint, dass dein Atem danach nicht so sehr stinkt, denn du weisst, dass es heisst, wessen Atmen stinkt den küsst man nicht.
Ging mir erst auch so. Vielleicht wegen dem Vodka-Mint oder den Küsschen … Wie sieht dein Alltag aus, wenn du nicht in Palermo rumhängst? Stehst du um 9 Uhr auf und beginnst du spielen? (lacht) Nein, mein Alltag ist sehr dekadent. Ich mache ziemlich fest, worauf ich Lust habe: Ich stehe auf, wenn ich Lust habe und gehe an die Orte, auf die ich Lust habe. Das ist ein grosser Luxus. Es gibt dann aber doch auch immer genug zu tun – viele kleine Dinge füllen die Zeit auch.

Du lebst so richtig das Klischee-Künstlerleben. Klischees und Vorurteile sind was Schönes. Sie machen alles einfacher. (lacht) Aber he, ich wohne im Fall nicht im Kreis 4.

Genau, du bist im Seefeld aufgewachsen und wohnst jetzt im Kreis 6, wie ist dein Verhältnis zu Züri? Ja … Ich bin nicht sehr eng mit dieser Stadt. Obwohl ich hier aufgewachsen bin und ich gerne hier wohne, bin ich nicht Feuer und Flamme für Zürich. Es ist sehr angenehm und ich bin hier zuhause. Aber wäre ich nicht hier aufgewachsen, würde ich wohl nicht hierher ziehen. Zürich inspiriert mich nicht extrem.

Im Züri-Lied kritisierst du, dass wir ein Hochhaus bauen, um grösser zu wirken und die Stadt nicht mehr brennt, sondern alle nur noch am Einkaufen sind. Ist es schwierig, um hier und jetzt für etwas Grosses zu kämpfen? Es gäbe genug, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Aber es sind wohl alle etwas zu faul und bequem – ich ja auch, ich will mich da nicht ausnehmen.

In dir ist immer Montagmorgen, alle deine Sorgen gehören dem Psychologen. Und deine Ampeln stehen rot und dein Brot ist immer frisch, wie dein Gesicht. Du gefällst dir, wie du bist. Mir nicht.
Warum sind wir denn zu faul? Vielleicht ist es nicht Faulheit, sondern das viele Wissen, das wir zur Verfügung haben. Früher war die Welt auch komplex, aber man wusste weniger darüber. Mein Vater und Grossvater hatten noch Idole und Helden – Mao und Fidel Castro zum Beispiel. Heute wissen wir halt viel zu viel, aber nur oberflächlich. Niemand wäre mehr Castro Fan. Obwohl wir so viel wissen, verstehen wir die ganze Komplexität der Welt doch nicht so genau. Ich denke, die Angst vor der Naivität bremst uns heute.

Mit deiner Musik nimmst du ja doch aktiv Einfluss und kannst Kritik äussern. Ja, aber ich glaube nicht, dass sich viele Leute mit solchen Themen beschäftigen. Alles ist sehr oberflächlich und nur wenige Leute sind von einer Kritik berührt.

Warum machst du denn Musik? Weil ich nicht gemacht bin, um etwas anderes zu machen. Es ist gar keine Frage, dass ich Musik mache und ich habe auch keinen Plan B. Es wird schon funktionieren.




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Also bist du Vollzeit-Musiker und machst nichts anderes? Ja, also ich hänge schon viel rum. (lacht) Aber ich spiele oft italienische Liebeslieder in Restaurants, auf Hochzeiten und Geburtstagen, um Geld zu verdienen, Erfahrungen sammeln und weil es fast immer auch Spass macht. Und je mehr ich spiele, desto mehr Konzerte kommen dazu. Ich will so oft spielen, wie es geht.

Und davon kannst du leben? Inzwischen ist es kein Problem mehr. Ich war aber selber überrascht, dass es so gut geht. Es ist aber auch ein Auf und Ab: Im Februar verdiente ich 500 Franken, im Juni waren es 4500. Es ist extrem unterschiedlich.

Wie und wann hat dein Aufstieg als Faber angefangen? Vor etwa drei Jahren überredeten mich meine Freunde, Sophie Hunger anzusprechen. Also hab ich das gemacht und durfte ihr ein Lied vorspielen – sie hat es super gefunden. Damals hatte ich noch keinen Namen und keine Aufnahmen – nichts. Sie lud mich dann trotzdem als Vorband bei ihren Konzerten ein.

Warst du nervös? Ja, klar. Eigentlich bin ich nicht so ein aufgeregter Typ. Aber dort wollte ich halt Sophie Hunger gefallen, weil ich ein grosser Fan bin. Vor dem Publikum hatte ich keine Angst.

Wo denkst du, geht es noch hin mit dir? Wunschmässig oder was ansteht?

Beides. Im Moment sieht es sehr gut aus. Ich habe gerade in Köln vor wichtigen Leuten der Musikszene gespielt und da wird sich wohl noch einiges ergeben. Ich hoffe, dass es so weiter geht. Natürlich muss es oben raus, das ist keine Frage.

Du hast die Musik, die aus deinem Innersten kommt und auch die Freude an vielen Auftritten – was ist dir wichtiger: die Musik oder der Erfolg? Diese Frage ist falsch gestellt. Erfolg ist für mich sehr wichtig, so bleibe ich dran und kriege Bestätigung für das, was ich mache. Aber natürlich muss der Erfolg mit der Musik kommen, die ich toll finde. Insofern hängt es zusammen. Am wichtigsten ist mir, dass ich genau das machen kann, worauf ich Lust habe und damit Erfolg habe.

Wenn du überhaupt keinen Erfolg hättest, würdest du dann keine Lieder schreiben? Wenn ich keinen Erfolg hätte, würde ich weiterüben und versuchen besser zu werden. Bis es klappt. Das mache ich ja jetzt auch – und vielleicht wird dann mal was aus mir.

 

Faber ist bescheiden und ehrgeizig, spricht offen und lacht viel, während er sein Mineralwasser trinkt und an der Zigarette zieht. Er ist ein normaler junger Zürcher, der locker aber bestimmt seiner Leidenschaft folgt. Mein Ziel, herauszufinden, warum mir seine Musik so gut gefällt, habe ich in diesem eineinhalbstündigen Gespräch nur ansatzweise erreicht. Die Antwort muss ich wohl bei mir selber finden. Vielleicht sind es diese gewöhnlichen Gefühle wie Sehnsucht, Ohnmacht und Liebe, die wir alle in uns tragen. Vielleicht ist es die Leichtigkeit, mit der er diese Gefühle auf der Bühne zur Geltung bringt. Vielleicht sind es aber auch ganz einfach die kitschigen Melodien und schönen Sätze. Wer weiss.



 

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