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Bild: Samuele Errico Piccarini via Unsplash

No1s1 – dieses Blockchain-Haus soll sich selber gehören

Der Zürcher Think Tank Dezentrum präsentiert am 16. Oktober sein Projekt mit dem Namen no1s1. Als erstes seiner Art, soll sich das Haus künftig selber verwalten – ganz ohne Besitzer*in. Dabei wirft das Experiment Fragen auf, die nicht ganz einfach zu beantworten sind.
12. Oktober 2019
Praktikantin Redaktion

Stell dir vor, es gäbe ein Haus, das niemandem gehört. Ein Haus, das sich selber verwaltet – ohne Profitgier oder der Erwartung einer Gegenleistung. Dieses Gedankenexperiment könnte bald Wirklichkeit werden: No1s1 heisst das Projekt des Zürcher Think Tanks Dezentrum, das sich mit der alternativen Form eines öffentlichen Veranstaltungsortes auseinandersetzt.

Mit No-one’s-one will das Team rund um das Projekt ein gesellschaftliches Problem lösen. «Findet eine Party an einem öffentlichen Ort statt, stellt sich immer die Frage: Wer ist dafür verantwortlich?», so Lukas Hess, einer der Initianten von no1s1. «In den meisten Fällen übernimmt die Stadt oder Gemeinde die Verantwortung für diesen Raum – und wird dadurch zur zentralen Autorität.»

Eine Kette von Reaktionen

Diese Autorität falle beim selbstverwaltenden Haus no1s1 gänzlich weg. Doch wie soll das gehen? «Das Projekt basiert auf der Technologie der Blockchain», so Hess. Der Begriff Blockchain werde zwar meistens mit Kryptowährungen in Verbindungen gebracht, die Technologie könne aber noch viel mehr als Geld übermitteln, erklärt der 32-Jährige: «Eine Blockchain ermöglicht jegliche Transaktion, egal ob Geld oder Dienstleistung, ohne, dass eine zentrale Autorität als dritte Instanz unser gegenseitiges Vertrauen gewährleisten muss.»

Das Prinzip ist simpel: «Du gibst mir etwas, ich gebe dir etwas und die Blockchain stellt sicher, dass diese Übergabe fair abläuft.» Würde ein*e Vertragsteilnehmer*in gegen die Abmachungen handeln, zerfällt die Kette – und die Transaktion würde ungültig. Möglich mache das ein kryptografisches Verfahren. Dieses sei so aufgebaut, dass alle Transaktionen miteinander verknüpft und dadurch unfälschbar seien, so der junge Visionär. Mit diesem Verfahren könne auch ein Objekt dezentral verwaltet werden.

Eine Frage der Verantwortung

Dabei sei jedoch nicht die Technologie an sich das Spannende am Projekt no1s1: «Durch die Möglichkeit, mit der Blockchain Besitz autonom verwalten zu können, kann öffentlicher Raum neu gedacht werden», sagt Hess. Zwar könne ein Code gewinnbringend programmiert werden, müsse er – wie im Falle von no1s1 – aber nicht: «Es ist ein Non-Profit-Projekt», stellt der Projektleiter klar.

Es bleibt die Frage der Verantwortungsübernahme. Was, wenn sich jemand im oder am Haus verletzt und rechtlich gegen dieses vorgeht? Denn wenn es ja niemandem gehört, will bei einem Schaden auch niemand haften. «Ein Code, und somit auch das Haus, kann bis zu einem gewissen Grad Verantwortung übernehmen», ist sich Hess sicher. Es könne beispielsweise eine Funktion implementiert werden, die besagt, dass das Haus bei einem Personenschadens-Fall einen Rechtsanwalt zu seiner Verteidigung beauftragt.

Ein Code kann sehr mächtig werden. Er kann ein Eigenleben entwickeln, das über die menschlichen Kenntnisse und Fähigkeiten hinausgeht.
Lukas Hess, Initiant

Eine Entscheidung wider Willen?

Finanzieren soll sich das Haus, abgesehen vom gesponserten Startkapital, übrigens ebenfalls selber. Das Geld, welches für den Erhalt oder die Schäden notwendig sei, käme von einem Pot, der durch die Einnahmen der im Haus durchgeführten Veranstaltungen gefüllt werden würde, so Hess. «In erster Linie sollen im no1s1 künftig Events stattfinden. Wobei das Haus selber entscheiden kann, welche das genau sein werden.»

Einfluss auf diese Entscheidung hätten lediglich Menschen, die sich der no1s1-Community anschliessen würden. Unter einer Teilnahmebedingung: «Mitmachen kann jede*r – vorausgesetzt, er*sie war schon einmal physisch im Haus anwesend.» Wie genau die Entscheidungsfindung organisiert werden würde, sei allerdings noch nicht ausgearbeitet, sagt Hess.

Soll zu no1s1 werden: Das Haus von Stararchitekt Jean Nouvel. (Bild: zVg)

Keine Chancen ohne Gefahren

Erst einmal würde es darum gehen, grundsätzliche Fragen zu klären. Es gibt die Möglichkeit, ein selbstverwaltendes Haus aufzubauen, doch was bedeutet das genau? Eine neue Technologie bietet nicht nur Chancen, sondern birgt auch Gefahren. Das sind sich auch Hess und sein Team bewusst: «Ein Code kann sehr mächtig werden. Er kann ein Eigenleben entwickeln, das über die menschlichen Kenntnisse und Fähigkeiten hinausgeht.»

Neben den potenziellen Gefahren des Vorhabens, müsse auch über ethische Prinzipien gesprochen werden, so Hess. «Genau genommen handelt es sich beim Haus um einen Roboter. Und ob Roboter schuldfähig sind, wird schon seit längerem heiss diskutiert.» Nichtsdestotrotz ist der Projektleiter zuversichtlich, dass das Projekt in der Gesellschaft Anklang findet, denn: «Autonome Systeme werden wir in Zukunft immer öfters antreffen.»


Am Mittwoch 16.10. werden Fragen und Gefahren zum Projekt no1s1 mit Expert*innen diskutiert. Was bedeutet es, wenn in Zukunft Technologie sich selber gehört? Wenn Roboter selber Entscheidungen treffen? Welche Chancen und Gefahren ergebn sich für die Gesellschaft?

Du interessierst dich für das Projekt, möchtest dich darüber informieren und/oder an der Diskussion teilnehmen? Hier geht's zum Event.

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