Neue Wohnsiedlung für Asylsuchende – Fluch oder Segen?

06. Juli 2016


Die Inbetriebnahme einer Asylunterkunft wirft Fragen auf: Wie geht man mit ihren künftigen Bewohnern um? Wie gelingt ein Zusammenleben mit der Stadt? Und was sagt das ansässige Quartier dazu?  

Auf dem Weg zu einer Medienkonferenz. Thema ist die neue Wohnsiedlung «Zihlacker» für Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Personen, das Anfang August in Zürich Seebach eröffnet werden soll. Ich stehe pünktlich an vereinbarter Adresse. Und warte. Leider ist es verdammt heiss. Kein Mensch in Sicht. Na toll. Ich laufe ratlos in der Gegend rum und finde den richtigen Ort der Konferenz schliesslich etwa 200 Meter entfernt, wo mich grosse Neubauten erwarten. Das vermutete Problem: Die Adresse der Wohnsiedlung existiert anscheinend noch nicht. Wo befinden wir uns denn hier genau? Vor mir sehe ich grösstenteils fertiggestellte Gebäude, einige Stahlgerüste ranken sich noch um sie. Ich betrete den Konferenzraum, der zugleich eine der neuen Wohnungen ist.

[caption id="attachment_8073" align="alignnone" width="960"]Der zweite Stock eines Blocks Der zweite Stock eines Blocks[/caption]

Ausgeklügelt. Modern. Kühl.

Grund für die neue Wohnsiedlung ist das Kontingent der aufzunehmenden Asylsuchenden, das vom Kanton vorgegeben ist. Gebaut werden die temporären Unterkünfte von der AOZ (Asylorganisation Zürich) und der AHB (städtisches Amt für Hochbauten). Die Siedlung «Zihlacker» besteht aus 24 Wohnungen, jeweils mit einer Küche und einem Bad ausgestattet. Insgesamt werden hier 120 Personen einziehen. Dabei sollen Familien mit Kindern sowie Einzelpersonen beherbergt werden.

Nach der Konferenz schaue ich mir in Ruhe die Wohnungen an. Sie sehen gut aus. Modern. Die Badezimmer haben blaue Wände. Erfrischend. Grosse Wiesen umgeben die Siedlung, sie grenzt an ein kleines Wohnquartier und der Sportplatz ist ganz in der Nähe. Trotzdem bezweifle ich, ob man sich hier wirklich heimisch fühlen wird. Gut durchdacht, ja. Aber gemütlich? Die Anlage besteht aus zwei Wohnblöcken, die symmetrisch vis à vis zueinander stehen. Dazwischen befindet sich ein Innenhof. Auf mich macht das Ganze doch einen recht strengen Eindruck. Als ich die Skizze des Grundrisses betrachte, die während der Medienkonferenz gezeigt wird, sehe ich die akribisch genaue Planung der Wohnsiedlung. Zweckmässig, keinen Platz für Verspieltheit und dergleichen.

[caption id="attachment_8074" align="alignnone" width="960"]Die Siedlung liegt direkt am Stadtrand Die Siedlung liegt direkt am Stadtrand.[/caption]

Ist das noch Zürich?

Seebach ist grösstenteils ein Industriequartier, auch wenn Wohngegenden und Grünflächen vorhanden sind: Vor allem graue Fabrikgebäude prägen die Umgebung. Der Lärm der vorbeifahrenden Autos, vereinzelt Imbissbuden und Restaurants, wenig Fussgänger. Wir befinden uns hier an der Schnittstelle zwischen Zürich und Opfikon. Weshalb baut man an Zürichs Peripherie eine Wohnsiedlung für Asylsuchende? Erschwert diese Lage nicht das Miteinanderleben zwischen den künftigen BewohnerInnen und der Stadt? Natürlich sehe ich, dass bezüglich der Lage verschiedene Faktoren eine wichtige Rolle spielen: Baukosten, Platz, Infrastruktur, etc. Doch dass mich der Standort am äussersten Punkt Zürichs begeistert, kann ich nicht behaupten.  

An der Medienkonferenz wird klar: Das Zusammenleben zwischen künftigen BewohnerInnen der Wohnsiedlung und dem ansässigen Quartier nimmt eine zentrale Rolle ein. Leider wird dieser Aspekt nur kurz angeschnitten. Eine Begleitgruppe, die aus engagierten AnwohnerInnen des Quartiers bestehen wird, soll als vermittelnde Instanz zwischen Siedlung und Quartier wirken und für ein Miteinander sorgen. Weiter will man vor allem die Selbstständigkeit der künftigen BewohnerInnen fördern, die unterstützt wird durch eine Sozialberatung, die neben persönlichem auch finanziellen Rat umfasst. Kinder sollen ausserdem so schnell wie möglich die hiesigen Schulen besuchen – am besten bereits nach den kommenden Sommerferien – und Erwachsene sollen Deutschkurse belegen, falls nötig. Kurz: Es sind die gewöhnlichen Ziele, die man beim Begriff der «gesellschaftlichen Integration» (Begriff aus Presse-Dossier AOZ) antrifft.

[caption id="attachment_8075" align="alignnone" width="960"]Das umliegende Quartier ist ruhig. Das umliegende Quartier ist ruhig.[/caption]

Der fahle Beigeschmack der Integration

Mich beschäftigen während und nach der Medienkonferenz grundlegende Fragen, die weniger mit der Ausstattung der Wohnsiedlung selbst zu tun haben. Ich frage mich, ob wir Asylsuchende abgegrenzt in eigens für sie bestimmte Unterkünfte beherbergen sollten. Wäre eine besser verteilte und weniger stigmatisierte Wohnsituation nicht auch möglich und erstrebenswert? Laufen wir denn ansonsten nicht Gefahr, eine Isolation statt der gewünschten Integration zu bezwecken?

Ausserdem bin ich kein grosser Fan des Begriffs und Konzepts der Integration: Es impliziert einen einseitigen Vorgang, der eine klare Richtung beinhaltet und zudem niemals wirklich abgeschlossen sein kann. Oder wie will man feststellen, wann jemand wirklich integriert ist? Und was heisst «integrieren» denn überhaupt genau? Gibt es einen Katalog voller Ziele, die erreicht werden müssen? Ausserdem läuft der Wunsch nach Integration meiner Meinung nach Gefahr, schlussendlich nichts anderes als eine getarnte Forderung nach totaler Assimilation zu sein, der sich die Minderheit  kompromisslos beugen muss. Doch ich möchte in diesem Kontext auch die positiven Ansätze hervorheben: Nichtsdestotrotz befürworte ich viele der sogenannten «Integrationsmassnahmen» wie die Ermöglichung von Deutschkursen für Erwachsene und dass Kinder schnellstmöglich die hiesigen Schulen besuchen. Ich versuche, hiermit vielmehr für eine «Inklusion» zu plädieren, welche das Miteinanderleben der hiesigen Bevölkerung mit den Asylsuchenden anstrebt, ohne «fremd» und «heimisch» strikt entgegenzusetzten und ohne den erhobenen Zeigefinger der Integration.

[caption id="attachment_8076" align="alignnone" width="960"]Die Siedlung ist noch im Bau. Dank der vorgefertigten Elemente soll sie jedoch bald fertig sein. Die Siedlung ist noch im Bau. Dank der vorgefertigten Elemente soll sie jedoch bald fertig sein.[/caption]

Das Bedürfnis nach Sicherheit

An der Medienkonferenz schimmert ein weiterer wichtiger Aspekt hindurch: Die Sicherheit der ansässigen QuartierbewohnerInnen muss selbstverständlich gewährleistet sein. Laut den Informationen der Konferenz heisst dies für die baldigen BewohnerInnen der Wohnsiedlung jedoch, dass sie mit einer erhöhten Polizeipräsenz und folglich einer stärkeren Überwachung – auch bereits als Präventivmassnahme – zu rechnen haben könnten. Zur Unterstützung bei «sozialen Auffälligkeiten» (Begriff aus Presse-Dossier AOZ) könnte auch die SIP Züri (Sicherheit, Intervention, Prävention) in der Wohnsiedlung zum Einsatz kommen.

Natürlich muss man hierzu sagen: Wenn aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen Straftaten passieren, so ist das ein Problem. Ausserdem müssen die Verantwortlichen dafür gerade stehen: Unbestreitbar keine angenehme Situation. Doch wie so oft stellt sich auch hier die Frage, ob und in welchem Ausmass die potentiell bedrohte Sicherheit relativ starke Überwachungsmassnahmen rechtfertigt, welche die persönliche Freiheit und Privatsphäre der einzelnen Person einschränken. Ich kann zu dieser Problematik keine endgültige Lösung vorschlagen. Vielmehr möchte ich auf den Spagat hinweisen zwischen Fahrlässigkeit bei Gefahr und zu starker Überwachung, mit der man sich in Zukunft unweigerlich auseinandersetzen muss. Und es hoffentlich auch wird.

Grundsätzlich halte ich das Projekt der temporären Wohnsiedlung durchaus für gelungen und für einen wichtigen Schritt. Nur sehe ich noch einzelne Punkte, über die man diskutieren sollte. Ansonsten läuft man meiner Meinung nach Gefahr, in ein Nebeneinander – anstelle eines Miteinanders – abzurutschen.

 
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