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Neue Musik: Die Ewiggestrigen und die Helden von heute

Das neue Jahr ist noch jung. Musikalisch hat es aber schon einiges zu bieten. Wir haben das Wichtigste davon für euch abgecheckt.
20. Februar 2020
Journalist

Vor genau zehn Jahren erschien Gil Scott-Herons letztes Album. «I’m New Here» hiess die Platte, von der Scott-Heron sagte, sie sei das Werk des Produzenten Richard Russel, nicht seines. «Ich war in der Situation, dass ich wusste, dass Russel diese Aufnahmen schon seit langer Zeit machen wollte», gab Scott-Heron im «New Yorker» zu, «und mir hat es ja nicht wehgetan oder geschadet, dass ich mitmachte.» Nun, Enthusiasmus für ein Projekt klingt definitiv anders.

Der amerikanische Jazzschlagzeuger Makaya McCraven hat «I’m New Here» jetzt neu interpretiert. Die Stimme des inzwischen verstorbenen Dichters Scott-Heron blieb dabei unverändert erhalten. Doch die atmosphärischen, oft allzu sperrigen Arrangements der Vorlage sind einem groovigen Sound gewichen, der an Gil Scott-Herons erfolgreichste Soulsingles aus den Siebzigern anknüpft. So sind die Stücke jetzt viel zugänglicher als noch vor zehn Jahren. Und ja: In der Begleitung von Schlagzeug, Klavier und elektrischer Gitarre hört sich Gil Scott-Heron doch sehr viel authentischer an als in der elektronischen Umgebung des Briten Richard Russel. Der Beitrag des Schlagzeugers ist ein solche Bereicherung, dass die Platte sicher auch Scott-Heron gefallen hätte.

Mindestens ebenso so soulig wie Makaya McCraven und Gil Scott-Heron sind neuerdings die texanischen Gittarrennerds von Khruangbin unterwegs. War ihr letztes Album, «Hasta el Cielo», noch sehr deutlich von Reggae und Dub inspiriert, hat die Zusammenarbeit mit Leon Bridges zu einem wunderschön nostalgischen Ergebnis geführt. «Texas Sun» hört sich an, als wären die fünf Aufnahmen 1965 bei Motown Records gemacht worden, so warm klingen die Gitarren, so sanft flüstert der Gesang. Etwa zwanzig Minuten dauern die Stücke insgesamt. Das ist zwar kurz, reicht in diesen trüben Wintertagen aber durchaus, um einem das Herz wieder ein bisschen aufzuwärmen.

Tatsächlich haben fast alle Platten in diesem Frühjahr mit der Vergangenheit zu tun. Die australische Band Tame Impala, die mit psychedelischen Rockkompositionen bekannt geworden ist, hat immerhin ein paar Jahre vorgespult und ist irgendwo in den Achtzigern gelandet. Rockige Schlagzeugeinlagen oder abgefahrene Gitarrensoli wie in früheren Zeiten gibt es auf «The Slow Rush» keine mehr. Das heisst: Es gibt auf den neuen Songs überhaupt kein Schlagzeug und überhaupt keine Gitarre mehr. Dafür reihenweise elektronische Instrumente und Effekte, die einen mamchmal etwas trashigen, aber irgendwie charmanten Sound erzeugen.

Auf den Elektrotrip hat sich Kevin Parker, der Kopf hinter Tame Impala, schon vor über vier Jahren begeben, als die Arbeiten an «Currents», seiner letzten Veröffentlichung, begannen. Es war der Anfang einer Entwicklung, die mit «The Slow Rush» eine konsequente Fortsetzung findet. Viele der neusten Sachen entwickeln eine hypnotische Wirkung, deren Folge beim Zuhören eben ein «Slow Rush» ist. Am meisten Spass macht diese Musik aber dann, wenn sie Fahrt aufnimmt, poppig wird und Discostimmung verbreitet wie auf «Breathe Deeper» oder «Glimmer». Dann vermisst man nichts von früher, auch wenn «The Slow Rush» selbst nicht gerade visionär geraten ist.

Und damit in die Schweiz. In einem ellenlangen Interview mit dem «Magazin» haben sich Jeans for Jesus nicht nur als grosse Fans von Tame Impala geoutet, sondern auch über allerlei Gefühlsverwirrungen Auskunft gegeben. Wo die Band aber ihren eigenwillig sphärischen Sound hernimmt, wurde hingegen nicht gefragt.

Vor nunmehr sechs Jahren machten die vier Berner erstmals mit einem Langspieler auf sich aufmerksam. Damals waren auf ihren Liedern noch Einflüsse von Hip-Hop auszumachen. Der Sprechgesang war noch kaum mit Effekten entfremdet, und Strophen und Refrains waren deutlicher zu unterscheiden. Jetzt sind die Kompositionen freier geworden und springen munter von einem Einfall zum nächsten. So beginnt etwa «la zie» mit einem ziemlich aufgeregten Groove, um nach einem ätherischen Zwischenspiel wieder zu einem genauso schnellen Tempo zurückzukehren und dank einer Trompete geradezu funky zu werden. Ziemlich wild, sehr erfolgreich.

Deutlich weniger verspielte Musik kommt von einem Duo, das sich Mike Ständer nennt. Mit Bass, Schlagzeug und Gesang produzieren die zwei einen sehr energetischen Rock, der aber nie lärmig wird. Im Gegenteil enthält ihr erstes Album, das noch Ende letztes Jahr erschien, mit «Augen», «Mond» oder «Liebe» sogar die eine oder andere Ballade, die das gekonnte Songwriting des Duos unter Beweis stellen. Viele dieser ruhigeren Stellen lassen an Element of Crime denken, wenn Mike Ständer dann aber aufdreht, erscheint der Vergleich mit den Romantikern um Sven Regener schon wieder vollkommen unpassend. Hier wird vorwärtsgemacht, dass es ein Vergnügen ist. Und noch besser: Morgen Donnerstag ist das Duo live im Helsinki zu sehen und zu hören.

  • Mike Ständer spielen am 20.02. ab 21:00 Uhr im Zürcher Helsinki.
  • Jeans for Jesus gastieren am 18. April das nächste Mal in Zürich.

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