💌 «Züri Briefing» 💌

Die Vulcano-Türme in Zürich Altstetten wurden kürzlich von der Direktorin des Amtes für Städtebau Katrin Gügler als gelungenes Beispiel gelobt, entgegen der Meinung vieler Zürcher*innen. (Alle Fotos: Jenny Bargetzi)

Netto-Null-Serie Teil 4: «Die Hochhäuser werden romantisiert»

Klimaneutralität im Konsum-, Ernährungs-, Mobilitäts- und Gebäudebereich. Die Stadt Zürich hat sich für die kommenden Jahre einiges vorgenommen. Im letzten Teil unserer Netto-Null-Serie haben wir mit dem Architekten Horst Eisterer gesprochen. Er kritisiert vor allem den Bau von Hochhäusern, die eher schlecht als recht zu ökologischem Bauen beitragen.
22. April 2021
Praktikantin Redaktion

Klimaneutral sein und zwar so bald wie möglich. Das hat sich die Stadt Zürich mit der Netto-Null-Strategie (siehe Box) als Ziel gesetzt. Um herauszufinden, wie wir das Leben in dieser Stadt in den Bereichen Konsum, Mobilität, Ernährung und Gebäude nachhaltiger gestalten können, haben wir in dieser Serie bei Expert*innen nachgefragt und verraten dir mit nützlichen Listicles ganz konkret, wie du in Zürich nachhaltiger konsumieren, essen und dich fortbewegen kannst. In Teil 4 unserer Serie dreht sich alles um das Thema Gebäude, speziell Hochhäuser.


Eine Massnahme im Gebäudebereich der Netto-Null-Strategie ist der Ausbau der Fernwärmnetze, um auch im dicht besiedelten Stadtraum Gebäude von fossilen Heizungen wegzubringen. Die Öl- und Gasheizungen sollen durch erneuerbare Energiesysteme ersetzt und notwendige Sanierungen wie im Bereich der Wärmedämmung und des Fensterersatzes vorgenommen werden. Es gibt in der Stadt also einiges zu tun. Laut dem Grundlagenbericht «Netto-Null Treibhausgasemissionen Stadt Zürich», benötigt insbesondere der Gebäudebereich eine hohe zusätzliche Investitionstätigkeit, von der Stadt selbst und ihren Bewohner*innen.

Flächenausnutzung ja, aber sinnvoll
Passend dazu, hat der Stadtrat vor zwei Wochen den kommunalen Richtplan in einer dreitägigen Debatte verabschiedet. Der SLÖBA, wie der kommunale Richtplan auch genannt wird, thematisiert die Aufgaben, denen sich die Stadt durch den andauernden Bevölkerungswachstum stellen muss. Siedlung, Landschaft, öffentliche Bauten und Anlagen sind die Hauptpunkte, die nun im kommunalen Richtplan festgehalten wurden. Das letzte Wort in der Debatte hat nun das Volk.

Netto-Null-Serie
Die Stadt Zürich will einen aktiven Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Das Ziel, das unter dem Namen Netto-Null bekannt ist, lautet: Klimaneutral werden und unter dem Strich keine Treibhausgase mehr produzieren. Der Stadtrat entscheidet demnächst, ob das Ziel 2030, 2040 oder 2050 erreicht werden soll. Anschliessend stimmt das Parlament über die Strategie ab, die schliesslich auch dem Volk vorgelegt wird. Um Netto-Null zu erreichen, müssen die städtischen Emissionsausstösse massiv gesenkt werden, sodass kaum bis gar keine Treibhausgase mehr ausgestossen werden. Der kleine verbleibende Teil wird dann durch sogenannte Treibhausgassenken auf Null gebracht. Diese Technologien entziehen der Atmosphäre das restliche CO2 und drücken die Treibhausgase schlussendlich auf null herunter. Dabei werden die Treibhausgassenken nur für nicht vermeidbare Emissionen eingesetzt. Die Massnahmen sollen speziell in den Bereichen Mobilität, Konsum, Ernährung und Gebäude gelten. Daneben sieht das Konzept eine Erhöhung erneuerbarer Quellen vor sowie ein Lebensstil hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Einer, der nicht passiv die Abstimmung abwarten will, ist Horst Eisterer. Der Architekt ist Mitglied der Arbeitsgruppe Städtebau + Architektur Zürich (asaz), die sich für eine menschen- und umweltfreundliche Stadtentwicklung in Zürich einsetzt. Er hat seine erarbeiteten Ergebnisse zur baulichen Entwicklung Zürichs in mehreren Broschüren festgehalten und dem Gemeinderat vorgelegt. Sein Anliegen gilt einem in seinen Augen vergessenen Thema, der Stadtbaukunst und der massvollen Verdichtung im Zusammenhang mit dem Bau von Hochhäusern.

Diese sind im kantonalen Planungs- und Baugesetz als Gebäude mit einer Höhe von mehr als 25 Meter definiert. Davon zählt die Stadt Zürich über 320. Gebaut werden dürfen solche Hochhäuser überall, wo es die Bau- und Zonenordnung zulässt. Ebenfalls muss beim Bau besondere Rücksicht auf den Natur- und Heimatschutz genommen werden. Doch die Hochhäuser sind nach Eisterer die Hauptverursacher der grauen Energie, der benötigten Energie für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes.

Auf die Frage, ob ihm unrecht getan werde, ihn als Hochhausgegner zu bezeichnen, entgegnet Eisterer, dass er grundsätzlich nichts gegen Hochhäuser habe. «Bürohochhäuser sind das Eine. Sie machen eine Stadt erfahrbar und können als Orientierungspunkte dienen. Das wirkliche Problem sind die Wohnhochhäuser, die – zur extremen Verdichtung eingesetzt – eine hohe Bewohnerdichte auf einer relativ geringen Freifläche haben», ergänzt der Architekt weiter.

Horst Eisterer, Architekt Mitglied der Arbeitsgruppe Städtebau + Architektur Zürich (asaz), vor den Vulcano-Türmen in Zürich Altstetten.

Zur Folge habe das eine hohe Ausnützungsziffer. Je höher die Ausnützungsziffer – die Bruttogeschossfläche geteilt durch die Landfläche – desto niedriger die zur Verfügung stehende Landfläche pro Kopf. In anderen Worten: Mehr Leute, mit denen die Grünfläche vor der Tür geteilt werden muss. «Bis zu 5 Geschossen lohnt es sich in Sachen Verdichtung durchaus, in die Höhe zu bauen», so Eisterer weiter, «danach geht der Gewinn von zusätzlicher Freifläche drastisch zurück.» Zur einfachen Veranschaulichung für Laien, hat er mit seiner Arbeitsgruppe asaz ein Video entwickelt.

Die meisten Städtebauer*innen seien sich, insbesondere in Zürich, darüber einig, dass Hochhäuser nicht gebaut werden, weil man sie brauche, sondern weil man einem Trend folgen wolle.

Die Lösung für effizienten Städtebau sieht Eisterer und seine Arbeitsgruppe darum im verdichteten Flachbau. Mit diesem könne eine hohe Ausnützung der Grundstücke mit ausreichend Platz und Grünflächen erreicht werden. «Der verdichtete Flachbau leistet alles, was wir in der Stadt brauchen», so Eisterer. Das Prinzip, stärker in die Breite statt in die Höhe zu bauen, habe eine lange Tradition. «Der Vorteil liegt im Gewinn von hochwertigen Flächen und Räumen. Erdgeschossfläche können im Sinne der Parterrestadt für Verkauf und Dienstleistungen genutzt werden und die Dachflächen bieten beliebte Nutzungsmöglichkeiten für reich bepflanzte Dachgärten. Daraus entstehen Wohnanlagen mit angenehm biodiversen Aussenräumen.»

Die Romantisierung der Hochhäuser kann problematisch werden

Wo also ist das Problem? «Die Hochhäuser werden in einem gewissen Sinne romantisiert. In der Politik herrscht verstärkt die Meinung, dass Hochhäuser für die Verdichtung einer Stadt zentral sind. Diese Überlegung ist jedoch falsch. Eines der besten Beispiele dafür ist die Kernstadt von Paris, die kein einziges Hochhaus aufweist und viermal dichter ist als Zürich», sagt Eisterer.

Es fehle das Verständnis darüber, was ein Hochhaus eigentlich bringe, erklärt Eisterer weiter. Politische Entscheidungsträger*innen würden nebst dem ökonomischen, den ökologischen und vor allem soziologischen Sinn vergessen.

So sei der ökologische Fussabdruck bei Hochhäusern deutlich höher als beim normalen Wohnungsbau in «intelligenter Einfachheit», nicht zuletzt durch die Materialwahl. Bis zu vier Geschosse können mit einfachen Materialien gebaut werden, so zum Beispiel sogar mit Lehm und Stroh. Bei 20 und mehr Geschossen seien die verwendeten Materialien fast ausschliesslich nur noch Stahl und Beton, die prozessbedingt mit extrem hohen Klimabelastungen verbunden sind.

Doch auch Holz habe seine Unschuld – speziell im Hochbaubereich – verloren, so Eisterer. Nebstdem, dass Hochhäuser enorm viel Material benötigen, haben sie auch finanzielle Folgen. Der Quadratmeterpreis der grundsätzlich 15 bis 30 Prozent teureren Hochhäuser nehme mit der Höhe zu. «Hochhausbewohner*innen benötigen deutlich mehr drumherum: Liftanlagen, Tiefgaragen, Treppenhäuser, aufwändige Haustechnik, feuerpolizeiliche Anlagen, Mehrflächen für die Statik und Tiefgaragen mit versiegelten Flächen. Das alles kostet und benötigt wesentlich mehr Fläche als im normalen Wohnungsbau», erklärt Eisterer.

Vertikale Gärten durchaus schön, aber nicht unbedingt ökologisch

Lösen die anschaulichen, begrünten Hochhäuser, sogenannte vertikale Gärten, das Problem mit der Nachhaltigkeit im Baubereich? «Ökolog*innen würden nur lachen. Leider bringen diese genau das Gegenteil», so Eisterer und fährt fort: «Die Bewohner*innen solcher sündhaft teuren Wohnungen wie zum Beispiel in den ‹Bosco Verticale› in Mailand, dürfen an den Grünanlagen selbst nichts vornehmen. Gartenbaufirmen übernehmen das.» Optisch seien solche begrünten Hochhäuser durchaus sehr schön, so habe auch die Grün Stadt Zürich diese als Beispiel gerühmt. Jedoch sei das Hors-Sol wie es dort ist, ganz anders als das Grün, wie wir es vom Gärtnern kennen.

Man dürfe sich nicht vom Visuellen blenden lassen: «Solche Fassaden sind schön, aber sie leisten überhaupt keinen Beitrag zur Ökologie. Es gibt andere begrünte Häuser, Häuser «mit Pelz», bei denen Bäume vom Boden an der Fassade hinaufwachsen.»

Hier anzufügen sei der negative Einfluss des Schattenwurfs von Hochhäusern auf die Umgebung. Eine Regelung legt fest, wie lange ein Hochhaus die Gebäude der Nachbarschaft beschatten darf. Der Kantonsrat verhandelt derzeit, die Beschattung an einem mittleren Wintertag von zwei auf drei Stunden zu erhöhen. Die Effekte von Wohnhochhäusern würden sich also nicht nur auf die Bewohner*innen selbst auswirken, sondern auch auf die Anwohner*innen rundum.

Die Hochhausbewohner*innen sind eher Nomad*innen und keine Eingesessenen.
Horst Eisterer, Architekt Mitglied der Arbeitsgruppe Städtebau + Architektur Zürich (asaz)

Nachhaltig ist, wer gerne Zuhause bleibt

Zuletzt bleibt noch der soziologische Aspekt, der das Zusammenleben von Menschen betrachtet. Doch auch hier würden Hochhäuser nach Eisterer grosse Nachteile haben. Das Problem dabei sei das sogenannte «Crowding», zuviele Personen zur gleichen Zeit am selben Ort, das den Kreis zur Überverdichtung schliesst. Trotz dieser Überbevölkerung würden die Türme das Pflegen von Hausgemeinschaften, das Zusammensitzen und miteinander ins Gespräch kommen erschweren. Die Folgen seien zum einen die soziale Isolation und Trennung zwischen dem oberen und unteren Teil des Gebäudes. Die andere Folge sei die Flucht aus der Stadt. «Die Bewohner*innen in solchen Dichteverhältnissen verfallen öfters einer Wochenendhast. Das heisst, sie fahren vermehrt am Wochenende und in ihrer Freizeit weg. Die Hochhausbewohner*innen sind eher Nomad*innen und keine Eingesessenen», so Eisterer. Eine gute Wohnsiedlung sollte die Leute nicht dazu animieren, wegfahren zu wollen. Dass jede Person ab und zu reisen müsse, sei klar. Jedoch sollte es kein permanenter Ersatz der defizitären Wohnungssituation sein. Nachhaltigkeit heisst also auch, dass man gerne Zuhause ist.

Das sei besonders für Kinder wichtig, sagt Eisterer und fügt besorgt an: «Solche Wohnhochhäuser widersprechen allem, was Kinderpsychologen propagieren. Sei es die Hürde des Lifts oder die fehlenden Aussenräume. Auch erreichen die Eltern ihre Kinder optisch und akustisch nur schwer. Wenn ein Kind also alleine draussen im Grünen spielen möchte, sind die Eltern gezwungen, mitzugehen, da kleinere Kinder nicht alleine Lift fahren dürfen.» Dabei würden Kinderärzte genau diesen selbstständigen Zugang zum Spielen und Erkunden im wohnungsnahen Aussenraum fordern.

Eine frühere Umfrage von EY vom Jahr 2015, die junge Menschen zu ihren Wohnwünschen befragt hat, zeigt, dass mit lediglich vier Prozent der Befragten das verdichtete Wohnen in Wohntürmen keine bevorzugte Art zum Wohnen sei. Auch heutzutage sind Personen, die Wohnhochhäuser vorziehen, in der Minderheit. Die Befürworter*innen schätzen laut dem Fachmagazin «Immobilien aktuell» der ZKB vor allem die Kombination von Zentralität und Aussicht. Von einer schönen Aussicht kann in dicht bebauten Quartieren aber erst ab der achten Etage profitiert werden. Erst dann fällt der Blick nicht mehr ins Wohnzimmer der Nachbarschaft, sondern liegt uneingeschränkt über den Dächern der angrenzenden Gebäude.

Nur ein kleiner Teil der Menschen möchte also wirklich in Hochhäusern wohnen. Für Eisterer ist es daher unverständlich, weshalb Hochhäuser bei Ausschreibungen oft ein starkes Gewicht erhalten würden und in vielen Fällen Projekte nahe der Hochhausgrenze ausgewählt würden. «Warum bezieht sich die Stadt nicht auf Befragungen, die auf den Bedürfnissen der Zürcher*innen basieren?»

Stattdessen würden dort Hochhäuser gebaut, wo ein Grundstück frei sei und Investor*innen Geld parkieren müssten. Dass es eine gewisse Verdichtung brauche, sei klar. Es könne aber nicht sein, dass der Richtplan als Reaktion auf den selbstverursachten Platzmangel Enteignungen zur Folge habe und Innenhöfe geöffnet werden müssten. «Diese Überlegung ist falsch», so Eisterer. «Es darf nicht so verdichtet werden, dass private Räume geöffnet werden müssen, sondern so, dass private Gärten zusätzlich dazukommen.» Er wünsche sich mehr Bereitschaft der Stadt, die Platzprobleme regional lösen zu wollen, zum Beispiel mit einer Allianz mit den anliegenden Gemeinden. «Dann gäbe es genügend Plätze und Aussenräume wie jene gesellschaftliche und grüne Sehnsuchtsorte der Menschen in der Altstadt; zum Verweilen, Zusammensein und Geniessen.

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