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Von Isabel Brun

(Klima-)Redaktorin

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15. November 2022 um 05:00

Klimaschutz in Zürich: «Wir sind daran, die Datenlage zu verbessern»

Bis ins Jahr 2040 muss die Stadt Zürich ihren CO2-Ausstoss auf netto null bringen. Damit ihr das gelingt, sind konkrete Klimaschutzmassnahmen nötig – doch noch hat die Stadt kein Tool, um diese auf ihre CO2-Einsparungen zu überprüfen. Wir haben beim Direktor des Umwelt- und Gesundheitsschutzes, René Estermann, nachgefragt.

Ist seit 2020 Direktor des Umwelt- und Gesundheitsdepartements: René Estermann. (Foto: zVg)

Isabel Brun: Die Stadt Zürich muss bis ins Jahr 2040 klimaneutral sein; bei jenen Emissionen, die auf Stadtgebiet anfallen. Die anderen, die indirekten Emissionen, müssen um 30 Prozent reduziert werden. Hat die Stadt Zwischenschritte definiert, wann wie viele Tonnen CO2 eingespart werden sollen? 

René Estermann: In der Gemeindeordnung ist der Absenkpfad klar definiert: Die Summe der Treibhausgasemissionen muss sich mindestens linear reduzieren. Das bedeutet, dass jährlich ein 18tel der Emissionen eingespart werden muss, um bis 2040 auf netto null zu sein. Dies gilt sowohl für die direkten, als auch für die indirekten Emissionen. Bei der Mobilität hat das Stimmvolk mit der Annahme des kommunalen Richtplans Verkehr zudem beschlossen, dass sich die städtische Mobilität auf das Klimaschutzziel von Netto-Null-Treibhausgase bis ins Jahr 2030 ausrichtet.

Gemäss der Stadt ist Zürich für jährlich 13 Tonnen CO2 pro Person verantwortlich. Wie wurde diese Zahl ermittelt?

Wir berechneten die Treibhausgasemissionen nach dem internationalen Standard des Greenhouse Gas Protocols für Städte. Waren Daten aus Zürich vorhanden, rechneten wir mit jenen, ansonsten verwendeten wir Durchschnittsdaten.

Heisst das, dass Sie für den Status Quo keine exakten Zahlen für Zürich haben?

Für viele Bereiche schon. Aber wir haben nicht für alle Zürich-spezifische Daten. So wissen wir zum Beispiel nicht genau, wie oft die Zürcher Bevölkerung in einem bestimmten Jahr geflogen ist. 

 

«Die Instrumente zum Monitoring werden derzeit in der Stadtverwaltung entwickelt.»

René Estermann, Direktor UGZ

Wie wird sichergestellt, dass sich die Stadt in die richtige Richtung – also hin zu Netto-Null bis 2040 – bewegt?

Wir sind gerade daran, ein Monitoring zu entwickeln, das die direkten, indirekten und negativen CO2-Emissionen in Zürich noch genauer messen und abschätzen kann. Der erste Zwischenbericht zu den direkten Treibhausgasemissionen wird voraussichtlich im Herbst 2023 erscheinen.

Woher weiss die Stadt denn aktuell, wie viel CO2 die geplanten oder bereits umgesetzten Massnahmen einsparen?

Indem wir die eingesparten Treibhausgasemissionen der Klimaschutzmassnahmen einzeln berechnen. Beim Ersatz einer fossil betriebenen Heizung durch ein erneuerbares System ist das relativ einfach. Die Wirkung einer Velovorzugsroute auf die CO2-Emissionen ist hingegen schwieriger abzuschätzen. Dazu müssen Annahmen getroffen werden, weshalb wir Stand heute noch keine genaue Aussage treffen können. Wir sind aber daran, die Datenlage zu verbessern: Die Stadt Zürich wird an der Veloroute Altstetten nach den Bauarbeiten Verkehrsmessungen durchführen.

Das heisst, Sie haben nicht zu allen Massnahmen exakte Berechnungsgrundlagen: Wie treffen Sie die Annahmen?

Genau, oft sind gute Daten vorhanden. Wo diese fehlen, machen wir mit wissenschaftlichen Methoden Schätzungen auf der Basis der Erkenntnisse der aktuellen Fachliteratur oder von Durchschnittsdaten.

Gibt es eine Arbeitsgruppe in der Verwaltung, die sich mit den definierten Massnahmen und deren Nutzen beschäftigt? 

Die Instrumente zum Monitoring, Controlling und Reporting der Klimaschutzziele sowie zur Massnahmenplanung werden derzeit in der Stadtverwaltung entwickelt. Das Ziel ist es, dass die Entwicklung der Treibhausgasemissionen sowie voraussichtliche Emissionsreduktionen durch geplante oder umgesetzte Massnahmen nach einer einheitlichen Methodik abgeschätzt werden können. Damit erhalten wir den notwendigen Gesamtüberblick, der in der Verwaltung und im Stadtrat regelmässig überprüft werden soll. Auch, um bei Bedarf die Massnahmen anzupassen. Wir werden den Gemeinderat einmal jährlich dazu informieren. So ist es in der Gemeindeordnung festgelegt.

Wird das auch mehr kosten?

Die finanziellen Mittel, die für die Umsetzung der Klimaschutzmassnahmen erforderlich sind, werden zur gegebenen Zeit bei der zuständigen Instanz beantragt.

Was passiert, wenn die Stadt es nicht schafft, bis ins Jahr 2040 netto null Treibhausgase zu verursachen, sondern noch immer mehr CO2 auf Stadtgebiet ausgestossen wird?

Dann müssen wir die Klimaschutzmassnahmen weiter intensivieren. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass die Stadt nur einen beschränkten Handlungsspielraum hat und stark abhängig von der Entwicklung auf übergeordneten Ebenen sowie der Wirtschaft und der Gesellschaft ist. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das Ziel 2040 erreichen werden. Ich spüre in Zürich einen grossen Willen zum Handeln.

Zu welchem Zeitpunkt kann die Stadt Zürich sagen: «Wir sind klimaneutral?», wenn Sie weder für den Status Quo, noch für die einzelnen Massnahmen Berechnungsgrundlagen haben? 

Wie gesagt, wir haben in Zürich im nationalen und internationalen Vergleich bereits eine sehr gute Datengrundlage, die es uns ermöglicht, die Treibhausgasemissionen zuverlässig zu erfassen. Aber wir bemühen uns, uns laufend zu verbessern. So wird die Datenqualität dank des aktuellen Monitoringprojekts nochmals zunehmen. 

Das Interview wurde schriftlich geführt.