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Nadja Schnetzler: «Ich darf und muss mich um alles kümmern»

In dieser Serie treffen jeweils zwei Menschen aufeinander: Christoph Schneider, der selbst auf dem Weg in die Selbständigkeit ist, spricht mit einer Person, die bereits ein paar Schritte weiter ist. In der sechsten Folge: Nadja Schnetzler.
27. Oktober 2019

Inspiriert vom Liebeslied «You Are The First, The Last, My Everything» von Barry White gehen die Gespräche der Frage nach, wie und weshalb jemand den Weg in die berufliche Selbständigkeit eingeschlagen hat. Unternehmer*innen und Macher*innen aus den unterschiedlichsten Branchen geben Einblicke in ihren Berufsalltag und erzählen von ihren Werten und Haltungen. Die Idee ist von BBC Radio abgekupfert, wo Zuhörer*innen im Rahmen von «You Are The First, The Last, My Everything» die Songs offenbaren, die ihr Leben prägten und ihnen besonders viel bedeuten. BBC möge uns verzeihen, wir lernen gerne von den Besten.

  • The First blickt zurück in die Anfänge: Wann habe ich das erste Mal daran gedacht, Unternehmer*in zu werden? Was stand zuerst: Der Wille zur grösstmöglichen Unabhängigkeit, eine fixfertiges Produkt, ein grossmäuliges Versprechen?
  • The Last spielt in der Gegenwart: Worüber habe ich mich zuletzt aufgeregt, wer hat mich inspiriert, was beschäftigt mich zurzeit am stärksten? Sind es externe Rahmenbedingungen oder innere Kämpfe?
  • My Everything: Nichts weniger als die Frage «Worum geht es eigentlich»?

Nadja Schnetzler: «Ich darf und muss mich um alles kümmern»

30. September, SBB-Kantine Oase im Hauptbahnhof Zürich, 16 Uhr, 1 Cappuccino, 1 Espresso, 2 Mandelguetzli

Nadja ist aus der Welt der innovativen Organisationsberatung nicht wegzudenken. Bekannt als «die mit den Post-Its» hat sie unzählige Firmen und Einzelpersonen dabei unterstützt, ihre Arbeitsorganisation zu verbessern. Nadja arbeitet umsichtig und umtriebig daran, die (Arbeits-)Welt zu einem besseren Platz zu machen. Ich bin der Meinung: Würde bloss die Hälfte aller Organisationen mit der Kanban-Methode arbeiten und sich ihres «Purposes» (beides Schwerpunkte von Nadjas Wirken) bewusst sein, unsere Gesellschaft wäre einerseits produktiver, vor allem aber um einiges entspannter.

  • Name: Nadja Schnetzler
  • Alter: 47
  • Erstausbildung: Journalistin (Journalistenschule Ringier)
  • Tätig als: Expertin für Zusammenarbeit und Innovation seit 1997
Die Erfahrung des Konkurses von Brainstore war für mich in vielerlei Hinsicht sehr prägend.

The First: Ich darf und muss mich um alles kümmern

«Ich hatte nie einen normalen Job, bereits an der Kantonsschule Trogen war ich als Unternehmerin tätig, bei der Schülerzeitung Sodbrennen. Und bereits dort hat sich gezeigt, wie ich arbeiten möchte: Ich darf und muss mich um alles kümmern, für mich ist das der Inbegriff des Unternehmer*innentums. Bei Brainstore, von meinem Partner Markus gegründet, spielte ich über Jahre die zweite Geige, was aber überhaupt nicht negativ zu verstehen ist. Wir ergänzten uns hervorragend, es fühlte sich phasenweise fast schon symbiotisch an.

Die Erfahrung des Konkurses von Brainstore war für mich in vielerlei Hinsicht sehr prägend. Einerseits habe ich die Verantwortung als Arbeitgeberin zunehmend als Druck wahrgenommen. Nach einem immensen Wachstumsschub waren bei uns 80 Mitarbeitende tätig und das benötigt zuverlässige Strukturen, die zu Zugzwängen führten, die ich mir so nie gewünscht habe. Ich fühlte mich oft fremdbestimmt, und das durch die Strukturen der eigenen Firma.

Der Konkurs war aber auch ein geiles Erlebnis; er war im Moment zwar schlimm und heftig, aber gehört als Möglichkeit immer zum Unternehmer*innensein dazu und setzte auch Energien und neue Wege frei. Dass wir es gut über die Bühne gebracht haben, sehen wir auch daran, dass wir mit den meisten unserer ehemaligen Mitarbeitenden auch weiterhin gute Beziehungen pflegen und dass die Firma sich nach dem Konkurs in ein Netzwerk von frei zusammenwirkenden Partner*innen transformieren konnte.

The Last: Strukturen für einen neuen Journalismus

Die Republik hat mich 2015, also noch ganz in den Anfangszeiten des Projekts zu einem Workshop eingeladen, bei dem es darum ging, einen Namen für ihr damals noch ungeborenes Projekt zu finden. Das war ein äusserst aufschlussreicher Abend: Drei der Gründer erzählten mir drei komplett verschiedene Geschichten über ihr (gemeinsames) Journalismusprojekt. Obwohl die drei so verschiedene Zugänge und Ideen hatten, waren sie davon ausgegangen, sie redeten vom Gleichen. Ich teilte mit, dass es für einen Namen wohl noch etwas früh sei und zuerst darum ginge, das Narrativ zu schärfen. Die drei meinten dann, ich solle , doch weiter dabei bleiben: ; «Es ist gut, was Du machst und wir denken, Du kannst wertvoll sein für unsere Idee.»

Und so durfte ich den ganzen Aufbau und die Struktur der Republik begleiten und mich mit all meinen Erfahrungen und Kompetenzen reinhängen. Das Spannende dabei ist: Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, wir machen das super, das ist State of the Art, so arbeitet ein Team im 21. Jahrhundert zusammen. Dann habe ich aber realisiert, dass ich ganz viel ausser Acht gelassen habe, zum Beispiel: Viele der Beteiligten, vor allem die Journalist*innen, sind davon ausgegangen, dass wir jetzt zu Beginn in diesem Improvisationsmodus sind, danach haben wir aber unsere Struktur und müssen uns nicht mehr wirklich mit uns als Arbeitsgemeinschaft auseinandersetzen.

Ich sehe mich gerne als Hebamme, die Projekten und Teams zu einer guten Geburt verhilft.

Dabei ist es in meinen Augen von grosser Bedeutung, sowohl IN, aber auch permanent AN der Firma zu arbeiten. Ich habe gemerkt, dass sich Journalist*innen ungern mit Strukturen auseinandersetzen, weil ihre Arbeit ist ja das Produzieren von Inhalt, und da sind sie vor allem als Einzelkämpfer*innen unterwegs, die sich von Fragen nach Zusammenarbeit eher eingeengt fühlen. Die Arbeit an der Arbeit braucht zwar Energie und Ressourcen, vor allem wenn sie sinnvollerweise in Schlaufen organisiert ist. Aber, und das ist mir sehr wichtig, wenn wir wissen, wie wir zusammenarbeiten, erleichtert es uns jede Tätigkeit und wir haben dabei auch noch Freude. Und wir finden eher unseren individuellen und gemeinsamen Purpose, unseren Sinn, unsere Leidenschaft.

My Everything: Purpose over all

Ich sehe mich gerne als Hebamme, die Projekten und Teams zu einer guten Geburt verhilft. Die Probleme eines Projektes sollen dabei auf lange Sicht möglichst mit den Inhalten und nicht mit den Strukturen auftauchen. Ich habe mir eine eigene Arbeitsstruktur aufgebaut, in der ich die Balance gefunden habe: Einerseits begleite ich unabhängig und alleine die verschiedensten Gruppen, bewege mich selber aber auch als Mitglied eines Teams, wie beispielsweise im aktuellen Projekt «Generation Purpose», das ich mit meinem langjährigen Freund Laurent Burst aufbaue. Und hier ist auch meine Leidenschaft gerade am grössten: «Enabling everyone to find and pursue their purpose».»

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