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5. November 2022 um 07:00

Vinylplatten oder nur noch digital? Unser Kolumnist über Musiklabel-Arbeit

Unser Nachtleben-Kolumnist Dominik André betreibt ein eigenes Musiklabel. Eine Arbeit, die Geduld braucht: So wird zum Beispiel das Produzieren von Vinylplatten vor allem für Indie-Labels zunehmend zur Bürde. Weshalb, verrät er in dieser Kolumne.

(Foto: Zana Selimi)

Vor ungefähr sieben Jahren habe ich begonnen, mir beizubringen, wie man ein Musiklabel betreibt. Dass eine spontane Idee bei einem Abendessen in einem Zürcher Pop-up-Restaurant ein so wichtiger Teil meines Lebens wird, hätte sich damals niemand in dieser Runde vorstellen können – am wenigsten ich selbst. Inzwischen war ich für über 20 Vinyl-Produktionen verantwortlich und habe bei diversen Labels mitgewirkt.

Was unter einem Musiklabel verstanden wird, ist nicht immer ganz klar. Je nach Person, Musikgenre und Szene unterscheidet sich das Verständnis. Grundsätzlich sind Musiklabels Organisationen, die sich um die Kuration von Musik kümmern sowie die Produktion von Datenträgern und deren Vermarktung und Verkauf betreuen. Als Label trägt man zu einer aktiven Musikszene bei und gestaltet diese mit. Im Gegensatz zu den Majorlabels – Sony, Universal und Warner – fristen die meisten Indie Labels ein Schattendasein. Diese Labels sind es jedoch, die der Nischenmusik Leben einhauchen.

Ein gutes Netzwerk ermöglicht Musik

Als Betreiber eines dieser Labels bin ich oft in dessen Namen unterwegs. Ich besuche Plattenläden, um die neuen Platten vorbeizubringen, höre mir Demos an oder besuche Künstler:innen in ihren Studios, um eine EP oder ein Album zu planen.

So bringt mich meine Arbeit oft nach Berlin oder auch nach Brüssel, wie Anfang dieses Jahres oder wie gerade erst nach Athen. Ich war unterwegs, um zwei Künstler:innen zu treffen, deren Musik ich auf meinem Label Subject To Restrictions Discs veröffentlichen werde. Da mir bei meiner Arbeit persönliche Kontakte sehr wichtig sind, scheue ich es nicht, auch einmal eine Reise auf mich zu nehmen. Nebenbei lernt man so auch immer wieder neue Menschen kennen, was für die Arbeit essentiell ist.

«Es können Jahre vergehen, bis Musik auf Spotify oder TikTok landet.»

Dominik André

Das Reisen ist zwar ein toller Teil der Arbeit, jedoch nur ein sehr kleiner. Meistens sitze ich vor meinem Computer in irgendeinem Café – wie jetzt gerade im Kafischnaps – und trage Zahlen in Excel-Tabellen ein, beantworte E-Mails und plane die Produktion von Tonträgern oder Promotion-Kampagnen. Obwohl ich inzwischen viel Unterstützung von meinen Freundinnen Nevesthika, Nadine und Monelle erhalte, laufen viele Dinge bei mir zusammen. Meine Aufgabe ist es, alles im Überblick zu behalten und mit den verschiedenen Parteien zu koordinieren.

Zugegeben, diese Arbeit macht mir Spass. Einen Teil dazu beizutragen, dass Musiker:innen eine Hörerschaft finden und dabei Teil einer globalen Gemeinschaft zu sein, die sich der Musik verschrieben hat, fühlt sich gut an.

Vinyl vs. Stream

Kürzlich an einem Mittwochabend in Athen, während einer Veranstaltung der französischen Künstlerin OKO DJ, lernte ich durch Zufall und über gemeinsame Bekannte Nosedrip kennen. Er ist der Betreiber des Labels Stroom. Ich wurde mit: «Hey, kennst du Dominik, er hat auch ein Label», vorgestellt. Das ist immer etwas komisch. Es hielt uns aber nicht davon ab, dass wir uns anschliessend intensiv über Labelarbeit und deren aktuelle Herausforderungen unterhielten. So ist das Pressen und Verkaufen von Schallplatten keine einfache Angelegenheit mehr – falls sie es das jemals war.

Trotz den über 60 Alben und EPs, die Ziggy Devriendt, wie Nosedrip mit bürgerlichem Namen heisst, auf seinem Label veröffentlichte, entschied er sich, das letzte Release «nur» digital als Download und auf Streamingplattformen anzubieten. Er habe die Künstler:innen angerufen und gefragt, was sie von einem Digitalrelease hielten. Sie willigten umgehend ein und zwei Wochen später war das Album draussen. Er sei erstaunt gewesen, wie gut das ankam. Die Streamingzahlen seien super und die Download-Verkäufe übertreffen alle seine Erwartungen.

Geduld, Geduld

Das Produzieren von Vinyl wird für Indie-Labels zunehmend zur Bürde. Durch Materialknappheit diverser Rohstoffe und eine hohe Auftragslast bei den Presswerken entstehen lange Wartezeiten. Auf das Album 11 von XINDL, das auf meinem Label eben erst erschien, warteten wir zehn Monate, wobei die Planung vor über einem Jahr begann. Ich weiss: Wir leben zwar im TikTok- und Streaming-Zeitalter, wo alles schnell geht und nach dem Swipe auch schon wieder Geschichte ist. Allerdings können Jahre vergehen, bis Musik auf Spotify oder TikTok landet. Jahre, in denen viele Personen viel Zeit und Geld investieren.

Betrachtet man die schiere Menge an Musik, die Monat für Monat erscheint, wundert dies nicht. Den Überblick zu behalten ist unmöglich.

Dominik André

Eine flexible Planung ist mit solchen Fristen unmöglich. Für einen konstanten Output müssen wir 12 bis 15 Monate vorausplanen und eine entsprechende Anzahl Musik unter Vertrag nehmen. Das wiederum setzt finanzielle Ressourcen voraus, die mittel- oder langfristig bei kleineren Labels ausgehen.

Das Produzieren von Vinyl ist das eine. Das andere ist der Verkauf. Obwohl in den letzten Jahren immer mehr Vinyl verkauft wurde, höre ich von verschiedenen Seiten, dass sie zunehmend Schwierigkeiten haben, ihre Platten zu verkaufen. Auch etablierte Labels wie Hivern Discs seien von einbrechenden Verkaufszahlen betroffen, was als Hinweis auf einen völlig übersättigten Markt interpretiert werden kann. Betrachtet man die schiere Menge an Musik, die Monat für Monat erscheint, wundert dies nicht. Den Überblick zu behalten ist unmöglich.

Ungeduld, Ungeduld

Diesen Voraussetzungen zum Trotz verlangen oder erwarten Künstler:innen oft, dass ihre Musik auf Platte erscheint. Regelmässig treffen Demos ein und noch bevor ich mir diese anhören kann, wird die Forderung nachgereicht, dass sich der:die Künstler:in nur für ein Release bereit erklärt, wenn dieses auch auf Vinyl rauskommt. Das ist dahingehend verständlich, da physische Datenträger sich um ein Vielfaches besser anfühlen wie ein Download oder Stream. Zehn Monate auf die Platte warten, wollen sie dann aber auch nicht.

Ziggy ist der Überzeugung, die Zeiten würden sich ändern und sowohl Künstler:innen, wie auch die Labels müssen sich darauf einstellen. Was er damit meint, ist, dass sich auch vornehmlich Vinyl-Labels mit der Vermarktung von Digitalreleases beschäftigen müssen und das gleiche gilt für Künstler:innen.

(Foto: Soela)

Dominik André

Dominik André schreibt seit einigen Jahren über DJ-Kultur, Musik-Nerd-Kram und manchmal auch über das Musikgeschäft. 2014 mitbegründete er das Onlinemagazin 45rpm.ch und schrieb eine Zeit lang für das Groove Magazin in Berlin und das Szene- und Eventportal ubwg.ch. Als aktiver DJ und Betreiber des Plattenlabels Subject To Restrictions Discs lebt er mit, um und in Clubs und Plattenläden. Für Tsüri.ch schreibt er regelmässig über Clubkultur und was die hiesige DJ-Szene grade umtreibt.