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31. Dezember 2022 um 12:30

Selbstausbeutung und Prekariat – DJs im Jahr nach Corona

In der aktuellen Nachtleben-Kolumne von Dominik André geht es um prekäre Arbeitsverhältnisse von DJs, zunehmende ökonomische Schwierigkeiten und eine Szene, die sich durch ihr kompetitives Verhalten selbst massakriert.

Illustration: Zana Selimi

Die mentale Gesundheit von DJs hatte wohl schon immer einen schweren Stand. In der 2020 veröffentlichten Studie «Can Music Make You Sick? Measuring the Price of Musical Ambition» von der Universität Westminster geben 68,5 Prozent der befragten Musiker:innen an, dass sie schon mal an Depressionen gelitten haben. Seit ich mich mit elektronischer Musik und Clubkultur beschäftige, ist das Thema ein ständiger Begleiter, auch aus persönlicher Erfahrung. Obwohl es in diesem Beitrag vornehmlich um DJs geht, stehen diese exemplarisch für die in der Kreativwirtschaft aktiven Menschen. Oftmals tragen sie mehrere Hüte, sind also neben dem DJ-Sein zum Beispiel noch Grafiker:innen, Journalist:innen, Musiker:innen oder Eventorganisator:innen.

Alle gegen Alle

In den Pandemiejahren wurden die Akteur:innen in der hiesigen Szene hart geprüft. Gerade Menschen mit sogenannten «alternativen Lebensentwürfen», zu denen auch viele DJs gehören, waren von den Einschränkungen stark betroffen. Finanzielle Ausfälle waren das eine, nicht auftreten können und die dadurch fehlende Interaktion und daraus resultierende Bestätigung für das eigene Schaffen, das andere.

Den Clubs scheint es zwar wieder gut zu gehen. Alex Bücheli von der Bar & Club Kommission Zürich sagte im SRF Regionaljournal, dass die Clubs voll und die Besucherzahlen wieder auf Vor-Corona-Niveau seien. Das heisst aber nicht, dass es um die Gesundheit derer, die aktiv in der Branche arbeiten, gut steht. Von den vollen Clubs scheinen hinsichtlich bezahlter Gagen die lokalen DJs nicht zu profitieren – weiterhin werden diese fleissig nach unten gedrückt. Dazu kommt, dass kreativ arbeitende Menschen zur Selbstausbeutung tendieren. Lange und unregelmässige Arbeitszeiten sind eher die Regel als die Ausnahme, was sich während der Pandemie zugespitzt hat und weiterhin anhält. 

Zu allem Übel ist das Umfeld höchst kompetitiv. So buhlen weit mehr DJs um Auftrittsmöglichkeiten, als es Angebote gibt. Starkes Distinktionsverhalten, speziell in alternativen Musiker:innenkreisen, führt zu einer konstanten Angst aufgrund dessen, was man macht, abgelehnt zu werden. Das wiederum führt zu einem starken Konformismus, was aber natürlich vehement bestritten wird, aber das ist ein Thema für eine andere Kolumne.

Das Nachtleben, in dem sich DJs bewegen, ist eine schnelllebige Welt, in der es ständig gilt, sich zu behaupten. Die Anzahl der Anfragen für Auftritte unterliegt starken Schwankungen und Hypes kommen schneller, als einem lieb ist. Neue DJs kommen und gehen, nur wenige schaffen es, sich über eine längere Zeit zu etablieren.

Ellenbogen raus und ab in den Club

Vor allem FLINTA*-DJs stehen in dieser Hinsicht unter grossem Druck. Die Nachfrage vonseiten der Programmverantwortlichen von Clubs und Festivals ist gross, da sie immer mehr ein Augenmerk darauf richten, ein gender-ausgewogenes Programm zu präsentieren. Da sich das Bewusstsein dafür etwas abrupt manifestiert hat, ist die Auswahl je nach Ausrichtung limitiert, sodass manch eine DJ von Anfragen überhäuft wird.

Ein anderer Nebeneffekt davon ist, dass junge und unerfahrene DJs gebucht werden, bevor sie wirklich wissen, was neben dem Auflegen an sich noch auf sie zukommt. Man steht Wochenende für Wochenende vor Menschen und muss sich auch auf Social Media exponieren, das kann auf Dauer zur Bürde werden. Dazu kommen all die DJs, die sich bereits im Feld tummeln und die mit ausgefahrenen Ellenbogen dafür sorgen, dass ihnen keine:r zu nahe kommt.

«Booker:innen sollten anstelle einer Hype-getriebenen Bookingstrategie mehr auf Langfristigkeit setzen.»

Dominik André

Die Auseinandersetzung mit diesen Dynamiken ist unglaublich wichtig, braucht aber seine Zeit. Leider wird diese nicht gegeben, denn alle Booker:innen stürzen sich auf neue DJs in Town und nachdem diese dann innert zwei bis drei Monaten durch alle Clubs gejagt wurden, lässt man sie wieder fallen. Mit der abrupt abreissenden Nachfrage sehen sich die DJs dann mit einem leeren Kalender konfrontiert. An diesem Punkt hat sich vielleicht bereits eine finanzielle Abhängigkeit eingeschlichen, und was sich ziemlich sicher eingestellt hat, ist eine mentale Abhängigkeit nach dem Gefühl, regelmässig für ein paar Stunden im Zentrum des Geschehens zu stehen.

Um das zu vermeiden, sollten Booker:innen anstelle einer Hype-getriebenen Bookingstrategie mehr auf Langfristigkeit setzen, sodass DJs die Zeit bekommen, den Umgang in der Branche zu lernen, und sich dann eine Reputation und ein Following aufzubauen. Und natürlich wäre ein transparenter und ehrlicher Austausch wünschenswert. Dann könnten DJs neben all den Workshops, in denen hauptsächlich die Technik des Auflegens vermittelt werden, auch ihre Erfahrungen in Bezug auf Dynamiken in dieser Szene teilen, damit junge DJs diese Dinge nicht auf die harte Tour lernen müssen.  

*Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen

Dominik André

Dominik André schreibt seit einigen Jahren über DJ-Kultur, Musik-Nerd-Kram und manchmal auch über das Musikgeschäft. 2014 mitbegründete er das Onlinemagazin 45rpm.ch und schrieb eine Zeit lang für das Groove Magazin in Berlin und das Szene- und Eventportal ubwg.ch. Als aktiver DJ und Betreiber des Plattenlabels Subject To Restrictions Discs lebt er mit, um und in Clubs und Plattenläden. Für Tsüri.ch schreibt er regelmässig über Clubkultur und was die hiesige DJ-Szene grade umtreibt.