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Nachhaltiger konsumieren oder politische Veränderungen fordern?

Nachhaltiger Konsum hat viele Facetten und geht weit über den Klimaschutz hinaus. Umweltbewusst zu konsumieren bedeutet aber auch Verzicht. Doch lohnt sich diese Enthaltsamkeit im Sinne der Umwelt überhaupt? Redaktor Philipp hat dazu mit Bastien Girod, Nationalrat der Grünen Schweiz, und Sandro Lienhart, Präsident der Jungfreisinnigen Zürich, gesprochen.
01. Juli 2019

Auf der rechten Seite des Zürichsees unterscheidet man in der letzten Zeit die Wörter Klima- und Umweltschutz besonders gerne. Dabei geht man davon aus, dass der Klimaschutz sich lediglich auf den CO2-Ausstoss bezieht, während der Umweltschutz sich mit grundsätzlichen Fragen zur Natur und Umwelt befasst. Und weil die Grüne Welle nicht mehr aufhaltbar scheint, gehören Umwelt- und Klimaschutz unterdessen gleichwohl zum politischen Programm der Konservativen.

Sobald im Zusammenhang mit der Umwelt allerding systemische Fragen gestellt werden, winken viele Bürgerliche ab und verweisen auf den freien Markt und die Selbstverantwortung der Bürger*innen. Verzicht? Nope. Nachhaltige Politik? Fehlanzeige. Wie diffus diese Haltung sein kann, zeigt sich, wenn man mit Zürcher Politiker*innen über Nachhaltigkeit und die Macht der Konsument*innen spricht.

Die Politik muss nachhaltigen Konsum nicht fördern

Sandro Lienhart, Präsident der Jungfreisinnigen Zürich, trinkt «als gesellschaftliche Person» gerne mal ein Feierabendbier mit Freunden. Im Sommer geniesst er zudem ein «gutes Stück Fleisch vom Metzger» – natürlich auf dem Grill zubereitet. Die Gesellschaft müsse wieder lernen, bewusst zu konsumieren, erklärt er. Verzicht hat für ihn keine Priorität. «Aus meiner Perspektive leistet nicht der Verzicht, sondern die bewusste Kaufentscheidung ein Beitrag zum Umweltschutz». Zur Senkung des Cholesterinwerts jeden Tag zwei Avocados zu essen, soll den Konsument*innen also auch weiterhin gegönnt sein.

Sofern ein freier Markt spiele, würden sich Angebot und Nachfrage einpendeln und zu einer Schnittmenge führen, fügt er hinzu. Von staatlicher Einflussnahme möchte er derweil nichts wissen. «Der Umweltschutz ist eine bewusste Entscheidung durch den mündigen Bürger, sein Verhalten aufgrund von Anreizen zu ändern. Regulierungen für Import und Export von Lebensmitteln, den täglichen Stromverbrauch oder die geforderte CO2-Neutralität von Unternehmungen schwächen die Rahmenbedingungen für den Schweizer Wirtschaftsstandort».

Technologie statt nachhaltiger Konsum

Lienhart betont weiter: «Die Technologie ist in der ganzen Debatte um den Umweltschutz ein grosses und wichtiges Thema. Durch neue Technologien kann eine Effizienzsteigerung in der Produktion sowie in der Verarbeitung erreicht werden, mit einem positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit.» Würden Transportwege, die Bewässerung oder weitere zentrale Schwerpunkte technologisch ressourcenschonender ausgelegt, ergebe sich eine gesteigerte Nachhaltigkeit ohne Änderung des Konsumverhaltens, fährt er fort.

Nachhaltigkeit ist ein soziales Thema

Auch Bastien Girod, Nationalrat der Grünen Partei Schweiz, sieht in der Technologie durchaus Potential. Etwas anders sieht er jedoch die Rolle der Politik. «Das Thema Nachhaltigkeit geht über den Umweltschutz hinaus. Bei nachhaltigem Konsum geht es vor allem um soziale und ökonomische Anliegen und es würde sicher helfen, auf gewisse Dinge zu verzichten».

Wenn aber unökologische Produkte angeboten und diese nicht klar als solche deklariert würden, sei es für die Konsument*innen schwierig zu unterscheiden, was gut oder schlecht ist. Es stelle sich letztendlich die Frage, ob die Wirtschaft Produkte überhaupt anbieten sollte, wenn die Konsument*innen besser darauf verzichten würden, fügt er hinzu.

Alle sind zuständig aber niemand ist verantwortlich

Die «Systemfrage» wird von vielen Politiker*innen lieber gemieden. Auf die Frage, ob die Verzicht-Kultur die Wirtschaft gefährde, findet Girod hingegen klare Worte: Auf unökologische Güter zu verzichten, gefährdet höchstens die Unternehmen, die diese herstellen. Andere Unternehmen profitieren derweil. Vielmehr – hierbei stimmt Bastien Girod zu – postuliert man die Verantwortung der Konsument*innen und wälzt damit ein globales politisches Problem auf die Bevölkerung ab. Etliche Statistiken wollen aufzeigen, dass Grossmächte wie China wie auch die USA am Ende das Zepter für eine gesunde Umwelt in der Hand halten. Gegen die Ausbeutung des Globalen Südens, beispielsweise durch den Abbau von Rohstoffen, unternimmt die Politik derweil herzlich wenig.

Nachhaltiger Konsum lohnt sich trotzdem

«Der Konsum trägt massgebend zum Umweltbelastung bei», schreibt das Bundesamt für Umwelt auf seiner Website. Ob nachhaltiger Konsum sich lohnt, ist also längst keine Glaubensfrage mehr. Vielen scheint er inzwischen sogar das einzig sichere Mittel zu sein, wirklich etwas zu verändern, weil die Politik nicht schnell genug vorwärts macht.

Dass Nachhaltigkeit sogar wirtschaftlich sinnvoll sein kann, belegte kürzlich ein Artikel des Wirtschaftsmagazins «Cash»: «Empirische Studien zeigen einerseits, dass insbesondere die Berücksichtigung von Governance-Aspekten einen positiven Einfluss auf die langfristige Entwicklung hat. Es ist einleuchtend, dass Unternehmen, welche nützliche und sichere Produkte herstellen, die Mitarbeiter gut behandeln sowie sich um die Umwelt und Gemeinschaft sorgen, langfristig am erfolgreichsten sein werden.» Für Sandro Lienhart ist dennoch klar: «staatliche Intervention führt zu einer Marktverzerrung und Mitleidenschaft der Wirtschaft». Bastien Girod ist dagegen überzeugt: «Wir sind immer Teil eines Ganzen. Wenn wir uns verändern, verändern sich andere mit». Welche Meinung die Bevölkerung vertritt, wird sich spätestens bei den Wahlen im Herbst zeigen.

Titelbild: Philipp Mikhail

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