Nach einem Jahr «Escape Room»: Das U-Boot bleibt Zubrot

Der 24-jährige Roland Arato und seine Partner versuchen im umkämpften Zürcher Escape-Room-Markt Fuss zu fassen. Tsüri.ch hat die Jungunternehmer ein Jahr auf diesem Weg begleitet. Es ist Zeit für ein Fazit. Es geht um angeknackste Freundschaften, starke Konkurrenten und das Lernen aus Fehlern.
08. Oktober 2017

Es liegt viel Baumaterial und Werkzeug herum. Dies sollte einen Tresorraum einer Bank nachbilden, erkennbar als solcher ist er jedoch nicht. Dabei hätte der zweite Raum der «Panic Room Games» schon vor einem halben Jahr in Betrieb gehen sollen. Was ist geschehen? Roland Arato lacht verschmitzt. Es habe Komplikationen gegeben. «Im letzten Jahr haben wir vielfach zwei Schritte vorwärts gemacht und fünf zurück» schiebt der Jungunternehmer nach. Er habe aber gelernt, immer positiv zu bleiben. Und tatsächlich: Arato macht einen gelassenen, gar fröhlichen Eindruck. Dabei ist offensichtlich nicht alles wie geplant verlaufen – aber von Anfang an.

Fast ein Jahr ist vergangen, seit der mittlerweile 24-Jährige und seine Partner zwischen Löwenplatz und Hauptbahnhof einen «Escape Room» eröffnet haben. Damals hat ihr selbst gebautes U-Boot, in dem man eingesperrt ist und entkommen muss, in den hiesigen Medien hohe Wellen geschlagen (auch Tsüri berichtete). Aber ob das U-Boot nach dem Wassern längerfristig schwimmen würde, wusste niemand so recht. Sechs Monate später war man zuversichtlicher, gar euphorisch: Der erste Raum lief gut, man plante einen neuen Raum – den Tresorraum einer Bank. Es sollte gar ein zweiter Standort in einer anderen Stadt eröffnet werden (siehe Teil zwei der Interview-Reihe). Nun, ein Jahr später, stehen beide Ziele noch vor der Vollendung. Wie beurteilt Arato das vorläufige Scheitern seiner ehrgeizigen Ziele? Ist es ein Scheitern? Wie kam es dazu? Und was würde er anders machen, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte?

Geschäftsführer in Zürich, Student in Mailand

Aratos Zeitplan ist derzeit eng getaktet, für das Gespräch mit Tsüri.ch darf er sich aber kurz von einer Geschäftsleitungssitzung losreissen. Denn Anfang September hat er ein zweijähriges Masterstudium in Mailand begonnen und kehrt nun nur alle zwei Wochen übers Wochenende heim. «Ich erledige trotzdem täglich mindestens eine Stunde geschäftliche Dinge – dem Internet sei dank, ist das auch aus der Ferne möglich» erklärt Arato. Die Wahl des Studienplatzes ist nicht zufällig gewählt: «Natürlich hatte ich das Geschäft im Hinterkopf. Gibt es einen Notfall, dauert die Zugfahrt zwischen Mailand und Zürich weniger als dreieinhalb Stunden». Er sei aber stolz darauf, dass die Organisation des Betriebs so fortgeschritten ist und dass es ihn nicht mehr unbedingt vor Ort brauche: «Wir haben den Raum zu zweit übernommen und jetzt haben wir ein Konstrukt, das fähig ist zu funktionieren, während ich in Mailand studiere. Das spricht für unsere Lernkurve.»

Geschäften mit Freunden kann schwierig sein

Zehn Leute arbeiten inzwischen für den «Panic Room»: Vier in der Geschäftsleitung und sechs sind Teilzeit als Spielleiter*innen angestellt. Mehrmals betont Arato, wie wichtig ihm die Eigeninitiative aller Beteiligten und deren Hingabe zur Sache sind. Dies hänge vor allem mit den Geschehnissen im letzten halben Jahr zusammen – oder besser mit dem nicht Geschehenen. Dabei war Arato im letzten Interview im Februar noch guter Dinge: «Der Tresorraum – in welchem wir einen Banküberfall inszenieren wollen – ist im Bau und sollte im März fertiggestellt sein».

Geschehen sei dann aber länger nichts, denn der damalige Projektleiter – ein Freund Aratos – habe sie über Wochen hingehalten und sei schliesslich ganz abgesprungen. Arato spricht zwar nüchtern darüber, dass der Projektleiter «professionell andere Bedürfnisse» und «schlecht kommuniziert» habe. Es ist ihm aber anzumerken, dass ihn der Absprung seines Freundes persönlich getroffen hat. Er zog die entsprechenden Schlüsse: Der neue Projektleiter ist nun auch Teil der Geschäftsleitung und es funktioniere sehr gut. «Wenn einem die Firma selbst zu einem Teil gehört, ist man bereit, mehr zu investieren», fügt Arato an.

Mit der Konkurrenz per Whatsapp-Gruppe verbunden

Der Tresorraum ist noch nicht fertiggestellt. Eine Besichtigung lohne sich aber trotzdem, meint Arato. Beim Betreten der Katakomben der «Panic Room Games» ist die grosse Tafel der direkten Nachbarn und Konkurrenten von «The Escape» kaum zu übersehen. Erst durch den Hinweis eines Journalisten hatten die jungen Leute vom «Panic Room» damals davon erfahren, dass ein Hauseingang weiter ebenfalls ein «Escape Room» eröffnen würde.

Anfangs habe man sich geärgert, mittlerweile arbeite man aber bei grösseren Anfragen zusammen. «Die Zusammenarbeit läuft gut», schiebt Arato bestimmt nach, «Wir haben eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe mit den Spielleiter*innen beider Räume». Bei aller Freude über die Zusammenarbeit bleibt ein Wermutstropfen: «Unsere Nachbarn sind bei den TripAdvisor-Wertungen auf Platz eins bei den "Escape Rooms", während wir momentan den dritten Rang belegen». Kampfeslustig fügt Arato an, dass dies nur ein weiterer Ansporn sei, noch besser zu werden. Die Hoffnung liegt insbesondere auf dem neuen Tresorraum.

Wie man einen Lift ohne Lift transportiert

Nur mit viel Fantasie erkennt man den Tresorraum als solchen. Eines sticht jedoch gleich ins Auge: Der Lift. «Wir haben Schindler-Lifte ganz dreist nach einem alten Lift gefragt und tatsächlich kostenlos einen bekommen» kommentiert Arato grinsend. Einziger Knackpunkt: Den ausrangierten Lift vom Niederdorf in den neuen Raum zu transportieren. «Ironischerweise war es am schwierigsten, den Lift die Treppe hinunterzubekommen – eben genau, weil wir keinen funktionierenden Lift haben», erzählt Arato. Der Lift sei so schwer gewesen, dass er beim Transport fast die Treppe runtergerutscht sei und einen von ihnen hätte erdrücken können. Nicht umsonst sei der Hausmeister der Löwenstrasse beim Anblick des neuen Lifts erstaunt gewesen. Sie mussten ihm versichern, dass der neue Lift nicht funktioniert und nur Teil des neuen Spieles ist. «Wir haben noch viele solcher Ideen – auch deswegen dauert der Bau länger», ergänzt Arato.

Nach dem Zeitraum der Fertigstellung gefragt, gibt Arato an, es dauere weitere 50 Arbeitstage für jeweils drei Personen. Bezüglich eines zweiten Standortes für weitere «Escape Rooms» krebst Arato im Gegensatz zum letzten Interview mit Tsüri.ch zurück: «Wir mussten uns eingestehen, dass es keinen Sinn macht, einen weiteren Standort zu eröffnen, wenn wir am ersten nicht mal den zweiten Raum fertig haben. Aber wir haben schon mit einigen Immobilienbesitzern gesprochen». Es fällt auf: Die Schätzungen scheinen präziser geworden, die Pläne realistischer. Auf den Lohn angesprochen, gibt Arato zu, dass man sich zur Zeit einen tieferen Lohn auszahle, weil man nur mit einem Raum arbeite. «Das ist aber okay, weil wir alle Studierende sind. Es ist weiterhin ein bezahltes Hobby für uns», fügt der Wirtschaftsstudent an. Man ist sich bewusst, dass man nicht ewig Student*in bleibt: «Wir wollen einen organisatorischen Rahmen schaffen, in welchem wir neben dem "Panic Room" auch arbeiten können». Das sei bewältigbar, wenn man nicht gerade einen neuen Raum baue und tausende von Ideen dafür habe.

Ein gebranntes, aber nicht verbranntes Kind

Auf die Frage, ob er nochmals alles gleich machen würde, antwortet Arato mit einem entschiedenen “Nein”: «Mittlerweile weiss ich viel besser, wie man organisatorisch verschiedene Projekte angeht». Nach kurzem Überlegen fügt er an: «Und die Relevanz des Betriebswirtschaftlichen ist mir viel klarer als jemals nach dem Bachelor-Abschluss». Entsprechend pragmatisch fallen seine Tipps für andere Jungunternehmer*innen aus: «Man darf die Detailarbeit und den bürokratischen Aufwand nicht unterschätzen. Man sollte sich zudem immer einen realistischen Planungshorizont setzen. Und durchhalten; wenn etwas nicht funktioniert, alternative Wege finden».

Mit dem anfänglichen Kampf um die benötigten Bewilligungen (siehe Teil 1), der plötzlichen unerwarteten Konkurrenz, welche Tür-an-Tür eröffnete (siehe Teil 2), und der Schwierigkeit, die passenden Menschen für das eigene Projekt zu finden, musste das Zürcher «Panic Room»-U-Boot einige Eisberge umschiffen. Die Erfahrungen wurden gemacht, das Lehrgeld bezahlt – und das Wichtigste: Die Freude an der Sache ist geblieben. Nach einem Jahr verlässt Tsüri das U-Boot nun wieder und es bleibt nur, der Besatzung eine gute Reise zu wünschen!

Dieser Artikel ist der dritte Teil einer dreiteiligen Serie (Hier Teil 1 und Teil 2), in welcher der Autor den jungen Roland Arato bei der Gründung eines «Escape Rooms» ein Jahr lang begleitet hat.

Bilder: Marco Büsch

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