Kalte Füsse und warme Herzen: Wir haben uns an die Winterthurer Musikfestwochen gewagt

Viel Bier, nasse Sneakers, ein durchmischtes Publikum und ein getauschtes Cap. Wir waren für euch an den Musikfestwochen in Winterthur und haben uns vom provinziellen Charme verzaubern lassen. Dabei haben wir herausgefunden, wo die Musikfestwochen wirklich stattfinden und was Zürcher*innen von der Eulach-Stadt lernen können.
17. August 2017

«Willst du gleich dort was essen oder wollen wir erst bei mir hängen und ich koche was Feines?», schreibt Linda.

«Keine Ahnung... Ich will einfach die volle Musikfestwochen-Experience!», antworte ich.

«Dann essen wir bei mir – erst mal vom Sich-selber-verwirklichen erholen, gell.»

Etwas verwundert bin ich schon, dass das Znacht zuhause zur Experience gehören soll. Nachdem wir die selbstgebackene Pizza auf dem Balkon inmitten einer schönen Topflandschaft gegessen haben, beginne ich zu ahnen weshalb. Wenn man den Abend so anfängt, ist man einiges entspannter, als wenn man direkt vom Büro ins Getümmel rennt.

«Jesses, schon 7i! Jetzt müssen wir aber langsam los», meint Linda. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin und ihrem Freund machen wir uns angedüselt auf die Socken.

Vor Lindas Haustür treffen wir auf die Nachbarn, zwei Männer ebenfalls knapp dreissig Jahre alt.

«Kommt ihr auch grad in die Steibi?», fragt der eine.

«Natürlich!», meint Lindas Mitbewohnerin.

«Was ist denn die Steibi?», frage ich Linda leise, damit es niemand sonst hört.

«Die Steinberggasse, dort wo die Hauptbühne ist», unterrichtet sie mich.

Natürlich geht man zu Fuss. Es ist ja alles so nah. Linda hat ein Wegbier für jede*n eingepackt. Ihre Nachbarn auch. Brüderlich und schwesterlich wird geteilt und getauscht.

«Scheisse, ich habe den Schirm bei dir vergessen», sage ich zu Linda.

«Ach, die Wolken ziehen schon vorbei. Und sonst gehen wir zu Rita», entgegnet sie entspannt. Ob Rita auch ein Codewort für eine Gasse ist oder eine Freundin Lindas, weiss ich nicht.

Unsere kleine Truppe bewegt sich durch ein ruhiges Quartier mit malerischen Vorgärten. Als wir auf die Hauptstrasse kommen, sind überall kleine Gruppen wie die unsere zu sehen. Alle gehen in dieselbe Richtung. Ein Wegbier gehört offensichtlich zum feinen Ton. Während meinen Beobachtungen komme ich mit einem der Nachbarn ins Gespräch. Als wir eine Gruppe von Jugendlichen überholen, macht er eine Geste, als wolle er sein Bier verstecken. Nach einem zweiten Blick lässt er es aber bleiben. «Ich bin Lehrer und muss bisschen schauen, dass meine Schüler*innen vom Schulhaus mich nicht gerade im Vollrausch sehen», erklärt er sich lachend.

Beim Gelände angekommen, versperrt uns die Hauptbühne die Sicht. Die Menschenmenge dahinter ist nicht zu sehen, sehr wohl aber zu hören: Ein Summen wie ein immenser Bienenstock. Hin und wieder ein lautes Lachen und jemand, welche*r die Stimme zum Mitsingen aufwärmt. Eine Gruppe von Jungs, die den Handstand an einer Hauswand üben, zieht meinen Blick auf sich. Erst nach einer Weile merke ich, dass ich einen von ihnen kenne: Marco. Strahlend kommt er auf mich zu.

«Was machst du denn hier?», fragt er mich.

«Wohl dasselbe wie du – das Leben geniessen», antworte ich.

Wir unterhalten uns kurz, dann bedeutet mir Linda, dass sie endlich rein möchte.

«Lustig, dass ich gleich am Anfang den einzigen Menschen treffe, den ich aus Winti kenne», sage ich zu Linda. Sie lacht.

«Das überrascht dich wirklich?», fragt sie.

Bevor wir rein können, müssen wir unsere Biere in Plastikbecher umfüllen. Die ganze Abräumstation ist behelfsmässig – was mir aber sehr sympathisch ist.

Linda quatscht mit der sympathischen Dame beim Einlass. Diese ist sehr jung, kaum 20, und ziemlich klein und fein. Vielleicht ist ihre Aufgabe als Einlasserin auch eher symbolisch. Ich schliesse daraus, dass es wohl noch nie gröbere Probleme gegeben hat mit Leuten, die nicht erlaubte Gegenstände aufs Gelände nehmen wollten. Ich schaue mich um. Die meisten machen einen friedlichen bis seligen Eindruck. Ich nehme mir vor, von der Harmonie und Friedfertigkeit nicht mehr überrascht zu sein.

Die Steibi ist schon randvoll mit Leuten (einige Anwohner geniessen ihre VIP-Lage).

Trotzdem kommen wir ohne nerviges Gedränge durch die Leute. Man bekommt nicht den Eindruck, in einer grossen Menschenmenge zu sein. Vielmehr scheinen wir in ein Plasma einzutauchen, das sich organisch und wie von Zauberhand bewegt: Wenn man irgendwo durchgehen möchte, wird einem sofort Platz gemacht. Die Leute nehme dich wahr und führen gleichzeitig ganz entspannt ihre Gespräche weiter. Das Publikum ist durchmischt. Die meisten sind plus oder minus in meinem Alter, es hat aber auch deutlich jüngere Besucher*innen. Wie kleine König*innen thronen einige Kinder mit neonfarbenen Schutz-Kopfhörern auf den Schultern ihrer Eltern. Dem Altersspektrum ist auch nach oben keine Grenze gesetzt.

Als wir bei einem Mann mit Rastas und Regenbogenpulli vorbeigehen, schnappe ich das Wort «Regen» auf. Erst jetzt merke ich, wie schlecht ich vorbereitet bin: Keine Regenjacke und vom Programm keinen Schimmer.

«Linda», sage ich zwischen den Zähnen hindurch, «wie heisst die Band, die gleich spielt?»

Linda ist besser vorbereitet. Sie zückt ihr Handy und hält mir das line-up vor die Nase: Allah-Las heisst die Band. Alles klar.

Die Stimmung ist ausgelassen. Als die Allah-Las zu spielen beginnen, bewegt sich die Menge etwas näher zur Stage. Linda tanzt zu den Gitarrenklängen und singt mit: «Living funky clarity, naturally.» Ihre Lippen umspielt ein zufriedenes Lächeln. Obwohl der Band zugehört wird und die Leute tanzen, bewegen sich ständig Menschen durch das Publikum. Es wird links und rechts gewinkt. Die dräuenden Gewitterwolken scheinen nur mich zu beunruhigen. Linda winkt einigen passierenden Leuten zu wie eine Präsidentenvorzeigegegattin auf Staatsbesuch – mit dem Unterschied allerdings, dass sie die Leute wirklich kennt. Ich habe nicht das Gefühl eines gewöhnlichen Openairs. Vielmehr bekomme ich den Eindruck, an einem grossen Klassentreffen zu sein. Alle kennen sich, bleiben stehen, um ein, zwei Worte zu wechseln, gehen weiter. Es wird gelacht, getrunken, getanzt. Wenn man nicht ununterbrochen von Terroranschlägen lesen würde, könnte einen die ungebrochene Harmonie glatt aufregen.

Dann kommt es, wie es kommen muss: Es beginnt zu regnen. Ich bin einer der einzigen, die so schlecht vorbereitet sind. Die meisten zücken gelassen ihren Regenschirm und tanzen weiter.

Der lockeren Stimmung vermag das kalte Nass nichts anzuhaben. Linda gewährt mir Asyl unter ihrem no-brand Regenschirm. Nach etwa zehn Minuten wird der Regen allerdings stärker. Langsam aber sicher sind meine Hipstersneakers durchnässt.

«Hast du auch nasse Füsse?», fragt Linda.

Ich nicke.

«Komm, wir gehen zu Rita», sagt sie und zieht mich aus der Meute. Rita? Ach ja genau, die ominöse Rita.

Schnell stellt sich heraus, dass Rita tatsächlich eine Freundin ist, die in einer Altbauwohnung zwei Gassen neben der Steibi wohnt. Sobald ich die nassen Schuhe ausgezogen habe, drückt mir jemand einen Tee in die Hand. «Stärkeres ist dort drüben», sagt die gute Fee, die sich später als Rita outet. Ich folge ihrer Geste und finde eine beachtliche Alk-Bar auf dem Fensterbrett. Da hat es für jede*n was. Ich gönne mir einen Schuss Whiskey. Wir sind nicht die einzigen, die bei Rita Unterschlupf suchen. Immer wieder kommen und gehen Leute, immer wieder wird herzlich umarmt und es werden flüssige Stärkungen verteilt. Ich quetsche mich mit Linda aufs Sofa. Es scheint niemanden zu stören. Kollektiv wärmt man sich aneinander auf.

«Weshalb bist du eigentlich genau aus Zürich weggezogen?», frage ich Linda.

«Haben wir nie darüber geredet?»

«Nie so explizit...», gebe ich zu.

«Naja, ich hatte ja das Burnout. Und als ich zurückkam, habe ich mich irgendwie nie mehr richtig wohlgefühlt. Ich meine, früher habe ich Zürich ja geliebt. die Ich war ja Wiedikerin!»

«... aber?», frage ich nach.

«Aber es war mir dann alles zu anstrengend. Das inoffizielle Kleider- und Körperregime. Dass man im Ausgang nie mit fremden Leuten ins Gespräch kommt. Dass alle so zwanghaft zu cool sind, um zu tanzen, sich gehen zu lassen, mal bisschen anzuecken. Als ich gemerkt habe, dass ich nur noch in Kafis gehe, von denen ich weiss, dass sie cool sind und nicht in solche, in die ich Lust habe zu gehen und alleine für mich was zu lesen, war es für mich klar.»

«Und jetzt, fühlst du dich wohler?»

«Ja!», sagt Linda mit einem Leuchten in den Augen. «Hier spielt man nicht diese pseudo-metropolitan-ness. Wir sind eine kleine, verhängte Stadt – und wissen es. Niemand muss sich was beweisen. Ich sitze wieder random in irgendwelche Kafis und lese.»

Ich lache und frage sie, ob sie in die Werbebranche wechseln möchte. Sie könne ja ein Startup Winterthourismus gründen und es nennen. Lustvoll-ironisch spinnen wir ein Konzept.

Sobald es nur noch tröpfelt, stehen wir wieder auf der Strasse. Jetzt gehen wir aber weiter auf den «Chileplatz», wo die zweite Bühne steht und wir auf Lindas Freund und ihre Mitbewohnerin treffen, die ihrerseits einige Freunde getroffen haben. Sie und auch alle Leute sind pflotschnass. Es scheint aber niemandem etwas auszumachen. Der Platz ist liebevoll dekoriert mit Lichtergirlanden, die auch dem widrigen Wetter trotzen.

Bild: Thomas Gerstendörfer/Musikfestwochen

Mittlerweile spielt schon der letzte Act: eine Afroband in langen, türkisen Roben. Wir bekunden alle unsere Eifersucht auf die geilen Kleider. Obwohl es überall Pfützen hat, beginnen immer mehr und mehr Leute zu tanzen. Nasse Füsse haben ohnehin alle. Die Rhythmen und tiefen Stimmen lassen das eine oder andere verstaubte Tanzbein aufleuchten. Eine Frau Mitte vierzig rutscht vor lauter Zuckungen sogar aus. Linda geht sofort hin und hilft ihr auf, die Frau lacht nur, winkt ab und bedankt sich. Die Band spielt einige Beigaben. Irgendwann ist aber fertig. Ich bin etwas traurig, weil ich denke, dass der Abend nun vorbei ist. Ich Naivling! Er hat erst begonnen.

Wir bleiben noch eine ganze Weile stehen. Eigentlich macht sich überhaupt niemand auf den Nachhauseweg. Ich gehe noch eine Runde Bier holen und komme mit einem Typen ins Gespräch, der dasselbe Cap trägt wie ich. Anstelle den anderen ihr Bier zu bringen, bleibe ich, quatsche mit ihm und trinke ein Bier. Die Biere für meine Freund*innen verlieren ihren Schaum. Als unser Bier leer ist, bestelle ich nochmal eins und sage, dass ich nun losmüsse. Zum Abschied tauschen wir unsere Caps aus. Der Bartender gibt meinen herumstehenden Bieren noch einmal neuen Schaum und zwinkert mir zu.

Nach über einer Stunde und einigen weiteren Bierrunden stehen wir immer noch auf dem «Chileplatz» und schwätzen. Langsam hat sich das Volk doch etwas verflüchtigt. Als ein weiterer Regengutsch kommt, fliehen wir in den Vorraum der Stadtbibliothek, die gleich am Chileplatz ist. Wir sind natürlich nicht die einzigen und so stehen wir dicht gedrängt im Trockenen. Ich schaue mich um und bin wieder überrascht, wie durchmischt das Publikum ist. Die ganz Alten und ganz Jungen sind nun im Bett. Aber ansonsten steht hier querbeet alles: Hippies, Hipster, Hip-Hopper*innen, gestandene Ehemänner und bekiffte Bieber-Fans.

Schlussendlich landen wir noch an einer Home-Party in einer weiteren heimeligen Winterthurer Altstadtwohnung. Linda hat ihre Beziehungen spielen lassen. Bis tief in die Nacht tanzen wir zwischen alten Holzbalken zu Dance Hall. Experience lame, Irgendwann hänge ich mich Linda um den Hals und bedanke mich lallend für den tollen Abend. Ich sei ein bisschen skeptisch gewesen, als sie mir geschrieben habe, dass zur das Abendessen zuhause gehöre. Das sei meine Angst gewesen. Nun ergebe es aber vollkommen Sinn für mich. Die Festwochen finden nicht nur in der Steibi, sondern an jedem heimeligen und geheimen Winkel der Stadt statt.

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