Mit Vögeln gegen Gentrifizierung

Mit seinen Skulpturen in der Nähe des Hauptbahnhofs kämpft Thierry Garzotto gegen die Gentrifizierung. Dass das Flussbett unter kantonaler Aufsicht steht, kommt ihm dabei nur zugute.
12. Juli 2018

«Ich mache solche Aktionen jeweils am liebsten bei Tageslicht», sagt Thierry Garzotto und streift sich eine orange Leuchtweste über. Danach packt er den weiss angemalten Vogel, hievt ihn über das Geländer beim Sihlquai direkt neben dem HB und schlittert mit der Skulptur in der Hand und dem Bohrer im Rucksack die Böschung runter. Garzotto platziert den Vogel auf der Kiesbank in der Sihl und kommt nochmals zurück. «Ich muss Emma unbedingt mitnehmen, sonst dreht sie durch», sagt er und löst die Hundeleine vom Geländer. Dieses Mal geht es schneller die Böschung runter, denn Emma schleift ihn beinahe ins Wasser. «Sie ist halt eine Wasserratte», sagt er und rennt ihr hinterher. Beim Vogel angekommen beginnt die Bohrerei.

Die Vögel gehören bereits zum Stadtbild

Es ist nicht das erste Mal, dass er die Vögel hier im Flussbett aufstellt. Eigentlich wäre die Aktion verboten: Das Terrain gehört dem Kanton, weshalb keine Kunst ohne Bewilligung aufgestellt werden darf. Doch vor vier Jahren schon stellte Garzotto Vögel auf der Mauer auf. Dort blieben sie während den kommenden Monaten und Jahren. Auch wenn sie, oder ihr Hintergrund, nicht jedem/jeder Passant*in sofort ins Auge fielen, gehören sie laut der Stadtverwaltung bereits zum Stadtbild. Das bedeutet, dass sie nach der Renaturalisierung des Flussbettes wieder aufgestellt werden mussten.

Thierry Garzotto kämpft mit Vögeln und seiner Hündin Emma gegen die Gentrifizierung.

Die Stadt wollte die von den Möwen traktierten Skulpturen restaurieren und für ihn wieder aufstellen. «Doch das kam für mich nicht in Frage», sagt Garzotto. «Ich wollte sie selbst aufstellen.» Er nahm die vier Vögel zu sich in die Werkstatt und strich sie neu. Jeder einzelne Vogel hat eine eigene Bedeutung: «Dieser hat eine Säge als Schwanz, sie steht für die fehlenden Bäume in der Stadt», sagt Garzotto. GrünStadt Zürich sei gar nicht so grün. Garzotto kommt in Fahrt, wenn er von der Mission seiner Vögel zu erzählen beginnt. Dann redet er von den Bäumen, die zweimal pro Jahr beschnitten werden und so die Vogelpopulation reduzieren. Von gefällten, alten Bäumen, die durch kleine, junge ersetzt werden. Vom Kreis 5, dem wärmsten Quartier Zürichs, das statt grüne Parks eher zubetoniert werde. Die Stadt sei gar nicht daran interessiert überall Parks zu pflanzen, die dann wieder teuer unterhalten werden müssen.

«Doch genau deshalb muss ich den ganzen Sommer mit der Wasserflasche im Gepäck und der Hand am Boden durch die Stadt gehen, damit sich Emma nicht verbrennt, am heissen Boden», sagt er. Auf die Kritik Garzottos angesprochen sagt GrünStadt Zürich: «Die Stadt zählt rund 72’000 Bäume. Die Anzahl Strassenbäume nahm von 2011 bis 2016 um etwas mehr als tausend Exemplare zu. Wenn wir Bäume fällen müssen, ist das weil sie nicht weiter wachsen wie zum Beispiel beim Oerliker Park oder weil sie auseinanderbrechen oder umstürzen könnten und damit zur Gefahr für die Menschen werden, so zum Beispiel beim General-Guisan-Quai, wegen Bauvorhaben oder schlicht darum, weil sie absterben. Grundsätzlich werden alle Bäume ersetzt. Strassenbäume werden wenn immer möglich am selben Standort gepflanzt», sagt Marc Werlen, Leiter der Kommunikation Stadt Zürich. Auch von übermässigem Baumschneiden wollen sie nichts wissen. «Wir beschneiden die Bäume nicht grundsätzlich zweimal pro Jahr. Es gibt aber Situationen bei denen ein Schnitt für den Baum förderlich ist», sagt Werlen.

Vögel auf «vogelfreiem» Grund

Mittlerweile tropfen die Schweissperlen von Garzottos Gesicht. Der Stein auf der Kiesbank ist ein harter Brocken für die Bohrmaschine. Millimeter um Millimeter dreht sich der Bohraufsatz hinein. Emma zieht zum Wasser. «Okay, das reicht», entscheidet der gelernte Architekt und stellt den Vogel auf den Stein. Er schraubt ihn fest und prüft, ob er von den meisten Seiten gut zu sehen ist. Zurück auf der Hauptstrasse, zieht er sein Gilet wieder aus. «Mit diesem sieht alles gleich ein wenig offizieller aus», sagt er. Dieses Mal ging die unbewilligte Aktion ohne Zwischenfälle über die Bühne, Zuschauer gab es nur wenige. Andere Male wurde er schon angehalten. Doch als ich den Polizisten sagte, dass dies Kantonsgebiet sei, sagten sie gleich, dies interessiere sie nicht», sagt Garzotto.

Mit der Leuchteweste sieht alles offizieller aus.

Das sei auch ein weiteres Problem: Weder Kanton noch Stadt kümmere es wirklich, was im Flussbett passiere. Aus diesem Grund tragen die Skulpturen den Namen «Vogelfrei». «Genau deshalb, weil der Raum mir die Gelegenheit gibt, vogelfrei etwas zu tun – weil die Situation nicht geregelt ist», sagt Garzotto. So nutze er den Raum, um zu zeigen, was hier fehle: Platz für die Natur.

Der Mediensprecher des Kanton Zürich bestätigte, dass der Kanton für das Flussbett verantwortlich sei und verwies auf den Massnahmenplan, der zum Schutz und zur Nutzung des Wassers erarbeitet wurde. «Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen Hochwasserschutz, Ökologie und Naherholung», sagt Markus Pfanner, Mediensprecher der Baudirektion des Kantons. Folglich könne es zum Beispiel aus Hochwasserschutzgründen vorkommen, dass Bäume und anderer Bewuchs für nistfreudige Vögel fehlen.

Mit Vogel und Hund durch den Fluss: Thierry Garzotto ist auf dem Weg, um seine Skulptur aufzustellen.

Pläne gegen die Gentrifizierung

Doch die Werkzeuge weisen auf weit mehr hin: Garzotto hat sie auch als Symbol für die schwindenden Handwerker*innen in die Vögel eingebaut. Da ist das Parkplatzproblem: «Handwerker*innen haben hier keinen Parkplatz, um ihre Autos abzustellen», sagt er. Daneben hätten die Innenhöfe, die ursprünglich für Handwerker*innen gedacht waren, sich zu teuren Lofts verwandelt. Google hat den Bäcker ersetzt und die Migros den Tante-Emma-Laden. «Statt dem Perückenladen, blickt uns nun irgendein Schaufenster an», sagt Garzotto. Die interessanten und spannenden Menschen sowie die Kultur werde so aus seinem Quartier vertrieben. Was bleibe seien die nur tagsüber gebrauchten Büros. «Das sind natürlich oft auch gute», beeilt er sich zu sagen, doch sie brächten einfach kein Leben. Da auch er das Patentrezept gegen die stetige Verdrängung noch nicht gefunden hat, sucht er gemeinsam mit einer Gruppe aus Anwohner*innen nach einer Lösung. Sie treffen sich monatlich in der Nähe des Limmatplatzes. Bei diesen Treffen wollen sie der Gentrifizierung nicht nur mit weissen Vögeln den Kampf ansagen.

Bilder: Lydia Lippuner

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