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Mit Holzwänden die Mauern in deinem Kopf abreissen

Mit ihrer Wanderausstellung «Facettenreich: Andere Geschichten – wie man mit Neugierde Brücken baut» möchte die Zürcher Szenografin Sonja Koch Passant*innen dazu bewegen, sich selbstkritisch mit rassistischer Diskriminierung auseinanderzusetzen.
21. Mai 2019

Ein bisschen wie eine Mikrostadt ragen sie zwischen zerzausten Tulpen in die Höhe, die drei leuchtend rot umrahmten Holzmauern. Zylinder mit Gucklöchern sind in sie eingelassen, sie erzählen kurze Geschichten in Comicform. Da ist zum Beispiel Nirgül, der im Bus einmal das Kopftuch weggezogen wurde und die seither im öV immer so sitzt, dass sie eine Wand im Rücken hat. Oder Pawan, den der Billetkontrolleur im Tram fragt, ob er Deutsch verstehe. Sangitas Freundin, die als Lernende in der Akutgeriatrie von einem Patienten mit «Hoi Negerli» begrüsst wird. Oder Hadi – je besser er Deutsch spricht, desto besser versteht er, dass er hier nicht willkommen ist.

Diskriminierung im Alltag sichtbar machen

Die drei Holzgebilde sind Teil der Wanderausstellung «Facettenreich: Andere Geschichten – wie man mit Neugierde Brücken baut», die in den nächsten Monaten in verschiedenen Städten Deutschlands und der Schweiz zu sehen ist. Konzipiert und umgesetzt hat sie die Zürcher Szenografin Sonja Koch. Sie will damit rassistische Diskriminierung im Alltag sichtbar machen: «Die Ausstellung richtet sich nicht in erster Linie an jene, die diskriminiert werden», sagt sie, «sondern an jene, von denen die Diskriminierung strukturell ausgeht, das heisst an die weisse Mehrheitsgesellschaft.» Es gehe darum, Augen zu öffnen und Sensibilisierungsarbeit zu leisten.

Sonja Koch, Szenografin aus Zürich, ist die Ausstellungsmacherin von Facettenreich. (Bild: Anke Schindler)

In der Anfangsphase der Ausstellungskonzeption arbeitete Sonja eng mit dem antirassistischen und antipaternalistischen Kinderbuchverlag Baobab zusammen. Es kristallisierte sich früh heraus, dass die Geschichten so einfach erzählt sein sollten, dass jede*r einen Zugang dazu finden würde.

Herausgekommen sind dabei kurze, in wenige Bilder gefasste Episoden – vielleicht gar: alltägliche Szenen. Nichts jedenfalls, wovon man je in der Zeitung lesen würde. Auch nichts, was man sich oder anderen je wünschen würde – sie anzuschauen, ist unangenehm.

Verschiedene Perspektiven

Die Geschichten sind alle wahr. Sonja hat sie gesammelt, indem sie Interviews mit verschiedenen Personen mit Migrationshintergrund führte. Diese Texte übergab sie dann einem Kollektiv von Illustrator*innen: «Die haben ein viel besseres Auge dafür, wie man ohne viele Worte in Bildern darstellt, was wichtig ist. Und tatsächlich haben sie mit ihren Bildern genau das Wesentliche zum Ausdruck gebracht.»

Durch die Gucklöcher sind Geschichten sichtbar, die sich mittels einer Drehscheibe lesen lassen. (Bild: Anke Schindler)

Die Interviewpartner*innen hat Sonja an Veranstaltungen, über Bekannte oder über den eigenen Freundeskreis kennengelernt. Sie wollte mit möglichst verschiedenen Personen sprechen – unterschiedlichen Alters oder Geschlechts etwa, mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund und mit unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen. So habe sie die komplexe Thematik möglichst greifbar machen wollen. «Ich habe als Aussenstehende versucht, mich in die Thematik der rassistischen Diskriminierung einzudenken», sagt sie, «ich glaube, durch diesen Aussenblick ist eher gewährleistet, dass das Thema auch niederschwellig funktioniert».

Auch weitere (Aussen-)Perspektiven flossen – und fliessen – in die Ausstellung ein. In Workshops mit Jugendlichen näherte sich Sonja dem Thema auf gestalterische Weise an, manche der so entstandenen Bilder sind in Form von herausziehbaren Plättchen in eines der Holzmodule integriert. Ausserdem werden sich Theatergruppen wie das Flüchtlingstheater Malaika oder das Experi_theater spielerisch mit den inhaltlichen und räumlichen Elementen von «Facettenreich» auseinandersetzen. «Mit theaterpädagogischen Methoden kann man das Thema super vermitteln», meint Sonja dazu: «Die Idee hinter den Theaterveranstaltungen ist, die Anwesenden miteinander ins Gespräch zu bringen.»

Auch Teil der Ausstellung: Jugendliche befassten sich mit dem Thema der rassistischen Diskriminierung, indem sie es visuell verarbeiteten. (Bild: Marla und Helena L. )

Zusätzlich liegen unbeschriebene Karten bereit, auf denen Besucher*innen eigene Diskriminierungserfahrungen festhalten und die sie durch einen Schlitz in eines der Holzmodule einwerfen können. Die Geschichten, die so zusammenkommen, werden auf der Website gesammelt. Denn das soll die Ausstellung auch tun: ein Sprachrohr bieten.

(gif: Sonja Koch)

Brücken statt Mauern bauen

Der Gedanke, der hinter dieser Ausstellung steht, spiegelt sich nicht zuletzt auch in ihrer Gestaltung wider: «Ich wollte eine Mauer bauen», sagt Sonja. Natürlich fühle sich ausgeschlossen, wer Diskriminierung erfahre. Doch die Mauern baue jener Teil der Gesellschaft, der diskriminiert. «Viele merken vielleicht, dass es Alltagsrassismus gibt und dass das nicht gerecht ist, aber man denkt oder redet es dann doch irgendwie schön. Denn wer gibt schon gerne Privilegien auf – oder schaut einfach weg.» Dabei geht es bei «Facettenreich» ums Hinschauen: «Das Ausstellungsprojekt heisst ‹Wie man mit Neugierde Brücken baut›», erklärt Sonja und fügt hinzu: «Um diese Neugierde geht es mir. Um sie zu empfinden, muss man anerkennen, dass die Mauer existiert. Aber man muss auch durch sie hindurchsehen können; das ist die Idee hinter den Guckkästen.»

Da stand die Ausstellung noch neben der Liebfrauenkirche, mittlerweile ist sie auf den Park Platz umgezogen. (Bild: Gioia Da Silva)

Die Mauer, die Sonja gebaut hat, ist also die in unseren Köpfen: «Ich möchte, dass man als Ausstellungsbesucher*in reflektiert und feststellt: ‹Ich kann vielleicht gar nicht mal so viel dafür, aber Rassismus ist ein strukturelles Problem und ich bin Teil davon. Ich bin nicht frei von Vorurteilen und handle nicht immer korrekt.› Sobald man das realisiert hat, kann man anfangen, daran zu arbeiten. Das ist eigentlich das Ziel – zu vermitteln: Es fängt bei mir an.»

Die Ausstellung ist Tag und Nacht frei zugänglich. Im Mai und Juni ist sie auf dem Park Platz und dem Hechtplatz zu sehen, im August am Theaterspektakel. Die genauen Daten und Infos zu den Theateraufführungen findest du hier.

Titelbild: Valentina De Marchi

Redaktorin

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