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Minimalismus – das weltliche Klostertum des 21. Jahrhunderts? Teil 1

Lara lebt als Minimalistin, Adrian in einem Kloster. Beide besitzen nur das Nötigste. Ist Minimalismus das weltliche Klostertum des 21. Jahrhunderts? In einer zweiteiligen Artikelserie geht Redaktorin Florentina den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Lebensstile nach.
22. Juli 2019
Redaktorin

Dies ist Teil 1 der Serie. Der zweite und letzte Teil findest du hier.

Minimalismus liegt im Trend. Nur besitzen, was man nutzt, nur behalten, was gefällt – eine klare Gegenbewegung zum vorherrschenden Materialismus unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die uns weismachen will, dass mehr Geld, mehr Kleider, mehr Konsum auch mehr Zufriedenheit zur Folge hat.

Shopping-Hauls, Black Friday-Sales, überzogene Kreditkarten und vollgestopfte Kellerabteile erwecken aber alles Andere als den Eindruck von Zufriedenheit, sondern eher von einem unstillbaren Verlangen nach Dingen, die wir später wieder mühsam loszuwerden versuchen.

Die Konsumgesellschaft hat verlernt zu wissen, wann es genug ist. Und «genug» kann erstaunlich wenig sein.

Mit weniger glücklich zu werden, ist keine Idee des 21. Jahrhunderts. Schon seit Jahrtausenden verzichten Nonnen und Mönche auf Besitz, um sich dem Leben mit Gott zu widmen. Dies tun die heutigen Minimalist*innen zwar nicht, ihr asketischer Lebensstil mutet von Aussen betrachtet dennoch klösterlich an.

Kann man Minimalismus mit dem Klostertum vergleichen? Worin unterscheiden sich die Philosophien? Diesen Fragen ist Redaktorin Florentina nachgegangen und hat dazu in diesem ersten Teil die Minimalistin Lara zum Gespräch getroffen.

Lara und Bruder Adrian

Wie definierst du Minimalismus?

Anfangs hatte ich das Gefühl, ich sei nur eine Minimalistin, wenn ich nur 100 oder 50 materielle Dinge besitze. Inzwischen sehe ich es anders: Ich besitze nur das, was ich brauche und der Rest darf dem ständigen Kreislauf teilnehmen – ich verschenke die Dinge also weiter.

Was man braucht kann aber sehr breit definiert werden.

Ja, das ist eine persönliche Frage.

Was hat dich dazu bewegt, mit weniger leben zu wollen?

Ich habe einen Ordnungswahn. Ordnung gibt mir Sicherheit – auch wenn es doof klingt. Je weniger ich habe, desto mehr habe ich das Gefühl, zu viel zu haben.

Wieso tragen Minimalist*innen meist schwarze Kleidung?

Weil so all die wenigen Kleidungsstücke einfacher untereinander kombiniert werden können. Bei mir ist es auch aus Ordnungsgründen.

Glaubst du, Minimalismus kann ein Glaubens- oder Religionsersatz sein?

Es ist immer schwierig, wenn man das Wort «Religion» braucht. Aber ja, es ist wie jeder Glaube eine Lebensphilosophie.

Ich persönlich glaube daran, dass es mir besser geht, wenn ich weniger besitze.

Macht dich weniger glücklicher?

Wie definierst du «glücklich»?

Eine innere Grundzufriedenheit und Ruhe, abgesehen von den Gefühlsschwankungen, die wir alle mal haben. Anders gefragt: Es würde dich stressen, sehr viel zu besitzen?

Oh ja. Auch in einem Raum zu schlafen, in dem es sehr viele Dinge hat, fällt mir schwer.

Laras Schlafzimmer

Viele, die einen minimalistischen Lebensstil pflegen erzählen, der Minimalismus hätte noch ganz andere, ungeahnte Auswirkungen auf ihr Leben gehabt. Kannst du dies bestätigen?

Wer bewusst konsumiert, spürt sicher auch Auswirkungen auf den Rest des Lebens. Man beginnt auch bei Freundschaften oder Beziehungen darüber nachzudenken, bringt es dies noch?

Wenn du praktisch nichts mehr einkaufst oder neu akquirierst, sparst du viel Geld?

Ja extrem. Ich brauche eigentlich kein Geld, alles landet auf meinem Sparkonto – ausser der Miete natürlich. Anfangs habe ich noch viel regelmässiger im Brocki oder auf dem Flohmi Dinge gekauft – aber auch dort konsumiert man öfters mal Sachen, die schlussendlich nicht genutzt werden.

Ich möchte alles, auch wenn ich es gratis bekomme, nur annehmen, wenn ich es auch nutze.

Minimalismus ist nicht unbedingt mit Nachhaltigkeit verbunden – es gibt auch Minimalist*innen, die zwar nur 100 Gegenstände besitzen aber mit dem Flugzeug um die Welt jetten.

Ich denke die meisten, die zum Minimalismus stossen, machen sich auch Gedanken zur Nachhaltigkeit. Dennoch hat jede*r seine eigenen Prioritäten. Die einen halt leider, dass sie schnell irgendwo hinfliegen können.

Wieso wollen so viele Menschen immer mehr besitzen?

Ich denke, wir werden von der Gesellschaft so getrimmt, dass wir alle gewisse Dinge besitzen, damit wir dazu gehören. Ich sehe nicht alles als «böse» an, was die Gesellschaft von uns fordert. Aber ich finde es wichtig, dass man sich überlegt, was man sich antun will oder nicht.

Ein Klappstuhl dient als Garderobe und Ablagefläche

Wieso fällt das Loslassen von Gegenständen so schwer?

Ich glaube manche Menschen finden Sicherheit darin, wenn sie mehr haben.

Du meinst, Reichtum ist eine Frage der Perspektive.

Ja. Es ist wie mit der Frage: «Fühlst du dich reich?» Ich fühle mich reich, aber nicht, weil ich eine Million auf dem Konto habe, sondern weil ich mir alles leisten kann was ich möchte. Und glücklicherweise ist dies nicht so viel wie andere möchten.

Auffallend oft sind Menschen, die sich als Minimalist*innen bezeichnen Freelancer*innen, arbeiten selbstständig oder hatten früher einmal sehr gut verdient, sehr viel konsumiert und haben dann radikal ausgemistet weil sie merkten, dass mehr Geld nicht glücklich macht. Ist Minimalismus ein Wohlstandsphänomen? Kann man sich überhaupt dazu entschliessen, wenig besitzen zu wollen, wenn man nie davon kosten konnte wie es ist, viel zu besitzen?

Gut möglich. Man sieht ja auch, dass die, die früher sehr wenig hatten, sich nun viele Dinge kaufen weil sie meinen, dies bedeutet Wohlstand.

Viele Leute haben Mühe damit Dinge wegzugeben, weil sie nicht wissen, ob sie sie später im Leben wieder einmal brauchen werden. Kann man erst minimalistisch sein, wenn man angekommen ist und weiss, man lebt nicht in einem Provisorium?

Dieses Denken hatte ich eine Zeit lang auch. Inzwischen hat es sich dahingehend geändert, dass ich alles weggebe, wenn ich es jetzt nicht brauche. Je mehr ich diese Angst loslassen konnte, desto eher kamen Dinge im richtigen Moment wieder zurück.

Bilder: Florentina Walser / zvg

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