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Minimalismus – das weltliche Klostertum des 21. Jahrhunderts? Teil 2

Lara lebt als Minimalistin, Adrian in einem Kloster. Beide besitzen nur das Nötigste. Ist Minimalismus das weltliche Klostertum des 21. Jahrhunderts? In einer zweiteiligen Artikelserie geht Redaktorin Florentina den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Lebensstile nach.
23. Juli 2019
Redaktorin und Lektorin

Dies ist Teil 2 der Serie. Hier gehts zum ersten Teil mit Minimalist*in Lara.

Minimalismus liegt im Trend. Nur besitzen, was man nutzt, nur behalten, was gefällt – eine klare Gegenbewegung zum vorherrschenden Materialismus unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die uns weismachen will, dass mehr Geld, mehr Kleider, mehr Konsum auch mehr Zufriedenheit zur Folge hat.

Shopping-Hauls, Black Friday-Sales, überzogene Kreditkarten und vollgestopfte Kellerabteile erwecken aber alles Andere als den Eindruck von Zufriedenheit, sondern eher von einem unstillbaren Verlangen nach Dingen, die wir später wieder mühsam loszuwerden versuchen.

Die Konsumgesellschaft hat verlernt zu wissen, wann es genug ist. Und «genug» kann erstaunlich wenig sein.

Mit weniger glücklich zu werden, ist keine Idee des 21. Jahrhunderts. Schon seit Jahrtausenden verzichten Nonnen und Mönche auf Besitz, um sich dem Leben mit Gott zu widmen. Dies tun die heutigen Minimalist*innen zwar nicht, ihr asketischer Lebensstil mutet von Aussen betrachtet dennoch klösterlich an.

Kann man Minimalismus mit dem Klostertum vergleichen? Worin unterscheiden sich die Philosophien? Diesen Fragen ist Redaktorin Florentina nachgegangen und hat dazu in diesem ersten Teil Bruder Adrian vom Kapuzinerkloster Rapperswil zum Gespräch getroffen.

Lara und Bruder Adrian

War es für Sie schwierig, bei Eintritt ins Kloster sich von allen Besitztümern zu trennen?

Als ich ins Kloster ging, hatte alles, was ich besass, in einem Rucksack platz. Das, was ich am meisten hinter mir lassen musste, war meine Jazzgitarre – die habe ich vor Eintritt ins Kloster verschenkt. Für mich war das damals aber nicht hart, weil ich das Gefühl hatte, dass es um die Qualität und nicht um die Menge geht.

Was besitzen Sie jetzt noch?

Die Kleider die ich habe, gehören mir. Ich habe auch eine Zahnbürste und einen Kamm. Bücher besitze ich auch einige, vor allem aus den Zeiten, in denen ich noch wissenschaftlich tätig war.

Das ist ihr ganzes Besitztum?

Ich habe einen Computer, und obwohl klar ist, dass nur ich darauf arbeite, würde ich sagen, er gehört der Gemeinschaft. So stellt sich vielmehr die Frage – die es im Minimalismus sicher auch gibt – wie man mit Arbeitsgerät umgeht und nicht, ob die Dinge mir oder der Gemeinschaft gehören. Weil schlussendlich kann ich bei allem, was nicht Kleider sind sagen, es sei Arbeitsgerät. Die Frage des Minimalismus – «Was brauchen wir denn wirklich und was ist eine Last?» – hat uns Franziskaner in der gesamten Ordensgeschichte beschäftigt.

Die Frage des Minimalismus – «Was brauchen wir denn wirklich und was ist eine Last?» – hat uns Franziskaner in der gesamten Ordensgeschichte beschäftigt.

Wenn alles, was mehr ist, zur Last wird, macht dann weniger Besitz glücklicher?

Ja, zu viel Besitz kann eine Last sein. Und Besitz macht auch abhängig. Man muss plötzlich Mauern bauen, um seine Sachen zu verteidigen, kann den Menschen nicht mehr auf die gleiche Art begegnen.

Wieso wollen so viele Menschen heutzutage immer mehr besitzen?

Einerseits, weil sich die Gesellschaft gegenseitig immer weiter hoch treibt – wenn jemand anderes etwas hat, will man es auch haben.

Andererseits leben wir in einem Wirtschaftssystem, das davon abhängt, dass die Leute immer mehr kaufen.

Interessant ist ja, dass wir so viel haben wie noch nie zuvor, und die Menschen gleichzeitig mehr Angst haben als früher. Trotz allen – auch staatlichen – Sicherheiten sind viele elends unglücklich und meinen, es sei eine schlechte Zeit.

Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Wenn alle Mangel leiden, nimmt man ihn nicht mehr so heftig wahr. Aber wenn es noch kleine Mängel, kleine Ungerechtigkeiten gibt, nimmt man diese viel stärker wahr.

Und wieso denken Sie, fällt so vielen Menschen das Loslassen von Gegenständen so schwer?

Gegenstände geben eine gewisse Bequemlichkeit und Sicherheit. Es ist auch eine Frage des Willens. Frage ich mich wirklich: Brauche ich etwas oder brauche ich es nicht?

Was und wieviel man braucht, ist sehr individuell. Wie finde ich heraus, was ich wirklich brauche?

Es ist eine Frage, über die man gemeinsam reden sollte. Aber das ist ebenfalls etwas, was wir nicht gerne tun: mit anderen darüber zu diskutieren, ob wir etwas brauchen oder nicht.

Man kommt schnell in eine Art Kaufrausch, und lässt sich dann nicht gerne von anderen in Frage stellen.

Viele, die zu Minimalist*innen werden, verdienten einst sehr gut, kauften und besassen viel und misten dann radikal aus. Muss man zuerst zu viel haben um merken zu können, dass man mit weniger glücklicher ist?

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Dinge zusammenhängen. Jemand der zu wenig hat, wird sicher nicht von Anfang an auf die Idee des Minimalismus kommen.

Kann man den Minimalismus auf geistiger Ebene mit dem Klostertum vergleichen?

Nicht mit dem Klostertum, aber mit der Spiritualität von Franziskus. Franz von Assisi stellte diese Fragen schon vor 800 Jahren – und hat sie auch beantwortet.

Wenn Sie nun in ein weltliches Leben zurück müssten, würden Sie sich etwas wieder kaufen?

Ich glaube nicht.

Was halten Sie von Menschen, die weniger besitzen wollen?

Die machen im Grunde dasselbe wie ich.

Tun sie das wirklich?

Ich habe eine Lebenseinstellung und bin in einem Lebensumfeld, in dem man sagt: überlege dir gut, was du wirklich brauchst und lass los, was du nicht brauchst. Das Loslassen ist für uns ein wichtiges Thema.

Titelbild: Kloster Rapperswil

Besitz in Klostergemeinschaften
Kapuziner sind eine Untergruppe des Franziskanerordens und gehören zu den Bettelorden. Sie verschreiben sich der Armut und der Besitzlosigkeit. Kapuzinerbrüder verfügen weder über Privatbesitz noch über Gemeinschaftsbesitz.

In anderen Orden hingegen hat der einzelne Mönch zwar auch keinen Besitz, die Klostergemeinschaft aber schon. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Benediktinerkloster Einsiedeln, dem unter anderem die Insel Ufenau und Teile des Zürichsees gehört.
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