Mensch mit Behinderung: «Ich träume vom eigenständigen Leben in Zürich»

Menschen mit Behinderung stehen noch immer vor allerlei Hürden. Wer selbstständig leben und an der Gesellschaft teilhaben will, hat es alles andere als leicht. Baltasar Spengler träumt trotz seiner Behinderung vom eigenständigen Leben in der Stadt.
10. Mai 2018

Eine bezahlbare Wohnung in Zürich: Ein Ding der Unmöglichkeit. Wir kennen es alle! Gefühlt alle paar Schaltjahre wird günstiger Wohnraum frei. Zu dieser Gelegenheit versammeln sich gern mal ein- bis zweihundert Menschen. Leichter erscheint es, ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft zu finden. Doch auch hier gilt es, auf eine grosse Prise Glück oder auf das gut vernetzte Umfeld zu hoffen. Besteht man dann noch den Charaktertest der möglichen, künftigen Mitbewohner*innen, dann – aber nur dann! – könnte es klappen.

Baltasar Spengler träumt vom Leben in der Stadt Zürich. Balz, so stellt er sich vor, ist 25 Jahre alt, vielseitig interessiert, sammelt alte Gitarren und Macs, geht gerne an Konzerte oder für ein Bier in eine Bar. Hätte er seine Bewerbung bereits ausformuliert, würde sie sich kaum anders lesen, wie jene eines jeden anderen Mittzwanzigers, den es in die Stadt zieht. Wäre da nicht seine Behinderung namens Zerebralparese, die ihn unsicher auf den Beinen stehen lässt.

Training für Hirn und Beine

Klingelt man an Balz’ Haustüre in Feldmeilen, gilt es sich in Geduld zu üben. Erst nach einer Weile erscheint er an der Tür. Sobald sie sich öffnet, versteht man auch weshalb. Balz stützt sich angestrengt auf seine Krücken. Hinter ihm erstreckt sich eine für ihn wohl endlos erscheinende Treppe. So denkt man zumindest, wenn man zusieht, wie er sich fest am Geländer abstützen muss. «Das ist gutes Training», sagt er bloss dazu. «Würde ich nie laufen, würde ich diese Fähigkeit verlieren.»

Balz’ Hirnregion, welche seine Beine steuern sollte, ist beschädigt. Deshalb ist er auf seine Krücken angewiesen oder für weitere Gehdistanzen auf seinen Elektro-Scooter. «Ich bin zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen», sagt Balz. «Bei der Geburt habe ich zu wenig Sauerstoff bekommen. Deshalb habe ich eine Hirnschädigung.» Mit der Diagnose «zerebrale Lähmung» war Balz bereits früh als Mensch mit Behinderung abgestempelt, was auch seinen künftigen Werdegang prägte und prägen wird.

Zwischen Haus- und Wohnungstür liegt diese Treppe. Was auf den ersten Blick eine unüberwindbare Hürde zu sein scheint, stellt sich als gutes Trainingsobjekt heraus.

Zwar durfte Balz noch in den «normalen» Kindergarten in Feldmeilen, doch ab dem siebten Lebensjahr besuchte er eine Sonderschule – die Schule für Körper- und Mehrfachbehinderte SKB in Wollishofen. «Dass man Behinderte auf eine Sonderschule schickte, war damals der Zeitgeist», sagt Balz. «Heute würde ich wohl normal in die Primarschule eingeschult werden.»

Ein Leben unter der Käseglocke

Dies hätte Balz auch besser zugesagt. Wie er mit Bedacht und Sprachgewandtheit von seinem Leben erzählt, merkt man, wie er sich bis anhin von der Gesellschaft ausgeschlossen gefühlt hat. «Mir wurde gesagt, dass ich nicht nachkommen würde, wenn ich nicht auf eine Sonderschule gehe», sagt Balz. Heute ist er sich sicher, dass vieles anders – vielleicht besser – gekommen wäre, hätte er eine «normale» Schule besucht. Denn an dieser hätte er wohl mehr gelernt und wäre nun selbstständiger. «Ich hätte mehr insistieren müssen», sagt Balz, «ob ich nun gemobbt worden wäre oder nicht.»

Man wollte uns gar nicht wirklich am Leben teilhaben lassen.

Und doch absolvierte er seinen gesamten, zwölf Jahre andauernden Bildungsweg an der SKB: Primar- und Oberstufe, dann eine Art zehntes Schuljahr, das weitere drei Jahre dauerte. «Meine Schulkollegen und ich fühlten uns, als lebten wir in einer Parallelgesellschaft», sagt Balz. «Das Leben war dort draussen – wir unter der Käseglocke. Sie hätten zwar die Welt da draussen gesehen, aber für die Gesellschaft seien sie fast unsichtbar gewesen. «Man wollte uns gar nicht wirklich am Leben teilhaben lassen. Doch wenn man immerzu von Pädagog*innen umgeben ist, die wissen, was gut für einem sei, wird es schwer, nein zu sagen und etwas selbst auszuprobieren».

Nach seinem Schulabschluss strebte Balz eine Lehre als Grafiker an. Doch sein Berater bei der Invalidenversicherung riet ihm davon ab. «Mir wurde gesagt, es sei unrealistisch», sagt Balz. «Eine KV-Lehre wäre in meiner Situation eine realistische Option und eine solide Basis.» Balz entschied sich für das B-Profil – also ohne Berufsmaturität –, doch dafür sei er wiederum zu langsam, wurde ihm gesagt. Also absolvierte er eine zweijährigen Attestlehre als Büroangestellter bei der Brunau Stiftung. Danach hätte Balz innert zwei Jahren die vollwertige KV-Ausbildung abschliessen können. «Aber die IV hatte mir das ausgeredet», sagt Balz. «Denn wenn ich zu langsam bin und danach keinen Job finden würde, wäre das Ganze unnütz.»

Zurzeit wohnt Balz in diesem Haus in Feldmeilen.

Zwischen Fremd- und Selbstbestimmung

Verpasste Chancen und Bedauern übernehmen immer wieder die Oberhand, während Balz von seinem Werdegang erzählt. Auch wenn er mit seinem jetzigen Job bei Cerebral Zürich eigentlich ganz zufrieden ist. Dort kann er sein Interesse für Design und Kommunikation ausleben. Er hat unter anderem die Mitgliederbroschüre neu gestaltet, schreibt Berichte über Dienstleistungsangebote für Menschen mit einer Zerebralparese und besucht Tagungen rund ums Thema Behinderung.

«Sie wollten mich zuerst nicht einstellen, weil das Büro nicht barrierefrei ist», sagt Balz. «Doch das wollte ich nicht als unüberwindbare Hürde belassen, also ging ich vorbei und sah mir das an.» Es stellte sich heraus, dass lediglich einige Treppenstufen im Wege stünden. Jetzt ist er in einem geschützten Arbeitsverhältnis mit Cerebral Zürich. Das heisst: Balz muss seine Arbeitsleistung in mehr Anwesenheitszeit erbringen. Dafür reist Balz vollkommen eigenständig nach Zürich zur Arbeit. Es zeigt sich, wie selbstbestimmt Balz sein Leben mittlerweile bestreiten kann. Nur das mit der eigenen Wohnung müsse jetzt noch klappen.

Balz wohnt in einem schönen Altbau. Trotzdem will er in die Stadt ziehen.

«Meine kleine Schwester ist dabei mein Vorbild», sagt Balz. «Sie ist vor Kurzem ausgezogen». Dabei habe er gemerkt, dass seine Mutter nicht ewig für ihn sorgen könne. «Auch wenn sie sich damit schwertut, loszulassen», sagt Balz. «Aber ich will mit Menschen in meinem Alter zusammenleben. Ich will näher ans Geschehen. Ich will in die Stadt, spontan an ein Konzert gehen können.»

«Vielleicht ist das zu utopisch»

Balz kommt immer wieder ins Schwelgen über ein mögliches Leben in den eigenen vier Wänden, bremst sich jedoch immer wieder aus mit den Worten: «Vielleicht ist das zu utopisch.» Ihm ist bewusst, dass es alles andere als leicht werden wird. Doch in ein Heim will er nicht. «Ich will nicht jeden Abend um sechs zum Abendessen erscheinen müssen», sagt Balz. «Ich will auch mal auf einen Kebab raus gehen können oder einen über den Durst trinken. Ich will am Leben teilhaben.»

Ich werde so viel wie möglich zum Zusammenleben beitragen.

Balz will weder von einer Institution noch von seinen Eltern abhängig sein. Auch wenn eine persönliche Assistenz notwendig sein wird. «Ich werde weder Staubsaugen, noch schwere Sachen tragen können», sagt Balz. «Doch ich würde so viel wie möglich zum Zusammenleben beitragen.»

Im Dialog Ängste lösen

Auch wenn der Zürcher Wohnungsmarkt ohnehin kaum ein Mietobjekt hergibt, ist das nicht Balz’ grösstes Problem. «Ich hadere noch nicht an den Strukturen, sondern an mir selbst», sagt er. «Es fehlt mir an Selbstvertrauen, das zu fordern und zu erreichen, was für andere selbstverständlich ist». Doch er scheint bereit für den Schritt. Er will aktiv am Leben teilhaben und nicht nur zusehen. Auch wenn noch ein weiter Weg vor ihm liegt. Denn, auch wenn Balz sicherlich einen sehr liebenswerten Eindruck macht, wer will schon mit einem Mensch mit Behinderung zusammen wohnen? Wer kann sich das schon vorstellen?

Doch nicht anders als beim Job bei Cerebral Zürich, den er beinahe nicht bekommen hätte, weil das Büro nicht vollends barrierefrei war, würde er den Dialog suchen. «Ich würde fragen, wo denn das Problem ist», sagt Balz. «Reden wir darüber! Wovor habt ihr Angst?» Man müsse ihm nicht die Treppe hinauf helfen, das Essen einführen oder den Arsch putzen.

Balz ist sprachgewandt und wählt seine Worte mit Bedacht.

Hingegen will Balz auch nicht auf sein Menschenrecht auf Teilhabe an der Gesellschaft appellieren. «Ich will weder dem System, noch der Struktur Schuld geben», sagt Balz. «Ich will kein Opfer sein!» Er will ein Mensch sein, der sein eigenes Glück in die Hand nimmt und sein Leben formt, mit Menschen zusammenleben, die ihn als Menschen schätzen. «Wer Stunden über Sinn und Unsinn des Lebens philosophiert, über Tonkunst, Kultur und Design diskutiert, gerne spricht, um Gedanken weiter zu denken, dem wird es nicht langweilig werden mit mir».

Suchst du noch einen Mitbewohner, dann schreibe Balz eine Mail: balzspengler@gmail.com


Baltasar Spengler und der Autor kennen sich von der Zusammenarbeit bei Einfache Sprache Schweiz.

Alle Bilder: Timothy Endut

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