Zürich gehört nicht nur den Städter*innen

Linke wollen eine Stadt, in der nur das Lärm macht und Platz braucht, was sie selbst gerne mögen. Das ist egoistisch und unfair.
31. Oktober 2018

In der Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


«In der Stadt darfs ruhig ein bisschen laut sein» und «wer an die Langstrasse zieht und sich dann über Lärm beschwert, ist selbst schuld»: Das sind Meinungen, die in Zürich annähernd den Status eines Grundkonsenses haben. Gerade wegen seinem lebendigen öffentlichen und kulturellen Leben ist Zürich so attraktiv für junge, alternative und hippe Menschen. Wer was dagegen habe, dass in der Gartenbeiz auch nach 22 Uhr noch laut gelacht wird, solle besser aufs Land ziehen.

Es sind dann genau diese Leute, die kein Formel-E-Rennen in der Innenstadt wollen, weil die Anwohner*innen dadurch gestört würden. Oder den Sechseläutenplatz als freier Raum für die Stadtbewohner*innen zurückerobern möchten. Oder nur schon beim Wort «Street Parade» die Augen verdrehen.

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Besonders Linke, Grüne und Alternative hatten ein Problem mit dem Formel-E-Rennen in Zürich. Gerade aktuell und ähnlich ist die Sache im ewigen Krampf um ein neues Fussballstadion. Autorennen und mit einigen Abstrichen auch Fussballspiele gehörten noch nie zu den Lieblingsanlässen von alternativen Stadtbewohner*innen. Sie sind ihnen oft zu prolo oder zu mainstreamig.

Die Haltung dieser Leute ist aber egoistisch und unfair. Sie wollen eine Stadt, in der nur das Lärm macht und Platz braucht, was sie selbst gerne mögen und konsumieren. Gute Beispiele für solche Events sind das Brupbacherplatzfest, Wipkingen Openair und das Röntgenplatzfest – der als Nachbarschaftsfest getarnte Partei-Event. Andere Veranstaltungen wie das Caliente hingegen gehören zu ihrem Weltbild halt dazu und werden deshalb toleriert, von ihnen selbst aber wegen dem Trubel lieber gemieden.

Weil sich Zürich gerne mit Berlin misst, verglichen auch die Initiator*innen von «Freier Sechseläutenplatz» den betreffenden Platz mit dem Tempelhofer Feld in Berlin. Dort, wo sich hippe Berliner*innen ihren Freiraum selbst erkämpft haben und jetzt biertrinkend ihren Feierabend geniessen. Blöd nur, dass den Initiator*innen ein Fehler unterlief: Sie verwechselten wohl den Sechseläutenplatz mit dem Idaplatz. Keine hippe Stadtbewohner*in würde je auf die Idee kommen, sich für ein Feierabendbier auf dem sterilen, grauen Sechseläutenplatz zu treffen. Ironische Randnote: Auch in Berlin gibt es ein Formel-E-Rennen. Errätst du wo? Ganz genau, auf eben diesem hippen und lebendigen Tempelhofer Feld.

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Will die «Weltstadt» Zürich sich mit ihrem kulturellen Angebot auch weiterhin mit Städten wie Berlin messen, müssen die meinungsbestimmenden Stadtbewohner*innen auch ein Stück weit Mainstreamkultur zulassen. Sie müssen Events akzeptieren, die nicht in erster Linie Bewohner*innen der Stadt selbst als Zielgruppe haben, aber 160'000 (Formel-E) oder sogar eine Million (Street Parade) grösstenteils auswärtige Besucher*innen anziehen. Nicht wenige dieser Leute sind genau jene, die als Zupendler*innen in der Stadt arbeiten und mithelfen, die Steuergelder zu erwirtschaften, die beispielsweise kleine alternative Theater subventionieren. Und ohne diese grossen Veranstaltungen könnten wir Zürich auch nicht «Weltstadt» nennen und mit Berlin vergleichen, das notabene auch nicht nur aus der Kreativszene in Kreuzkölln besteht. Ohne Mainstreamkultur keine Alternativkultur.

Und wenn das alles noch nicht reicht: Freu dich doch, wenn Normalos aus dem Aargau, aus Zug oder Volketswil den Mainstream auf dem Sechseläutenplatz abfeiern. So bleibt mehr Platz für dich und deine Freundinnen, um Alternativkultur auf dem Brupbacherplatzfest zu geniessen.

Titelbild: ZVG, Timothy Endut

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