Meinungs-Mittwoch: Liebe Künstler*innen, Mut zur Faulheit!

Vor etwa zehn Jahren hat Redaktor Dominik Wolfinger seinen Nine-to-five-Job im Labor verlassen und wurde in der Kunstszene tätig. Während dieser Zeit hat er mehr als manch anderer Esel geschuftet und war verdammt stolz auf seine Selbstausbeutung. Heute weiss er: Selbstfürsorge ist wichtiger als Arbeit.
10. Oktober 2018

In der Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Seit ich im Kunstbereich tätig bin, musste ich mir einige Klischees anhören: Meine Arbeit sei mehr ein Hobby, davon leben könne man sowieso nicht, ich sei ein Schmarotzer, zahle keine Steuern und würde sowieso «nichts der Gesellschaft beisteuern».

Diesen Vorwürfen zum Trotz gibt es aber in der Maschinerie der Kunst ein weitaus grösseres Problem, denn der besagten Faulheit entgegen stellt sich die selbst erwählte Ausbeutung der Künstler*innen. Motor dabei ist der Glaube, dass für das Werk gelitten werden muss – und zwar auf eine Art, dass auch die eigene Gesundheit gern aufs Spiel gesetzt wird. Drei Besonderheiten sind mir über die Jahre aufgefallen, die einen ungesunden Zustand konstatieren:

  1. In der Kunstszene wird mehr gearbeitet als in Nine-to-five-Jobs.
  2. Durch das viele Arbeiten wird die Selbstfürsorge enorm beschnitten.
  3. Das Beschneiden der Selbstfürsorge wird glorifiziert.

Aus der Überlastung wachsen keine Kunstwerke

Ist man beispielsweise im Film oder im Theater tätig, verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Dies rührt daher, dass die Arbeitszeiten (Proben, Drehtage, Aufführungen, Recherche, Besprechungen, etc.) – oft über längere Zeit – komplett vereinnahmend sind und man sich den Projekten völlig hingibt (was durchaus sehr erfüllend sein kann).

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Hinzu kommt, dass man in solchen Projekten nicht einfach ausstempeln kann. Man weiss ja nie, wann die zündende Idee oder die erdrückende Katastrophe einen heimsucht. Zudem werden die Vergnügungen, die man beispielhaft zum Beruf gemacht hat, plötzlich zu Arbeit. So ist der Besuch im Kino und im Theater kein reines Vergnügen mehr. Selbst wenn man Freund*innen trifft, bleibt oftmals die Arbeit oder das aktuelle Projekt das Thema. In der wenigen Freizeit gilt es dann, alle privaten Aufgaben zu erledigen.

Ein Grund wieso man als Künstler*in so viel Klinken putzen muss, ist natürlich das liebe Geld. Ein Applaus zahlt noch keine Miete. Man ist auf die Gage angewiesen, die – wenn man sie auf einen Stundenlohn berechnen würde – verschwindend klein ist. Und um überhaupt von der Kunst leben zu können, muss man zu Beginn sehr viel unentgeltlich (Hospitanzen, Praktika, etc.) leisten, um Erfahrung zu ernten.

Das Klischee, Künstler*innen seien von Hause aus faul, fusst womöglich darauf, dass nach aussen ihre Arbeit als Plausch wirkt und daher nicht als Arbeit verstanden wird. Schliesslich muss diese mühselig und in einem klaren Arbeitsverhältnis gesetzt sein.

Meiner Erfahrung nach arbeitet man signifikant mehr, wenn man in der Kunst tätig ist, als im klassischen Nine-to-five-Job. Dieses Überarbeiten gilt als Selbstverständlichkeit und wird oft gerechtfertigt mit: «So funktioniert nun mal die Maschine und man muss leiden, wenn man Grosses kreieren möchte.» Dem kann ich nur entgegensetzen, dass Gras auch nicht schneller wächst, wenn man daran zieht.

Selbstfürsorge ist immer wichtiger als Arbeit

Zugegeben: Das Bild der leidenden Künstler*in hat seine romantischen Züge. Auch ich sitze hin und wieder um vier Uhr Nachts vor vollem Aschenbecher, umringt von leeren Bierflaschen und brüte über einem Text. Dabei habe ich lange den Glauben vertreten, dass meine Arbeit meine Identität sei. Sprich: Ohne meine Arbeit bin ich nichts und um zu sein, muss ich arbeiten. Was Wasser auf die Mühlen des pervertierten, stereotypen Bildes ist.

Doch eben jenes Bild erkenne ich bei jungen wie auch bei erfahrenen Kunstschaffenden immer wieder. In diesem Selbstverständnis ist es ein Leichtes, die eigenen Bedürfnisse zu beschneiden. Man schläft weniger, man isst weniger, kümmert sich weder um die Körper- oder Psychohygiene und noch um soziale Kontakte.

Hinzu kommt das Klischee der kranken Künstler*in, da der fehlende Schlaf, die schlechte Ernährung und der überwältigende Stress sich auf die Psyche und auf den Körper niederlegt. Nicht verwunderlich ist es also, wenn man genau in anspruchsvollen Projekten krank wird und diesen angeschlagenen Zustand mit ins nächste Projekt trägt und zwar so lange, bis der Zusammenbruch ansteht.

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Selbstverständlich bleiben gewisse Projekte anstrengend und sie benötigen viel Zeit und Fleiss, um zu gedeihen. Aber wäre nicht kluges Arbeiten sinnvoller als schlichtweg mehr zu arbeiten? So gehören Pausen, freie Tage, gemeinsames Essen sowie das Abklopfen der Bedürfnisse der involvierten Personen genau so sehr zur künstlerischen Arbeit, wie das Proben, das Besprechen und so weiter.

Diese regenerativen Phasen sind unabdingbar, um kreativ sein zu können. Sie sind gar Teil des Aktivismus. Trotzdem habe ich in meinen zehn Jahren in der Kunst praktisch bei keinem Projekt mitgearbeitet , in welchem die Leute nicht verheizt wurden – ausser ich war selbst in leitender Funktion.

Das Bild der leidenden Künstler*innen sollte neu gedacht werden

Ich würde mir nie anmassen, irgendjemandem zu sagen, wie er*sie zu sein oder zu arbeiten hat. Allerdings geht es mir gewaltig auf den Docht, wenn ich Kolleg*innen zuhöre, wie sie die oben erwähnten Punkte mit einer ausgefallenen Portion an Geilheit präsentieren. «Ich habe seit Tagen nicht geschlafen und gegessen, dafür wird mein Projekt ein riesen Hit!»

Nein wird es nicht! Und es ist einzig grauslich, wenn man sich selbst darstellt und gleichzeitig Mitleid und Achtung verlangt. Auch hier muss ich kurz erwähnen, dass ich das ausreichend gemacht habe. Und ich sehe diese Zustände nun ausschliesslich als kontraproduktiv.

Klar ist, dass eine ausgeglichene Work-Life-Balance alles andere als einfach ist zu erreichen. Dies geht wohl allen so, auch ausserhalb der Kunst. Ich wünsch mir deshalb mehr Faulheit für alle. Dies, um die Liebe zur Arbeit und zum Leben zu stärken.

Um Künstler Marcel Duchamp zu zitieren: «Ich hätte schon gerne etwas getan, aber ich war im Grund unsagbar faul. Ich lebe lieber, atme lieber, als dass ich etwas arbeite. Und da ich nicht glaube, dass die von mir geleistete Arbeit in Zukunft für die Gesellschaft irgendwie von Bedeutung sein wird, habe ich beschlossen, mein Leben zur Kunst zu machen – die Kunst zu leben zu praktizieren.»

Titelbild: Laura Kaufmann


Kollegin Seraina Manser hat bereits einen Artikel über die Verherrlichung der Arbeit geschrieben.

Wer sich mehr für Faulheit interessiert: Hospiz der Faulheit

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