Meinungsmittwoch: 17 Stunden Zug oder 2 Stunden Flugzeug – warum ersteres trotzdem geiler ist!

Im heutigen Meinungs-Mittwoch singt Tsüri.ch-Redaktorin Seraina Manser ein Loblied auf Schlafzüge und hofft, dass sie irgendwann attraktiver als Flugreisen werden.
08. August 2018

In der Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Eine Reise mit dem Schlafzug kostet viel, dauert lang und wenn du Pech hast, schläfst du dabei mit bis zu fünf unbekannten Menschen in einem engen Abteil. Fünf Menschen, die dich in unangenehme Gespräche verwickeln könnten! Oder die dich mitten in der Nacht, irgendwo auf der Strecke zwischen Neapel und Salerno ausrauben! Am nächsten Morgen serviert dir der*die Wagenchef*in einen zu heissen Nescafé im Pappbecher und der Zug spuckt dich frühmorgens auf irgendeinem Perron aus.

Du fühlst dich gerädert – so als hättest du die Nacht auf einer harten Pritsche verbracht, immer wieder aufgeweckt vom Schnarchen fremder Menschen über, unter oder neben dir – was du auch hast. Ja, eine Reise mit dem Schlafzug ist ein Abenteuer für sich. Dennoch ist diese Art zu reisen das grösste: Sie gibt den Reisenden auch ein echtes Gefühl davon, was Distanzen sind und ein Kilometer mit dem Zug zurückgelegt belastet die Umwelt 30 Mal weniger als ein Kilometer mit dem Flugzeug.

Wäre die Flugreise ein Familienmitglied, so wäre es die trashige Tante. Die mit den Gelnägel. Sie braucht Entertainment in Form von schlechten amerikanischen Komödien oder «Candy Crush», um eine Reise von zwei Stunden zu überstehen. Die Frage des Sitznachbarn, ob er an ihr vorbei auf die Toilette darf, ist ihr schon soziale Interaktion zu viel. Sie löscht das Licht nicht, wenn sie aus dem Zimmer geht und kauft im Winter Erdbeeren aus Südafrika. Der Schlafzug hingegen ist in der Familie der Fortbewegungsmittel die schmissige Schwester. Für jedes Abenteuer zu haben und lässt du sie irgendwo kurz alleine, hat sie nach fünf Minuten schon neue Freunde gefunden, die sie in ein tiefgründiges Gespräch verwickelt. Sie bezieht ihr Gemüse vom lokalen Bauern und hat sich zuletzt im Jahr 2015 Kleider gekauft.

Die trashige Tante bucht einen Flug von Zürich nach Catania auf Sizilien und legt innerhalb von einer Stunde und 40 Minuten 1235 km zurück. Dabei katapultiert sie 0,263 Tonnen CO2 in die Atmosphäre.

Die schmissige Schwester hingegen fährt mit dem Zug von Zürich über Mailand nach Neapel, wo sie den Schlafzug nach Catania besteigt. Sie ist von nachmittags drei Uhr bis am nächsten Morgen um 8 Uhr unterwegs. Mit dieser Reise verursacht sie lediglich 0,02 Tonnen CO2. Sie trinkt an der Bahnhofsbar in «Milano Centrale» einen Caffè, sieht die Po-Ebene, die Zypressen der Toskana und die malerischen Dörfer des Lazio vorbeiziehen. In Napoli steigt sie in den Nachtzug um. Die Schienen wiegen sie in den Schlaf.

Beim Aufwachen ziehen draussen die Westküste Kalabriens und das tiefblaue Mittelmeer vorbei. In Villa San Giovanni wird der Zug auf die Fähre verladen – sie geht an Deck und geniesst die frische Meeresbrise – drüben in Messina wird der Zug wieder ausgeladen und der Wagenchef schreit durch den Zug «Benvenuti in Sicilia».

Die Reise mit dem Zug macht den Reisenden erst bewusst, wie weit die Destination wirklich entfernt ist. In Zeiten wo wir uns gewöhnt sind heute etwas im Internet zu bestellen und es am nächsten Tag schon aus dem Briefkasten zu fischen, tut es gut auch mal zu warten und bewusst zu reisen. Wer die rund 1000 Kilometer in einem Flugzeug und weniger als zwei Stunden zurücklegt, verpasst zig Eindrücke und Erlebnisse.

Wenn auch Passagiere für Flugreisen Mehrwertsteuer zahlen müssten und die Schweiz zudem auf Flugtickets eine Klima-Abgabe erheben sollte, dann würden Flugtickets endlich einen verursachergerechten Preis erhalten und Flugreisen verlöre an Attraktivität. Zugleich sollten die Zugreisen billiger werden, damit sich alle das Reisen leisten können. Eine Möglichkeit wäre es, dass die EU die Zuglinien ausbaut und bezahlbare Preise anbietet, vor allem auch auf Strecken zwischen den grossen Städten.

So würde die Reise mit dem Zug – zumindest innerhalb Europa – (wieder) zum attraktiven Fortbewegungsmittel.

Die Organisation UmverkehR und Koalition Luftverkehr Umwelt und Gesundheit (KLUG) setzten sich für die Förderung von Zug- statt Flugreisen ein: Hier gibt es mehr Infos.
Titelbild: Laura Kaufmann

Redaktorin

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