Meinungs-Mittwoch: Das Formel-E-Rennen ist das moderne Sechseläuten

Nächsten Sonntag findet mitten in Zürich ein Formel-E-Rennen statt. Dieses ist in seiner Unverhältnismässigkeit kaum zu überbieten. Es handelt sich praktisch um eine Privatparty einiger grosser Unternehmen mitten in Zürich. Natürlich, ohne dass das Stadtzürcher Volk dazu befragt wurde – denn wir sind dabei nur Kulisse.
06. Juni 2018

In der neuen Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Kommenden Sonntag findet mitten in Zürich ein Formel-E-Rennen statt. Wir wissen es alle, denn wir werden seit Wochen mit Werbung und Artikeln für und über diesen Event bombardiert. Ob Formel-E-Rennen grundsätzlich lässig sind oder nicht, das soll jede*r für sich entscheiden, darum geht es mir in diesem Kommentar nicht. Mir geht es in diesem Artikel mehr um Verhältnismässigkeit. Ist es noch verhältnismässig, wenn Teile der Innenstadt quasi lahmgelegt werden, nur damit ein paar Unternehmen praktisch eine Privatparty im Herzen Zürichs und vermeintlich im Namen des Umweltschutzes veranstalten können? Ich bin der Meinung: Nein, dem sollte ein Riegel geschoben werden.

Die Rennstrecke der Formel-E in Zürich (Bild: Swiss E-Prix Operations)

Seien wir ehrlich: Ein Formel-E-Rennen mitten in der Stadt ist einfach unnötig. Ungefähr so unnötig wie ein G-20-Gipfel mitten in Hamburg. Wieso kann dieses Rennen nicht beispielsweise auf dem Militärflugplatz Dübendorf stattfinden oder an einem sonstigen Ort, an dem weniger Menschen von Vorbereitung und Durchführung betroffen sind? Das lehnten die Organisatoren ab, wohl weil die Zürcher Innenstadt werbetechnisch die schönere Kulisse bildet. Dafür nehmen sie in Kauf, dass man Bäume fällen muss, Verkehrsinseln einebnen und die Strecke auf die Höhe des Trottoirs anheben, weil sie sonst zu schmal wäre. Für die dabei entstandenen CO2-Emissionen kaufen die Veranstalter Umweltzertifikate bei der Schweizer Stiftung My­climate. Es wäre wohl wünschenswerter, die Veranstalter hätten einfach einen passenderen Ort für den Event gefunden und dadurch weniger CO2-Emissionen. Ohnehin seien die Zertifikate viel zu günstig und gingen eher in Richtung «Greenwashing», wie Energie-Experte Bianchetti in der NZZaS monierte.

Aber es geht um Prestige. Es geht darum, dass das Rennen im Fernsehen gut aussieht. Es geht um Werbekunden, darum seinen zahlenden Gästen etwas zu bieten. Oder wie auf der Webseite der Veranstaltung steht: Man möchte einen Event bieten mit «ausgezeichneten Sponsoring- und Hospitality-Möglichkeiten zur Kunden- und Mitarbeiterbindung». Die Stadt und ihre Einwohner*innen verkommen dabei zur reinen Kulisse. Ausser man kann sich ein Ticket für den Event leisten. 100 bis 150 Franken kosten die Tribünenplätze für Erwachsene. VIP-Tickets gehen für 1'289 bis 2'500 Franken weg. Seien wir fair: Ein paar Stehplätze gibt es auch. Denn ganz ohne jubelnde Fans am Streckenrand sieht’s am Fernsehen gar trist aus, das will man ja nicht. Ich hoffe nur, die benehmen sich alle und niemand fackelt Pyros ab – Was würden wohl die Werbekund*innen denken?

Es fühlt sich an wie beim Sechseläuten. Jedes Jahr stehen dort Tausende Menschen an den Seiten und jubeln den elitären Zünfter*innen unserer Stadt beim Umzug zu. Im Wissen, dass sie wohl nie Teil dieser Elite sein werden. Das Formel-E-Rennen ist kaum davon zu unterscheiden: Eine kleine reiche Elite und ein paar Grossunternehmen feiern sich selbst. Das Volk darf auf den billigen Plätzen zuschauen oder auch nicht. Es ist egal, denn der Event ist nicht für sie gedacht: Sie sind bloss Kulisse. Beim Sechseläuten-Umzug hat es wenigstens genügend Platz an den Seiten, damit jede*r live und gratis zusehen kann – wenn sie oder er denn will.

Der Zeitpunkt des Rennens birgt eine gewisse Ironie, denn am selben Sonntag stimmen die Stadtzürcher*innen darüber ab, an wie vielen Tagen ihr Sechseläutenplatz mit Events bespasst werden darf. Es wird einen demokratischen Entscheid darüber geben – Dieser wird nicht allen gefallen, aber zumindest gibt es dazu eine Abstimmung. Dasselbe wünschte ich mir für Events wie dem Formel-E-Rennen. Eine diesbezügliche Stimmrechtsbeschwerde Ende 2017 wurde damals abgeschmettert. Es wäre aber wünschenswert, die Stadtzürcher*innen in Zukunft darüber abstimmen zu lassen, ob sie einen solch überteuerten privatisierten Sauglattismus mitten in Zürich überhaupt wollen. Denn egal, ob man einen Event für die Nachhaltigkeit oder eine sonstige gute Sache macht – Wenn er vor allem den Eliten vorbehalten bleibt, ist er nicht mehr als ein Feigenblatt.

Was ist deine Meinung zu diesem Thema? Schreibe es uns doch in die Kommentare!

Titelbild: Timothy Endut


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