Der unnütze Hype um Hightech-Kleider

Weil Redaktorin Seraina Manser im Outdoorgeschäft keinen Faserpelz findet, sinniert sie über Reisepyjamas mit Insektenschutz und Himalaya-Wanderschuhe, die Städter*innen nicht brauchen. Eine Wanderung übersteht man auch in alten Schuhen, meint sie im heutigen Meinungsmittwoch.
14. November 2018

In der Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Das grosse Schlottern steht uns kurz bevor. Der Winter kommt. Deshalb habe ich mich auf die Suche nach einem simplen Faserpelz begeben. Doch wie ich eines dieser Sport- und Outdoorgeschäfte betrete, wird mir bald klar: Ganz so einfach wird das nicht.

Sie verkaufen ultraleichte Schlafsäcke, mit denen du bei minus 30 Grad im Schnee campieren kannst, oder hautfreundliche Reisepyjamas mit integriertem Insektenschutz. Es gibt sogar «Barfussschuhe», das Paar nicht schwerer als zwei Tafel Schokolade oder windstabile Zelte mit zusätzlicher Sturmsicherung. Doch ein Faserpelz ist weit und breit nicht zu sichten.

Nachdem ich mich durch Regale mit Softshelljacken in allen Farben des Regenbogens und Funktionsunterwäsche aus Merino und Seide gekämpft habe, bete ich einen Verkäufer um Hilfe, nur um zu erfahren, dass man Faserpelze heute nicht mehr trägt. Stattdessen empfiehlt er mir den klassischen Zwiebellook: ein «Longsleeve», der schnell trocknet, und darüber eine Softshelljacke. Faserpelze gibt es zurzeit nur in der Kinderabteilung. Und sowieso: Der Zwiebellook sei viel agiler.

Wenn wir nach draussen gehen, müssen wir scheinbar für alle Niederschläge und Windstärken gerüstet sein. Den grossen Mythen in den 15 Jahre alten Wanderschuhen besteigen? Den Uetliberg hinunter schlitteln mit einer Jacke, deren Gore-Tex-Membran nicht mehr ganz dicht ist? Oder eben einen sperrigen Faserpelz tragen, wenn es doch den dynamischen Longsleeve-Softshell-Zwiebellook gäbe? All das ist heute vorbei!

Wir brauchen die perfekte Funktionsbekleidung für jede Situation. Wir müssen uns mit «geilen Teilen» umgeben, damit wir die Abenteuer draussen geniessen können. Denn wenn wir schon nach draussen gehen, dann «Raus. Aber richtig». Mit dem passenden Equipment fühlen wir uns auch «Draussen zu Hause» und nicht vergessen: «Never Stop Exploring». Die riesige Auswahl an Hochleistungsausrüstungen und -materialien sind für die Normalverbraucher*innen mehr als unnötig.

Denn die meisten dieser Kleider sind für Leute, die Extremsport machen oder im Schnee übernachten – ohne Zelt –, konzipiert. Aber nicht für Herr und Frau Normalo, die in ihrer Hightech-Jacke im Sihlwald spazieren gehen. Weisst du noch, als vor ein paar Jahren plötzlich alle in den Parkas der Marke «Canada Goose» die Bahnhofstrasse entlang spazierten? Das sind Jacken für extreme Wetterbedingungen zum Beispiel in der Antarktis. Aber plötzlich sind Städter*innen bereit, einen Tausender dafür hinzublättern, und marschieren darin im Flachland umher. Dazu tragen sie Turnschuhe und Hosen, die auf Knöchelhöhe enden.

Wie schwachsinnig! Hören wir auf zu glauben, wir können die zweistündige Wanderung nur geniessen, wenn unsere Füsse in Bergschuhen stecken, mit denen wir auch den Himalaya besteigen könnten. Dafür Hunderte von Franken auszugeben, ist sowas von überflüssig. Für eine solche Wanderung tun es auch die Schuhe, die schon zwei Jahre ungenutzt im Estrich stehen.

Einen Faserpelz habe ich übrigens dann trotzdem noch gefunden. Allerdings nur, weil jetzt anscheinend der «Ugly Chic» mit Crocs, unförmigen Jeans und eben Faserpelz wieder in sei.

Titelbild: Laura Kaufmann

Redaktorin

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