Nein zum Hexenkessel!

Einmal mehr werden die Stadtzürcher*innen im Namen eines «richtigen» Fussballtempels zur Urne genötigt. Dabei geht es weniger darum, dass die meisten Argumente der Befürworter*innen Wunschdenken sind, sondern dass die Pläne für den Rest des Areals den echten Nöten dieser Stadt zuwiderlaufen. Ein Meinungs-Mittwoch von Redaktor Mike Mateescu.
07. November 2018

In der Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Stolz streckt der verdiente Nationalheld Köbi Kuhn ein Fantrikot in die Kamera. Ein Zürich ohne FCZ sei für ihn unvorstellbar und der Klub nur mit einem neuen Stadion konkurrenzfähig. Letzteres sagt auch Sportminister Filippo Leutenegger. Dabei klingt er wie ein Hipster, der sein iPhone X baldmöglichst durch ein XS ersetzen möchte. Doch was ist eigentlich mit «konkurrenzfähig» gemeint?

Um das zu verstehen, müssen wir erst ein anderes Argument der Befürworter*innen behandeln. Jahrelang wurde moniert, Zürich habe zwei Klubs, aber nur ein Stadion. Zürich brauche endlich ein «richtiges» Fussballstadion. Das Lustige an der Sache: Neu würden beide Klubs in der neuen Stätte spielen, und diese wäre erst noch kleiner. Während das Letzi je nach Anlass über 30’000 Fussballfans beherbergen kann, bringt es der neue Hardturm auf herzige 18'000.

Die Mär von der Hochsicherheit

Trotzdem schwärmen Leutenegger und Konsorten davon, dass «viel mehr Leute» auf den Rängen jubeln, auch wenn das Spielfeld immer noch gleich gross sein wird. Kommt hinzu, dass die Credit Suisse mit im Bett liegt, die den Bau hauptsächlich finanzieren soll. Sie wird möglichst viele Anlässe in das neue Fussballstadion quetschen wollen.

In Wahrheit verhält es sich doch so: Die Grossbank will einen Eventtempel und die Klubs einen Hexenkessel. Leutenegger wirbt mit dem neuen, tollen Sicherheitskonzept, doch ohne Kunststoffbahn landen Petarden noch leichter auf dem Rasen oder an den Köpfen der Spieler*innen. Und stehen vor Ort zu viele Polizist*innen herum, wird die Randale einfach vor die Europaallee verlegt.

Wahre Inklusion erfordert Kompromisse

Überhaupt nutzen Befürworter*innen die angeblich stimmungskillende Kunststoffbahn als Beweis dafür, dass das Letzi kein richtiges Fussballstadion sei. Allerdings existierte diese bereits in der alten Version. Zugegeben, sie war schon damals ein Streitthema, doch symbolisiert sie Elementares: Inklusion und Diversität – zwei Werte, die uns Zürcher*innen viel wert sind. Aber ausgerechnet beim Sport, der wie kaum eine andere Sparte Menschen jeder Couleur zusammenbringt, sollen nun alle ihr eigenes Gärtchen pachten?

Mag sein, dass Zürich-West einst als Fussballquartier galt, weil das Hardturmstadion eine Attraktion auf weitgehend leerer Flur war. Doch seit dessen Abriss 2008 ist die Gegend durch suboptimale Stadtplanung zum reinen Arbeits- und Schlafquartier verkommen. Besonders pikant: die Fans des FCZ wollen im Letzi bleiben. Es sind die GC-Fans, die auf einen Umzug drängen.

Ja, heisst denn NEIN nun JA?

Zwar haben wir 2004 dem monströsen Pentagon-Projekt zugestimmt, aber das «Nein» von 2013 zum Nachfolgeprojekt ist noch immer frisch. Nein heisst nein, und zu sagen, «nein» bedeutete plötzlich «ja», wäre in mancher Hinsicht eine fatale Botschaft. Eine Stadt, die zu geizig ist, ein reines Fussballstadion mit Steuergeldern zu finanzieren, hat auch keines verdient. Die Befürworter*innen sagen, uns Städter*innen kostete das Stadion nichts, aber auch das ist falsch. Es würde uns raren Wohnraum kosten – von der bezahlbaren Sorte.

Das Bauen gemeinnütziger Wohnungen stagniert seit Jahren. Keinem Menschen, der heute lebt, nützt es was, dass die Stadt bis 2110 um die 170 Millionen Franken einkassieren würde. Würden wir stattdessen – wie von Jacqueline Badran vorgeschlagen – nebst eines Stadions ausschliesslich gemeinnützigen Wohnraum aufziehen, wäre dieser Brandherd auf absehbare Zeit gelöscht. Dagegen ist das gegenwärtige Ansinnen der Stadt eher ein Jonglieren mit Zahlen. Von den 299 gemeinnützigen Wohnungen sollen ganze 125 von der CS zu marktüblichen Preisen gekauft und zu – «hust» – günstigen Konditionen weitervermietet werden. Klingt stark nach Verlustrechnung.

Sagen wir wirklich «JA» zu Gentrifizierung?

Vor diesem Hintergrund sind die beiden Stahltürme mit ihren 570 Wohnungen blanker Hohn. Die von der CS propagierten marktüblichen Preise dürften hoch ausfallen, und auf der Ostseite gibt es bestimmt noch einen saftigen «Gratislogen-Zuschlag», für jene Mieter*innen, die Spiele und Konzerte mit Freund*innen verfolgen möchten. Aber auch die Apartments auf der Westseite werden sich viele kaum leisten können. Man nennt das Gentrifizierung, oder den fortlaufenden Ausschluss weniger zahlungskräftiger Menschen durch eine verteuernde Aufwertung der Quartiere.

Die Stadt argumentiert, dass das Land 2035 von der CS für 50 Millionen Franken zurückgekauft werden könne, sollte bis dahin kein Stadion errichtet oder geplant sein. Diesem Versprechen steht jedoch die sich rasant verschärfende Wohnungsnot gegenüber. Wie auch immer die Stadt diesen Widerspruch zu versöhnen gedenkt: Ich erwarte von ihr, dass sie die Bedürfnisse ihrer Bewohner*innen über jene der Hochfinanz oder einiger egoistischer Sportfans stellt. Und die Stadt, das sind wir. Man kann am 25. November ein «Ja» in die Urne werfen, aber dann darf man sich nie, aber auch wirklich nie, nie wieder über Gentrifizierung beklagen.

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