Meinungs-Mittwoch: Rocki, Brocki, Schmocki oder die Entweihung des «Abart»

Ein Ladenlokal weist den Weg nach Neu-Fübüstan. Vor sechs Jahren musste das Abart schliessen. Dann kam ein Brocki. Und jetzt kommt eine neue Nutzung. Rock ist tot, lang lebe die Keramik!
03. Oktober 2018

Wer denkt nicht gerne ans «Abart» zurück? Der alternative Rock-Club an der Manessestrasse war eine Perle des Nachtlebens. Bis er 2012 nach 14 Jahren den Betrieb einstellen musste, weil nebenan Luxuswohnungen und Service-Appartements gebaut wurden. Einige der Macher*innen betreiben inzwischen das beliebte «Minirock». Die Nachfolge in der ehemaligen Lokalität des Abart im Kreis 3 hatte zwischenzeitlich ein Brocki angetreten. Ist ja nicht so, dass Alt-Wiedikon als pulsierende Ausgangsmeile gilt.

Ein Grund, warum hier so gerne gewohnt wird, und zur Langstrasse gelangt man bequem zu Fuss. Dennoch war das Ladenkonzept kurios: Man übernahm sämtliche Wanddekoration, was schon fast an Leichenfledderei grenzte. Der einzige Unterschied zum Abart bestand darin, dass keine Musik lief und man die Einrichtung kaufen konnte. Wahrscheinlich weil der Laden nur an vier Wochentagen geöffnet hatte und eine Strasse weiter ein viel grösseres und längst etabliertes Brocki stand, war jedoch schon bald Geschäftsschluss.

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Nun entsteht der nächste Shop: Ein Keramikladen. Nach Yoga-Brunch und Heugümper-Burger der neueste Fetisch von uns Stadtkindern. Keramik gilt als nachhaltig, und Nachhaltigkeit ist uns ein Anliegen. Hauptsächlich, um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen. Wir huldigen den Bio-Waren, dem Zero-Waste und dem Veganismus, weil wir auch in Zukunft einmal pro Jahr nach Bali jetten und unsere Kleider kartonweise und für eine einzige vergebliche Anprobe bei Zalando bestellen möchten. Man könnte fast von kostspieligem Ablasshandel sprechen.

Keramik, das ist quasi das iPhone X unter den Haushaltswaren. Viel teurer als vergleichbare Produkte aus Alu, Kunststoff oder Steinzeug, und wehe, sie fällt zu Boden. Nachdem wir im Brocki unseren Möbelbestand erneuert haben, können wir nun unsere Schränke mit Keramikgeschirr füllen. Dann ist der heimische Kokon endlich perfekt und wir brauchen nicht mehr, vor die Tür zu gehen. Dann sind nur noch Binging und Dinner-Partys angesagt. Wer braucht schon Treffpunkte, an denen man gemeinsam Abende und Nächte verbringen kann? Heutzutage geht man um zehn Uhr morgens töpfern, weil auch dies zum Angebot des neuen Lokals gehört. Dass kalte, weisse Keramik den Charme einer Leichenhalle versprühen wird, ist – zugegebenermassen – eine (noch) nicht bestätigte Mutmassung des Autors.

Wo wir vor nicht allzu langer Zeit unsere Hintern zu Goth und Stone-Rock aneinanderrieben, werden nun andere ihr eigenes Geschirr kneten und sich dabei erhaben fühlen – auch wenn die Nachhaltigkeit von Keramik gewissermassen Auslegungssache ist. Was wir daraus lernen? Vermutlich wenig. Wir werden wohl tatenlos dabei zusehen, wie sich unsere geliebte Stadt zunehmend in eine gehobene Ruhezone verwandelt. Darum werde ich künftig noch häufiger im «Minirock» vorbeischauen. Bis auch dieses von den Tanzmuffeln und Neo-Fübüs vertrieben wird.

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