Meinungs-Mittwoch: Warum wir mehr Sprachnachrichten verschicken sollten

Tsüri.ch-Redaktorin Seraina Manser trauert den Zeiten nach, als wir noch lange SMS geschrieben haben. Weshalb sie trotzdem für Sprachnachrichten plädiert, liest du in diesem Meinungs-Mittwoch.
19. September 2018

In der Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als man ganze vier Mal die «7» drücken musste, um ein «S» zu schreiben? Dennoch verschickten wir lange SMS, welche die maximale Anzahl Zeichen aufbrauchten. Schliesslich bezahlten wir pro SMS 20 Rappen. 90ies-Kids will remember!

Diese Nachrichten waren richtige Texte: mit Interpunktionen, meistens sogar mit Anrede und Abschiedsfloskel. Nicht so wie heute, wo wir in Whatsapp-Chats einzelne Wörter und Satzfragmente hin und her feuern – nur aufgelockert durch ein paar Emojis: «Was lauft?» – «Nöd viel» – «Wo bisch?» – «Dihei» – «Ok. Ich gang no id Marsbar». – «Wenn?» – «8» –«Fix, chum au :D».

Wir kommunizieren kurz, schnell und emotionslos. Wir klatschen 20 Nachrichten hin, die aus nicht viel mehr als drei Wörtern bestehen. Das Zwischenmenschliche bleibt da irgendwo zwischen Handy und Satellit auf der Strecke.

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Es gibt jedoch eine Kommunikationsmethode, die emotionaler und menschlicher ist als Textnachrichten und die trotzdem – im Vergleich zu den Anrufen – wartet, bis der*die Empfangende Zeit hat: die Sprachnachricht. Sozusagen das Kind des Anrufs und der Textnachricht.
Whatsapp führte diese Funktion 2013 ein, Telegram zog 2014 nach. Als diese neue Funktion auftauchte, war sie mir suspekt, warum sollte ich das Handy waagerecht wie ein Konfibrot halten und Selbstgespräche ins Mikrofon murmeln? Ich vergass die Funktion wieder, auch weil mir nie jemand eine Sprachnachricht schickte.

Bis ich im Sommer 2016 nach Mittelamerika reiste und die Sprachnachrichten oder die «Mensajes de Voz» lieben lernte. Wir fuhren zu viert im Auto – zwei Costaricaner*innen und zwei Schweizer*innen. Maria sass auf dem Beifahrersitz und versendete Sprachnachrichten an ihre Mutter, als gäb es nichts Normaleres. Dann antwortet die Mutter. Plötzlich war es, als würde sie auch im Auto mitfahren. Der Soundtrack der Audionachrichten passte perfekt ins Ambiente. Julio, der gerade am Steuer sass, rief ab und zu etwas in die Sprachnachricht von Maria hinein. Seit diesem Erlebnis sind mir Sprachnachrichten sympathisch.

Sie sind die Anrufbeantworter der heutigen Zeit. Wie der Beantworter sind sie Monologe und warten, bis die Empfänger*innen Zeit haben. Im Vergleich zu Textnachrichten sind sie aber viel emotionaler. Wer telefoniert denn heute noch mit mehr als fünf Kontakten? Ich jedenfalls kaum. Die Sprachnachrichten sind für mich eine gute Alternative, um mit Leuten zu kommunizieren, die ich nicht zu jeder Tageszeit anrufen will, aber die ich gut kenne.

Und umgekehrt berührt es mich mehr, wenn mir ein guter Freund, der in Berlin wohnt, eine Sprachnachricht schickt, anstatt eines Textes. Im Hintergrund rattert die S-Bahn vorbei und höre ich seine Stimme, fühlt er sich gleich ganz viel näher an. Da können tausende Whatsapp-Nachrichten gespickt mit noch so vielen Emojis nicht mithalten.

Übrigens: Natürlich gibt auch es Leute, die ellenlange Sprachnachrichten verschicken. Dafür hat Telegram eine Funktion entwickelt: Man kann seit dem vorletzten Update Sprachnachrichten mit doppelter Geschwindigkeit ablaufen lassen!

Titelbild: Laura Kaufmann / Timothy Endut


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