Meinungs-Mittwoch: Gegen die Verherrlichung der Arbeit

Warum ist es cool geworden, viel zu arbeiten? Und warum müssen wir uns damit schmücken, dass wir viel arbeiten? Im heutigen Meinungsmittwoch regt sich Seraina Manser über die Verherrlichung der Arbeit auf.
11. Juli 2018

In der neuen Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Ich hatte mal einen Chef, der hat viel gearbeitet. Sehr viel gearbeitet. Aber fast so viel wie er gearbeitet hat, hat er auch darüber gesprochen, wie viel er arbeitet. Als ob es das Beste wäre, am Abend spät zu arbeiten, am Wochenende zu arbeiten und im Tram auf dem Weg zur Arbeit zu arbeiten. Sein Leben bestand eigentlich nur aus Arbeit, Arbeit und – du ahnst es – Arbeit. Oft ging er aus dem Haus bevor seine Kinder aufgestanden waren und oft kam er nach Hause, als sie schon wieder im Bett waren.
Er definierte sich über seine Arbeit. Von seinen Mitarbeitenden erwartete er zwar nicht, dass sie so viel arbeiteten wie er, sondern, dass sie ihn für seine Aufopferung für den Job bewunderten und vielleicht auch ein wenig bemitleideten. Diese ganze Einstellung war mir zuwider. Wann ist es erstrebenswert geworden, so viel zu arbeiten, dass man kaum mehr Freizeit hat? Wenn das Wochenende nicht mehr von den Wochentagen zu unterscheiden ist, weil man da sowieso auch arbeitet? Und warum verherrlichen wir den ganzen Lebensstil auch noch?

Wir alle wollen und müssen arbeiten. Je nach Position und Verantwortung auch zuviel. Es ist schön, wenn wir eine Stelle haben und gerne ins Büro fahren. Aber wenn jemand sagt, er hätte wieder am Sonntag gearbeitet und an jenem Tag sei er nicht vor 21 Uhr aus dem Büro gekommen, dann bin ich nicht beeindruckt und denke «Hui ,was für ein krasser Typ», sondern «erbärmlich, dass du dich mit deiner vielen Arbeit brüsten musst». Ich wäre mehr beeindruckt, wenn er etwas Altruistisches getan hätte, zum Beispiel, das ganze Wochenende seiner Grossmutter Kirschen pflücken oder Freund*innen in den 7. Stock zügeln geholfen hat.

Als ich am alten Ort gekündigt und stattdessen eine 60-Prozent-Stelle angenommen hatte, konnte das eine Mitarbeiterin nicht nachvollziehen. Weil ich ja noch jung sei und jetzt die Energie hätte, 100 Prozent zu arbeiten. Sie begriff nicht, dass es mir (die nur für sich alleine sorgen musste) jetzt wichtiger war, Zeit für eigene Projekte und Deutschunterricht für Asylsuchende zu haben, als einen 100-Prozent-Job mit genügend Zaster – das ich mich halt nicht vollständig über meine Arbeit definiere.

Die Französ*innen mit ihrer 35-Stunden-Woche zeigen, dass es auch anders geht: Nach meiner Matura machte ich einen Stage in einem Hotel in Paris. Dort arbeiteten alle 35 Stunden die Woche – auch «le patron». Christophe, mein Kollege an der Reception, hat zwar auch manchmal gesagt, dass er viel arbeiten müsse und dass ohne ihn das Hotel «dans la misère» landen würde. Aber er nahm sich auch Zeit für seine Hobbies und am Wochenende fuhr er oft aufs Land. Er hatte das, was wir heute eine ausgeglichene Work-Life-Balance nennen. Es gibt sicher Stimmen, die behaupten, Frankreich gehe es deshalb so schlecht, weil sie wenig arbeiten. Tant pis, das Land steht ja noch!
Arbeiten oder «Büezen» ist wohl einfach auch Teil der Schweizer Mentalität, aber die Verherrlichung davon sollte es nicht werden. Natürlich gibt es Menschen, die Vollzeit arbeiten müssen, weil sonst nicht genug Geld reinkommt. Aber ich verstehe jene Menschen einfach nicht, die sich völlig für ihren Job aufopfern und das viele Arbeiten auch noch verherrlichen. Wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft, aber schlussendlich ist unsere Zeit hier begrenzt und das Geld kann man weder essen noch ins Grab mitnehmen.

Titelbild: Timothy Endut / Laura Kaufmann



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