Meinungs-Mittwoch: Wenn sich beim Bezahlen der Beziehungsstatus entscheidet?

Man sitzt in einer Bar und trinkt mit seinem Gegenüber etwas. Gemeinsam getrunken, gemeinsam bezahlen – aber wie? Unsere Korrektorin Vivienne Kuster ärgert sich über diese eine Frage, welche so viel weiter geht, als der eigentliche Akt selbst: Zusammen oder Getrennt?
20. Juni 2018

In der neuen Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Als Korrektorin ist für mich die Frage «zusammen oder getrennt?» eine alltägliche. Schliesslich macht es einen Unterschied, ob man schreibt, dass zusammen gekratzt oder zusammengekratzt wurde. Spätestens seit der Rechtschreibreform 2006 ist das alles gar nicht mehr so einfach.

Wenn aber die Bedienung an einer Bar oder in einem Café mich fragt, ob zusammen oder getrennt, dann will sie nicht von mir wissen, ob man «bar( )bezahlen» mit oder ohne Abstand auf die Schiefertafel kritzeln muss, sondern sie verlangt von mir und meiner Begleitung eine Antwort auf eine Frage, die ich in so kurzer Zeit nicht fähig bin zu beantworten. Ich bin überfordert, mir fehlt Bedenkzeit, die Möglichkeit, mich mit meiner Begleitung darüber zu unterhalten. Vielleicht ist es aber auch einfach Übung oder ein dafür notwendiges Selbstvertrauen, was mir fehlt.

Was tut diese Frage? Sie verlangt von uns, dass wir innert kürzester Zeit überlegen, ob man die Kosten des Bar-, Restaurants- oder Cafébesuchs übernehmen will und der Begleitung damit indirekt Geld schenkt oder umgekehrt. Gleichzeitig verlangt diese Frage von uns unbemerkt ein Statement zum Stand der Beziehung, die man mit der Person führt, mit der man im Restaurant sitzt – egal ob mit einem Date, dem besten Freund oder der Schwester. Einige Beziehungen sind sich darin geübt und meistern das souverän, andere aber eben nicht.

Asymmetrie

Es ist auch eine Frage, die einseitig beantwortet werden kann: Eine Person kann für beide entscheiden. Das geschieht in unserem Alltag in vielen Situationen und ist teilweise sogar notwendig. Wenn beispielsweise ein*e Fahrradfahrer*in mit einem Schwenker für mehrere entscheidet, wie wer wem aus dem Weg geht, kann das durchaus sinnvoll sein. Zudem gibt es Regeln, die von Gesetzes wegen definiert sind, wie zum Beispiel der Rechtsverkehr. Im sozialen Verhalten gibt es diese Regeln auch, sie sind aber über Jahre antrainiert und es gibt Menschen, die kämpfen dagegen an, weil viele dieser Regeln ungerecht hierarchisch und asymmetrisch sind. Vielleicht mag der Zum-Portemonnaie-Greifen-Tanz für einige schon fast zu einem gelungenen Date gehören, für andere wiederum ist es die unangenehmste Situation. Einige Wesen unter uns neigen vielleicht eher dazu, die Stimme und damit auch Initiative zu ergreifen und zu sagen «Ach lass mal, ich mach das schon!», während die anderen in den Taschen wühlen und mit diesem Satz ihres Gegenübers das Gewühle einstellen, mit erleichtertem oder bevormundetem Gefühl. Oder aber sie legen das Portemonnaie selbstbewusst auf den Tisch, um zu signalisieren: Musst du nicht! Sagen tun sie es aber nicht oder nur in einer ungewohnten Stimmlage, denn harmoniebedürftig, wie vielleicht viele unter uns sind, wollen wir nicht in einen halb witzig, halb nervigen Dialog einsteigen. Es bleibt bei einem «Danke» und der Betonung, dass man dann das nächste Mal dran sein will mit bezahlen.

Stellt die Bedienung hinter der Theke diese Frage nicht und nennt beiden Personen einzeln den Betrag, für welchen sie an einem Bier schlürfen durften, kann selbstverständlich immer noch eine*r für beide entscheiden und andeuten, dass er*sie die Rechnung übernehmen will. Das ist ja grundsätzlich auch etwas Schönes, jemandem eine Freude zu machen und ihn*sie auf einen Kaffee oder ein Essen einzuladen. Ist das getrennte Bezahlen die Grundannahme, wird aber dann niemand dazu aufgefordert. Ich würde sogar behaupten, dass man dann auch von einer gefühlten sozialen Verpflichtung befreit wird.

«Getrennt!»

Wir sprechen hier selbstverständlich von einer Lappalie und trotzdem wird für mich mit dieser Frage der Bedienung jeder Restaurantbesuch gegen Ende zu einer sozialen Qual. Ich sitze auf meinem Stuhl und zapple herum, bin quasi in den Startlöchern, weil ich weiss, dass es gleich unter Herzklopfen und mit womöglich viel zu energischer Stimme aus mir herausschiesst: «Getrennt!», denn ich will das üben, will mir angewöhnen, mehr Symmetrie herzustellen. Einen Warentrenner wie an der Discounterkasse gibt es in einem Restaurant schliesslich nicht, um visuell anzuzeigen, welchen Haufen man vorhat, zu bezahlen. Deshalb bleibt nur die Stimme: «Getrennt, getrennt, getrennt!», sprudelt es meinerseits der*m Servicemitarbeiter*in womöglich selbst dann entgegen, wenn er*sie automatisch mit zwei einzelnen Kassenbons auf uns zusteuert oder uns lediglich fragen will, ob wir noch etwas trinken wollen. «Getrennt. Getrennt! Getrennt!», so sehr werde ich innerlich darauf vorbereitet sein, auf eine ganz bestimmte Frage zu antworten, die dann vielleicht gar nicht gestellt wird, bis mir auffällt, dass ich hier ein Phänomen beschreibe, das vielleicht schon gar nicht mehr existiert und ich selbst ein Opfer von sozialen Strukturen bin und noch in der Steinzeit lebe, als der Servicemitarbeiter in der Pizzeria der männlichen Begleitung noch (vielleicht auch nur in Gedanken) zuzwinkerte und sagte: «So muss das sein, ein Gentleman bezahlt!»

P.S. Weil blosses Motzen unproduktiv ist, hier mögliche Vorschläge für alle Seiten zur Lösung des Problems:

  • Die Bedienung weist jedem*r einzelnem*n den Betrag zu, ob mit einzelner Quittung oder mündlich. Will jemand, ohne Absprache, die Rechnung für beide übernehmen, kann er das immer noch tun. Aber man wird nicht zu einer Entscheidung verpflichtet.
  • Eine andere Möglichkeit, die etwas mehr Aufmerksamkeit erwartet: genau Zuhören. Ruft jemand «Können wir noch bezahlen?», nimmt man die Mehrzahl im grammatischen Subjekt ernst und geht davon aus, dass es eine Mehrzahl von Personen sind, die eine offene Rechnung begleichen wollen.
  • Übung: «Getrennt, getrennt, getrennt!», ist alles halb so wild.
  • Das Ausknobeln auf später verschieben: Jemand bezahlt alles und anschliessend wird besprochen. Das setzt aber auch Mut voraus, sollte es das erste Date sein.
  • Mit der Tür ins Haus fallen und vorgängig mit der Begleitung besprechen. Aber auch hier: Ist es das erste Treffen einer noch jungen Freund-, Lieb- oder Sexschaft, kann das Mut fordern.

Bilder: Pixabay


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