Meinungs-Mittwoch: Verleihsysteme – Nebeneinander statt gegeneinander

Mietvehikel schlechtzuschreiben ist grad ziemlich hip. Entweder man gibt ihnen die alleinige Schuld an den Engpässen auf Trottoirs und Velostreifen oder schimpft sie gänzlich unnütz. Meist trifft die Kritik ausländische Brands, während heimische Anbieter einen Freifahrtschein bekommen. Unser Redaktor Mike Mateescu hat genauer hingeschaut und dabei zwei noch wenig bekannte Angebote getestet.
13. Juni 2018

In der neuen Artikel-Reihe «Meinungs-Mittwoch» leistet sich jeden Mittwoch ein Redaktionsmitglied von Tsüri.ch eine Meinung. Sei es als Kolumne, Glosse oder eventuell als Video mit Tanzeinlage. Denn wie hat es Clint Eastwood als Dirty Harry damals so schön auf den Punkt gebracht: Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eins.


Beginnen wir mit dem E-Scooter von Limebike, dem heiligen Gral der Verleihsysteme. Im ganzen Stadtgebiet erscheinen auf der App nur drei Stück, doch erst beim letzten Standort finde ich auch wirklich einen Scooter – vor dem Google-Hauptsitz. Das Gefährt ist weit grösser als erwartet und bereits ziemlich abgefuckt. Es ist mit Hinter- und Vorderlicht sowie zwei Bremssystemen ausgestattet und beschleunigt gemächlich, wenn man den Schalter am Lenker gedrückt hält. Ich erhalte Blicke zwischen Erstaunen und Zorn, doch belächelt werde ich nicht.

Sieht aus wie Fisher-Price. Aber der Price ist heiss!

Auf ebenem Asphalt erreiche ich nice 24.4 Stundenkilometer. Der Scooter bringt mich sogar brav die steile Zufahrtsstrasse zum Schloss Sihlberg hinauf, auch wenn er dabei ächzt wie ein sterbender Minidrache. Ein zähes Spielzeug, mit dem man Spass haben kann, doch leider auch ein richtig teures. Die halbstündige Fahrt kostet fünf Franken, während das Limebike für denselben Zeitraum etwa fünfzig Rappen abgebucht hätte. Laut Firma wird sich der Preis so bald nicht ändern, aber man plane weitere Scooter in der Stadt aufstellen. Und es sei betont, dass der Limebike-Kundendienst sehr gesprächig und hilfsbereit ist.

Vorsicht bei der ersten Fahrt – sonsts geht's live und direkt in den Strassengraben

Der beräderte Gondolière

Schon länger bereit stehen die Cargobikes von Carvelo2go. Die vom TCS gestifteten Frachtvelos kann man für den sympathischen Grundtarif von fünf Franken mieten. Jede Gebrauchsstunde kostet zusätzliche zwei Franken. Zwischen Wiedikon, Seefeld und Oerlikon gibt es 22 Standorte – meist Poststellen, Restaurants oder Bäckereien – wo man Batterie und Schlüssel abholen kann. Ideal, wenn man kein Auto besitzt und einen Shoppinganfall erleidet. Man kann das Cargobike maximal eine Woche ausleihen und sogar im Ausland einsetzen. Die Bedienung setzt allerdings ein Bisschen Übung voraus. Weil man das Vorderrad kaum sieht und das Gefährt ziemliche Power hat, sollte man vorsichtig an die erste Fahrt herangehen. Sonst kann man leicht unter dem Bike begraben werden, wenn man auf einer Steigung parkt. True Story.

Züri-Velo, der Wolf im Unschuldslammpelz?

Ein ganz anderes Image hat das «Züri Velo», das eigentlich «PubliBike» heisst und in der ganzen Schweiz vertreten ist. Es wird von allen Seiten gelobt, aber nicht unbedingt zu Recht. Mietvehikel sind gerade deshalb lustig, weil man sie spontan nutzen kann. Ohne Abo kostet die erste halbe Stunde jedoch unverschämte drei Franken. Um Standorte zu schaffen, okkupierte man frecherweise zahlreiche reguläre Veloabstellplätze. Auch stellt PubliBike seine Räder als Werbefläche für potentielle Kunden wie die beiden Rohstoffkraken Nestlé oder Glencore zur Verfügung. Ist zwar nicht verboten, aber wer bereit ist, deren Konzernfranken einzustecken, sollte sich nicht gleichzeitig als «Träger mit hohem Sympathiewert» präsentieren. Seien wir ehrlich, gegenüber Limebike hat PubliBike doch nur einen einzigen Vorteil: Man kann es auch tagsüber einsetzen, weil’s nur halb so peinlich ist, damit gesehen zu werden.

Aber laufen will auch niemand

Die oft thematisierten kriegsähnlichen Engpässe auf unseren Trottoirs liegen nicht an der Vielzahl herumrollender Vehikel, wie etwa ein Artikel aus dem Hause Tamedia nahelegt. Schuld sind eher die untauglichen Mischzonen für Fussgänger*innen und Velofahrer*innen sowie die unnachgiebige Attitüde, mit denen man sich keinen Millimeter gönnt. Ausserdem können Mietvehikel helfen, Emissionen zu reduzieren. Manche von ihnen setzen sich durch, weil sie Mehrwert bieten, während andere – etwa der lächerliche Segway oder die explodierenden Hoverboards – längst von der Strasse verschwunden sind. Ich will Autos nicht verteufeln, aber in der Innenstadt sind sie unpraktisch und meist überflüssig. Dank engem ZVV-Fahrplan braucht man nicht lange an der Haltestelle herumzustehen, doch wer aus eigener Kraft rollt, lebt gesünder und unabhängiger. Wir brauchen Zeit, um uns an Mietvehikel zu gewöhnen und um herauszufinden, welche Angebote uns wirklich gefehlt haben. Vor allem aber brauchen wir besser markierte Wege für Velos, Skateboards und Trottis. Eher mangelhafte Optionen wie das scheussliche O-Bike werden darum schon bald vergessen sein.

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