Mehr Polizei + mehr Überwachung = friedlichere Jugend?

Knapp zwei Wochen ist es her, seit Krawalle und Gewaltausschreitungen zwischen Jugendlichen und der Polizei viele Zürcher*innen schockiert und empört haben. Da sich die Vorfälle an der Seepromenade häufen, werden die Forderungen nach Repression durch Überwachungskameras und stärkerer Polizeipräsenz immer lauter. Ob diese Rechnung aufgeht?
30. April 2019

Schon 2018 hatte es mehrere ähnliche Vorfälle gegeben, bei denen Gruppen von Jugendlichen sich nicht nur untereinander, sondern auch die Polizei angegriffen haben.

Nach den Krawallen und Gewaltausschreitungen beim Utoquai am Osterwochenende sei «das Mass der tolerierbaren Aggression» überschritten, wie Polizeisprecher Marco Cortesi gegenüber der NZZ am Sonntag sagte. Verschiedene Medien berichteten über die Randalierer*innen, Jugendliche aus den Agglomerationen.

Die Gründe für ihr aggressives Verhalten? Die «Anonymität der Stadt», welche ihre Hemmschwelle sinken liesse, «Alkoholkonsum». In den Kommentarspalten kommen «fehlender Respekt vor Autoritäten» – namentlich der Polizei, «zu lasche rot-grüne Politik der Stadt» und «Migrationshintergrund» hinzu. Die propagierte Lösung von FDP- und SP-Politiker*innen? Überwachungskameras, stärkere Polizeipräsenz, Schnellverfahren – kurz: Repression. Ob dies aber tatsächlich zu einer friedfertigeren Gesellschaft beiträgt?

Die wahren Gründe für die Aggression sind wohl komplexer als der, dass sich ein paar «Agglo-Kids» betrinken und daraufhin ihr Temperament nicht mehr zügeln können. Dass sich auch Leute des Einzugsgebietes in der Stadt treffen, ist nichts Neues. Und auch wenn es heute rund um die Uhr möglich ist, günstig an Alkohol zu gelangen, ist dieser lediglich «ein Faktor unter vielen, die zu aggressivem Verhalten führen können,» sagt Giacomo Dallo, Geschäftsführer der Offenen Jugendarbeit Zürich OJA.

Betrunkene junge Menschen in der Stadt Zürich sind kaum ein neues Phänomen. Wären die Anonymität der Stadt und der Alkohol die einzigen Gründe, müsste es im Langstrassenquartier ja andauernd zu Eskalationen kommen.

Der wichtige Unterschied aber sieht Dallo darin, dass sich die Aggression am Seebecken gegen die Polizei und gar gegen die Sanität richtete, und es sich nicht wie an der Langstrasse um Spannungen unter verschiedenen Gruppen handelte.

Täter*in oder Opfer

Bei den Ausschreitungen vom Osterwochenende waren auch Jugendliche unter 18 Jahren beteiligt. Für Dallo ist klar: «Gewalt ist immer inakzeptabel.» Nur: «Viel häufiger als Jugendliche Täter*innen sind, werden sie selbst Opfer von Erwachsenen – zum Beispiel durch häusliche Gewalt. Weshalb lässt man diese andere Seite so gerne aus dem Blick?»

Gewalt ist immer inakzeptabel.
Giacomo Dallo

Dallos persönliche These hat weniger mit ungezogenen Jugendlichen, sondern mit dem öffentlichen Raum zu tun – einem «knappen Gut, das immer knapper wird». Zwar hatte die Stadt Zürich auch schon mehr Einwohner*innen, aber «es gab wohl noch nie so eine starke Nutzung des öffentlichen Raumes» – grundsätzlich eine positive Entwicklung. Nur steigt so auch der Druck: «Je mehr Leute einen Raum teilen, desto mehr Spannungen können entstehen.»

Gewalt gehört zu den Menschen

«Gewaltausschreitungen wird man nie ganz verhindern können. Es zeigt sich in der Geschichte der Menschheit, dass Gewalt zu den Menschen gehört. Man kann Gewalt aber besser oder schlechter entgegenwirken.» Eine Herausforderung, mit der man auch bei der OJA immer wieder konfrontiert ist. Giacomo Dallo versteht den Jugendtreff als einen «Mikrokosmos dessen, was in der Stadt läuft.» Im Unterschied zum öffentlichen Raum kennt man einander zwar, doch auch in der OJA gibt es eine Hausordnung – und wenn diese missachtet wird, entsprechende Sanktionen.

Dies funktioniert aber nur aufgrund einer gewissen «positiven Autorität». Eine Autorität, die der Polizei zurzeit wohl fehlt, ihr aber durchaus dabei helfen könnte, wieder ernster genommen zu werden. Dass die Polizei an Autorität eingebüsst hat, bestreitet Dallo nicht. Ebensowenig wünscht er sich deren Auftreten der 60er-, 70er- und 80er-Jahren zurück. «Die Abnahme der Autorität ist aber kein Jugendphänomen, sondern ein Erwachsenenphänomen», meint er.

Die Abnahme der Autorität ist ein Erwachsenenphänomen.
Giacomo Dallo

Ein wichtiger Teil seien auch wir selbst, wie wir die Polizei sehen und wie wir uns ihr gegenüber verhalten. «Es gibt so viele komplett unterschiedliche Erwartungen an die Polizei, die schlicht nicht gleichzeitig erfüllbar sind», sagt Dallo. Die ständige Beurteilung der Ordnungshüter*innen – für die einen sind sie verweichlicht, für die anderen ist ihr Durchgreifen zu hart – stelle die Autorität der Polizei genauso infrage.

Mehr Kameras bringt es nicht

Für einen konstruktiven Dialog bräuchte es «Toleranz von allen Seiten», ein Bewusstsein dafür, dass es sich im öffentlichen Raum um ein Nebeneinander handelt. Mit dieser Forderung ist auch AL-Gemeinderätin Christina Schiller einverstanden: «Videokameras, wie sie beispielsweise am Bahnhofquai fest installiert wurden, sorgten nicht für weniger Vorfälle – haben also keine abschreckende Wirkung.» Und das Problem mit den temporären Kameras, wie sie Stadträtin und Vorsteherin des Sicherheitsdepartements Karin Rykart vorschlug, habe keine rechtliche Grundlage. Viel sinnvoller als eine stärkere Polizeipräsenz wäre Jugendarbeit. Schiller: «Die Politiker*innen, die mehr Repression fordern, sind dieselben, welche der Jugendarbeit die Gelder streichen.»

Die Politiker*innen, die mehr Repression fordern, sind dieselben, welche der Jugendarbeit die Gelder streichen.
Christina Schiller

Den spürbaren Hass gegen die Polizei hat ihrer Meinung nach auch damit zu tun, wie die Polizist*innen mit Jugendlichen oder Randständigen umgeht. Ihr Lösungsvorschlag lautet daher: Das Geld nicht in teure Überwachungskameras, sondern lieber in eine bessere Ausbildung der Polizist*innen investieren.


Von der Stadtpolizei wollten wir folgende Fragen beantwortet haben:

  1. Ist eine stärkere Polizeipräsenz respektive Überwachung durch Kameras der richtige Weg, um Gewaltausschreitungen zu verhindern?
  2. Könnte alternativ z.B. die SIP helfen?
  3. Betrunkene Jugendliche gibt es auch an der Langstrasse. Ist dort die Situation ruhiger? Wenn ja, weshalb? Wegen der stärkeren Polizeipräsenz?

Bisher blieb unsere Anfrage unbeantwortet. Allenfalls werden wir die Antworten noch nachreichen.

Titelbild: wikicommons / Mark Hull

Praktikantin und Lektorat

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