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So wird 2021 gedatet. (Fotos: Joana Tringaniello / Lionel Adrichem)

Mehr Lockdowns als Liebesbeziehungen: Das Single-Dasein während einer Pandemie

Spaziergänge in eisiger Kälte statt heimelige Kaffee-Dates, Social Distancing statt menschliche Nähe. Willkommen im 2021 und damit willkommen im Leben eines Singles.
24. Januar 2021
Praktikantin Redaktion

«Single and fabulous, exclamation point», meinte einst Sex and the City-Ikone Carrie Bradshaw und stöckelte dabei in ihren Designerschuhen selbstbewusst durch New York City. «Jawohl!», kreischten weltweit alle Single-Frauen in den Fernseher und kreischten noch mehr, als der blonde Lockenkopf im Serienfinale ihrem «Mr. Big» in die Arme fiel. Bis es jedoch soweit war, schrieb die Kolumnistin Woche um Woche über die Höhen und Tiefen des Single-Alltags. Hätte Bradshaw damals von einer Pandemie gewusst, hätte das vermutlich für ordentlich Schreibstoff gesorgt und die Artikel wären von ihren Leser*innen regelrecht verschlungen worden. Heute, etwa 20 Jahre später, komme ich nicht umhin mich zu fragen: Wie ist denn das mit dem Single-Sein in Zeiten von Corona?

Frühlingsgefühle adé

Die Sonne schien, die Blumen blühten auf und die Luft roch nach Frühling. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt um jemanden kennenzulernen, dachte ich mir letzten März. «Träum weiter!», meinte Corona und stellte mich und die restliche Welt unter Hausarrest. Es gab Leute, die machten sich Sorgen um ihren Job (tat ich auch) oder um ihre Kinder (tat ich nicht). In den Medien wimmelte es nur so von negativen Schlagzeilen, doch die konnten mir alle nichts ab; was sind schon Virus und Wirtschaftskrise im Verhältnis zu meinem tragischen Liebesleben?

Traumprinz vor der Tür

«Die Liebe findet dich dann, wenn du es am wenigsten erwartest.» Ein Satz, den man entweder von frisch verliebten Paaren oder alleinstehenden Optimist*innen hört, die sich hoffnungsvoll an diesen letzten Strohhalm klammern. Ich bezweifle jedoch, dass die Liebe weiss wo ich wohne und mir im Homeoffice einen Besuch abstattet. Wobei einer Freundin von mir kürzlich genau das passiert ist: Sie, fleissige Schnick-Schnack-Bestellerin, bekam von ihrem Postboten gemeinsam mit dem Paket eine Nachricht in ihr Postfach, mit der Frage, ob sie einmal etwas mit ihm trinken gehen wolle, samt Telefonnummer.

Ich, leidenschaftlicher Fan von romantischen Liebeskomödien, malte mir vor meinem inneren Auge schon ihr Hochzeitskleid aus. Sie liess sich jedoch nicht auf das Date ein, da sie keine Lust dazu hatte. Ich teilte ihr mit, dass ich ihr Verhalten im Namen aller Singles unverzeihlich finde. So unverzeihlich, dass ich es hiermit der ganzen Stadt erzählen muss. Ich bin nur schon froh, wenn meine Pakete heil bei mir daheim ankommen und nicht unterwegs gestohlen werden, aber das ist eine andere Geschichte. Da meine Freundin dem Postboten aus dem Weg gehen will, überlegt sie sich nun zwei Mal, ob sie etwas aus dem World Wide Web bestellt, was immerhin der Umwelt und ihrem Portemonnaie zu Gute kommt.

Erste Pandemie vor erster Beziehung

Wie ich beobachtet habe, gibt es seit Pandemiebeginn zwei Arten von Singles; diejenigen, die weiterhin unbeirrt ihr Liebesglück suchen und diejenigen, die insgeheim froh darüber sind, aufgrund Corona nichts an ihrem Beziehungsstatus ändern zu müssen. Erstere waren im vergangenen Jahr vermutlich in mehr Lockdowns als Beziehungen, Letztere können es Zitat: «nicht verantworten, zurzeit neue Menschen kennenzulernen». Diese dürfen mir gerne verraten, wie sie als glücklicher Single in der Pandemie zu ihrer inneren Mitte gefunden haben. Die Teenager, die sich auf TikTok darüber beschweren, dass sie eine Pandemie vor ihrer ersten richtigen Beziehung erlebt haben, profitieren sicher auch davon.

Zufallsbegegnungen sind vorbei

Grundsätzlich konnte man vor der Pandemie überall jemanden kennenlernen; im ÖV, an WG-Partys, beim Sport, im Ausgang, you name it. Es sind jedoch genau diese Zufallsbegegnungen, die durch Corona nicht mehr möglich sind. Egal wie sehr man im Tram versucht, durch die Maske hindurch zu lächeln oder mit den Augen zu flirten, es ist alles vergebens. «Daten ist harte Arbeit. Es braucht Mut, Zeit und Energie», meint Psychologin und Dating-Coach Barbara Beckenbauer vor einigen Monaten im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». Recht hat sie – wer behauptet, daten mache Spass, der*die ist gedanklich noch im Jahr 2019, tanzt in Zürcher Clubs die Nächte durch und küsst Fremde. Heutzutage kaum mehr vorstellbar. Däumchen drehend zuhause auf Mr. Right zu warten ist jedoch nicht meine Art – dafür bin ich viel zu ungeduldig. Ganz im Zeichen von «Love is a battlefield» musste deshalb ein Dating-Schlachtplan her und der heisst Tinder.

Tinderella auf der Suche nach Tinderello

Wer während der Pandemie auf Online-Dating verzichte, der*die tue sich echt keinen Gefallen, lasse ich mich von den Twenty-Somethings auf TikTok in meinem Vorhaben bestärken. Zugegeben, ich brauche keine Pandemie, um mir eine Dating-App herunterzuladen. Meine Single-Freund*innen können das bezeugen, schon zu oft habe ich sie mit mir auf die dunkle Seite des virtuellen Männermarktes gezogen; glaubten sie früher an schicksalshafte Begegungen, so schwören sie zurzeit nur noch auf Online-Dating. Der ehemaligen Sandkastenliebe via App, statt mit Maske vermummt auf der Strasse wieder zu begegnen, erscheint nun mal wahrscheinlicher.

Frisch fröhlich swipte ich also schon vor Corona bei Tinder vor mich hin: Links bei Profilen mit Sonnenbrillenträgern (die Augen sind ja bekanntlich das Fenster zur Seele), Gruppenbildern, nicht ausgeschriebenen Namen oder Sado-Maso-Andeutungen und rechts beim ganzen Rest. Ähnlich wie Drew Barrymore in 50 erste Dates liess ich mich auf gefühlt genau so viele Treffen ein. Mit dem klitzekleinen Unterschied, dass ich über Nacht leider keine Amnesie erlitt und mich deshalb an unzählige Kaffee-Dates verbunden mit einem Nimmerwiedersehen erinnere.

Ich bezweifle, dass die Liebe mir im Homeoffice einen Besuch abstattet.

Corona-Test statt Anmachsprüche

Zu Corona-Zeiten ist alles anders: Einmal mehr wird einem bewusst, dass man vermutlich nicht der einzige Single in Zürich ist. Im Gegenteil; ein Drittel der Stadtzürcher*innen soll alleinstehend sein, behaupten Studien. Und tatsächlich dachte ich mir manchmal: «Der ist ja immer noch auf Tinder», bis mir bewusst wurde, dass ich ja auch immer noch da und darum kein Stück besser war.

Ob Mr. Right dieses Mal auf einer Dating-Plattform umherschwirrt? Um das herauszufinden, musste ich mein Profil coronagerecht aufbereiten und kopierte deshalb zu Quarantäne-Beginn folgende Instagram-Weisheit in mein Profil: «U can’t spell quarantine without u, r, a, q, t» (Für alle die es nicht verstehen: You are a cutie) Ich lachte mich wegen so viel Wortwitz halb tot und war sehr zufrieden mit mir selbst. «Are you the Corona-Virus cause you took my breath away», war jedoch nicht die Antwort, die ich mir gewünscht hatte. Und es rief mir in Erinnerung, dass ich vermutlich angeben sollte, dass ich Deutsch verstehe und auch sonst einigermassen sprachbegabt bin. Mein Rat: Lasst es sein mit den Sprüchen in der Bio und postet gleich euren negativen Corona-Test ins Dating-Profil. Es scheint der neue Liebesbeweis zu sein.

Fasst man einmal den Mut sich zu treffen, so heisst das zurzeit Kaffee to Go und Spaziergänge bei jeder Wetterlage. Süsse Spontantreffen sind nicht mehr, vorher gibt es wenn überhaupt einige Zoom-Dates. Die gestalten sich jedoch schwierig, da die meisten Männer die ich kenne, bereits Mühe damit haben Sprachnachrichten zu verschicken, geschweige denn zu telefonieren. Im besten Fall fliegen beim Date die Funken und halten bei den sinkenden Temperaturen beide warm, im schlimmsten Fall ist es wie ein Bewerbungsgespräch bei Minusgraden. Jede*r will sich von der besten Seite zeigen und betretenes Schweigen wird nicht mehr von den lauten Hintergrundgeräuschen einer Bar übertönt.

Datest du noch oder manifestiert du schon?

Wie ich lernen musste, reicht es nicht sich nur ein Dating-Profil anzulegen. Und nein, der Schlüssel zum Liebesglück liegt auch nicht darin, auf mehreren Portalen angemeldet zu sein. Es schwirren sowieso überall die üblichen Verdächtigen umher, nur dass sie auf einigen Plattformen um einiges schreibfauler sind. Laut meinen Freund*innen muss ich anscheinend meine Wünsche manifestieren. Dinge zu manifestieren ist momentan ohnehin hoch im Kurs und der sogenannte Superkleber zwischen Millennials und der Generation Z. Also folgte ich ihrem Rat und manifestierte: Also bitte, es kann doch nicht so schwer sein, einen charmanten Sunnyboy zu finden, der ein Lächeln hat, bei dem die Sonne aufgeht und ein gewisses Fuckboy-Funkeln in den Augen hat?!

Daten im Tram: Eine Marktlücke

Im Corona-Frühling hatte ich ein ausgesprochen kreatives Date: Er, Mitte zwanzig, schlug an einem regnerischen Nachmittag vor, gemeinsam mit dem Tram durch die Stadt zu fahren und sich so kennenzulernen. Ausgestattet mit einem Granatapfel-Tee in der Thermoskanne und dankbar, dass damals noch keine Maskenpflicht in der ÖV herrschte, war ich bereit für mein Treffen. Long story short: Falls ihr jemals jemanden ghosten wollt, dann macht es so elegant wie er und schreibt nach dem Treffen: «Ich mache von nun an Digital Detox.»

Mal abgesehen davon, fand ich die Idee mit dem ÖV-Date wunderbar und frage mich, ob die VBZ ein Corona-Dating-Tram mit gemütlichen Sitzecken, Kerzenlicht und Snacks nicht ins Sortiment aufnehmen könnte? – Definitiv eine Marktlücke.

Homedates zu Coronazeiten

Mal angenommen es treffen sich zwei, die Chemie stimmt und nach einigen Anstands-Spaziergängen besucht man einander zuhause. Von da an tut sich eine ganz neue Welt auf: Man kann einander die neu erlernten Quarantäne-Kochkünste zeigen, netflixen oder sogar puzzlen! Mal ganz im Ernst, mein Disney-Puzzle vom letzten Mai ist so gut wie unangetastet und Prinzessin Jasmin fehlt immer noch ein Auge. Der Typ, der dieses Puzzle mit mir machen will, muss nicht unbedingt aussehen wie Aladdin, sollte aber dennoch ein Märchenprinz sein und mir mit seiner Präsenz «a whole new world» zeigen.

«Better safe than sorry» bekommt zu Coronazeiten eine ganz neue Bedeutung.

Die Beziehung als Highlight des 2020

Auf Instagram wimmelte es im Verlauf des letzten Jahres von jungen Pärchen, die kitschig lächelnd verkündeten, in einer Beziehung zu sein. Sie hätten ihren «special someone» gefunden und das noch während dieser verrückten Zeit! Eine neue Meisterleistung. Andere zeigten stolz ihre Babykugel und verrieten ihrer Online-Community schelmisch, dass sie sich nicht an Social Distancing gehalten hätten.

Das Highlight-Reel in den sozialen Medien spiegelt jedoch nicht die ganze Wahrheit wieder. Versteckt sind all die Momente, in denen man dem Nachwuchs im Homeschooling verzweifelt etwas beibringen wollte oder als man dem* der Partner*in fast an die Gurgel gesprungen wäre, weil er oder sie zu laut atmete und man es nach gefühlt Monaten in Quarantäne kaum noch aushielt. Wenn wir schon dabei sind: Mein herzliches Beileid an alle, die mit Liebeskummer durch die Pandemie mussten oder Beziehungsprobleme mit jemandem hatten, ohne mit dieser Person effektiv eine Beziehung zu führen. In solchen Augenblicken ist man als Single vielleicht ganz froh, sich nur um sich selbst kümmern zu müssen.

Hoffentlich geht es meiner Lieblingskolumnistin Carrie mit ihrem «Mr.Big» besser in der Quarantäne. Der diesjährige Serien-Reboot wird es zeigen. Und was meinen Beziehungsstatus angeht: Irgendwann findet jeder Topf seinen Deckel und bis dahin gibt es Frischhaltefolie; und im Gegensatz zum Corona-Frühling ja sogar wieder Klopapier!

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