Medienmacherin Min Li Marti im Interview: «Wir brauchen eine Medienförderung.»

Mitten in der Medienkrise hat Nationalrätin Min Li Marti die Wochenzeitung P.S. übernommen. Nun sucht der Verlag 300’000 Franken, um das Überleben der Zeitung zu sichern. Ein Gespräch über Politik, Journalismus und die prekäre Situation der Medienbranche.
04. März 2018

Vor fast vier Jahren hast du das P.S. dem Gründer Koni Loepfe für einen Kafi abgekauft. Hat sich die Investition gelohnt?

(lacht) Finanziell sicher nicht, aber das war mir von Anfang an klar. Die Entwicklung in der Medienlandschaft ist in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden. In dieser Situation eine Zeitung zu übernehmen, ist wie eine Dampfmaschine zu kaufen, wenn der Verbrennungsmotor bereits erfunden wurde.

Warum tust du dir das denn an?

Nachdem ich von der SP nicht als Stadtratskandidatin nominiert wurde, suchte ich eine neue Herausforderung. Beim P.S. kann ich Politik und Journalismus kombinieren, was im Normalfall nicht ginge. Insofern ist es mein Traumjob – einfach schlecht bezahlt. Der Gründer Koni Loepfe wollte aufhören und irgendjemand muss das P.S. machen.

Weshalb?

Betrachten wir mal den aktuellen Wahlkampf in Zürich: Die NZZ schreibt dreimal wöchentlich in Leitartikeln, wie Zürich zur rotgrünen Hölle wurde, wo die Menschen vorgeschrieben bekommen, was sie zu denken haben. Der Tagi hat zwar eine tiefere Kadenz, geht aber mittlerweile in die gleiche Richtung. Auf der linken Seite gibt es nur noch das P.S. Der mediale Mainstream wurde immer weiter nach rechts verschoben. Dieser Entwicklung dürfen wir nicht widerstandslos zuschauen. Eine Stadt wie Zürich braucht eine vielfältige Medienlandschaft.

Das linksgrüne Milieu ist eigentlich gross genug, um das P.S. zu erhalten.

Lohnt sich das Engagement für dich, abgesehen vom Finanziellen?

Ich bin immer hin- und hergerissen: Einerseits habe ich super viele Ideen, wie wir die Zeitung noch besser machen könnten und andererseits holen wir aus unseren Ressourcen schon das Maximum raus. Einige Konkurrenten haben dreimal so viel Personal und machen nicht wirklich bessere Produkte. Das kennst du bei Tsüri.ch aber wahrscheinlich auch: Unglaublich viele gute Ideen und Vorstellungen, aber die Ressourcen sind halt knapp.

Hast du dir die Arbeit als Verlegerin und Chefredaktorin so vorgestellt?

Ich hatte ein Backflash. Als Studentin habe ich für die Studierendenzeitung ZS gearbeitet, was sehr ähnlich war: Immer am Rand der Pleite, immer unter Zeitdruck, immer mit zu wenig Ressourcen aber extrem viel Freiraum. Eigentlich ist es heute das Gleiche, einfach mit besseren Computern. Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Den grossen finanziellen Turnaround habe ich aber leider noch nicht geschafft.

Das war deine Ambition?

Das ist schon der Traum. Mir war immer klar, dass Fundraising Teil des Finanzierungskonzept ist. Anders ist es kaum möglich: Wir haben fast keine Inserate mehr, obwohl diese bei uns sehr günstig sind. Und ich dachte, es sei einfacher, mehr Abos zu verkaufen. Das linksgrüne Milieu ist eigentlich gross genug, um das P.S. zu erhalten. Was wir machen, kostet nicht viel.

Es ist mir bewusst, dass Print in dieser Form mittel- und langfristig keine Zukunft hat.

Damit deine Wochenzeitung nächstes Jahr den 20. Geburtstag erleben kann, sammelt ihr innert einem Monat 300’000 Franken. Wofür braucht ihr das Geld?

Wir wollen so viel sammeln, damit es eine Weile reicht und wir nicht jedes Jahr wieder kommen müssen. Zu den bestehenden Einnahmen würde dieser Betrag für zwei bis drei Jahre reichen. Wir machen jährlich um die 50’000 bis 100’000 Franken rückwärts.

Bei welchem Umsatz?

Die Abos und Inserate spielen uns ungefähr 300’000 Franken ein, mit den Löhnen und der Produktion geben wir aber rund 400’000 Franken aus. So können wir nie investieren, weil schlicht das Geld fehlt: Bei der IT mangelt es, die Adressdatenbank ist ein Flickwerk und beim Personal haben wir auch keine Luft. Wir können beispielsweise mich während meinem dreimonatigen Mutterschaftsurlaub nicht ersetzen, weil ich fast nichts mehr verdiene, seit ich im Nationalrat bin.

Und das soll einfach so weitergehen?

Natürlich stellen wir uns die Frage, wie lange wir noch beim Print bleiben. Einerseits haben wir kein Geld, um auf Online umzustellen und die Löhne blieben ja dieselben. Andererseits ist unsere Zielgruppe nicht mehr die jüngste und würde kaum ins Internet mitkommen. Aber irgendwann in zehn Jahren...

Angenommen, ihr kriegt die gesuchten 300’000 Franken zusammen, was ist deine langfristige Überlebensstrategie?

Wir setzen sicher irgendwann vermehrt aufs Internet, das Gedruckte will ich aber nicht einstellen. Wie das dann genau aussehen wird, müssen wir noch schauen. Einfach unser heutiges Konzept ins Internet verschieben würde nämlich nicht funktionieren. Es ist mir bewusst, dass Print in dieser Form mittel- und langfristig keine Zukunft hat.

Das neue Fördermodell muss zudem unabhängig von der Technologie sein, weil Print nicht mehr alleine dasteht.

Die No-Billag-Debatte, der SDA-Kahlschlag, die Sparrunden bei Tamedia & Co.: Was läuft schief in der Schweizer Medienlandschaft?

Wir stehen keinem schweizerischen, sondern einem weltweiten Problem gegenüber. Die Medienbranche wurde noch nicht richtig digitalisiert, wir stecken da mitten drin. Die grossen Plattformen wie Google und Facebook profitieren von Content, den jemand anderes teuer hergestellt hat.

Findest du das Angebot von Facebook und Google als Konsumentin nicht spannend?

Doch, natürlich. Ich komme viel einfacher an viel verschiedenere Inhalte. Aber weil das meiste davon gratis verfügbar ist, sinkt die Zahlungsbereitschaft und die Markenbindung. Wir sehen das auch in der No-Billag-Diskussion – viele Leute möchten nur noch bezahlen, was sie effektiv nutzen. Das ist schade, denn obwohl ich 80% des Auslandsteils der NZZ nicht lese, bin ich froh, dass es ihn gibt, und hin und wieder entdecke ich doch noch was Spannendes. Wer nur das sieht, was ihn interessiert, lebt plötzlich in einer sehr kleinen Welt.

Wie wärs, wenn die Medien vom Staat gefördert würden?

Ich bin überzeugt, dass es dies braucht. Die Förderung müsste so konzipiert sein, dass es zwar direkt Geld gibt, aber dieses an keine Qualitätskriterien gekoppelt ist, zum Beispiel indem die Produktion der Inhalte oder die Ausbildung gefördert wird. Es ist wichtig, dass ein neues Modell sehr einfach und niederschwellig aufgegleist wird. Wenn die Verlage jährlich ein mehrseitiges Gesuch ausfüllen müssen, wäre das kontraproduktiv.

Also kein Stiftungsmodell wie wir das aus dem Film- und Kulturbereich kennen?

Nein, das würde nicht funktionieren. Erstens wäre der Aufwand viel zu gross und zweites hätten wir so ein Problem mit der Unabhängigkeit der redaktionellen Inhalte. Die geförderten Inhalte müssen weder gut sein, noch irgendwelche ideologischen Qualitätskriterien erfüllen. Das neue Fördermodell muss zudem unabhängig von der Technologie sein, weil Print nicht mehr alleine dasteht.

Und ohne Lokalmedien gibt es keine Lokalpolitik, darum wird die Forderung nach der Medienförderung dann eine Chance haben.

Ist ein solches Modell derzeit mehrheitsfähig im nationalen Parlament?

Im Moment hat dies überhaupt keine Chance. Solange die alten Verleger unsinnig Widerstand leisten und man die anderen nicht hört, wird es immer heissen, die Branche wolle keine solche Förderung. Aber de facto wollen es alle, und die letzten, die noch Geld verdienen, wollen nur noch ihre Pfründe verteidigen. Die No-Billag-Debatte und die SDA-Krise helfen der Thematik: Inzwischen ist allen klar, dass es so nicht weitergeht.

Was muss passieren, damit die Medienförderung eine Chance hat?

Die ganzen Konzepte werden dann mehrheitsfähig, wenn die Zeitungen auf dem Land zu serbeln beginnen. Die Landzeitungen sind heute noch relativ resistent, aber das wird nicht so bleiben. Und ohne Lokalmedien gibt es keine Lokalpolitik, darum wird die Forderung nach der Medienförderung dann eine Chance haben. Diese Schlacht müssen wir in der Mitte führen: Was machen die CVP, BDP, GLP? Die SVP und die FDP sind eh dagegen und die Linken dafür.

Gibt es die Möglichkeit einer lokalen Medienförderung, zum Beispiel in der Stadt Zürich?

Vor langer Zeit gab es ein Jugendmagazin «Toaster», das wurde von der Stadt über einen Jugendförderungs-Topf mitfinanziert. Sowas könnte man natürlich auch heute machen. Die Stadt kann sich auch überlegen, was mit dem Amtsblatt passiert. Heute ist es dem Tagblatt angegliedert, was einer direkten Tamedia-Förderung gleichkommt. Wie wärs, wenn diese Amtsmeldungen auf verschiedene Medien verteilt würden? Eine andere Möglichkeit wäre das Modell «Westnetz», als die Kommunikationsabteilung der VBZ ein digitales Magazin finanziert hat.

...Was nichts anderes als ein grosses Native Ad war...

Ja, und viel mehr als reine Unternehmenskommunikation. Ganz im Gegensatz zur neuen Plattform vbzonline.ch, die nicht so spannend ist. Je mehr die Kommunikation controller wird, desto langweiliger wird diese. Das Beispiel «Westnetz» zeigt, wie Medienförderung auf lokaler Ebene auch möglich ist.

Im Übrigen finde ich das, was 20 Minuten macht, viel schlimmer.

Wieder zurück zum P.S.: Warum finanziert die SP euch nicht?

Weil sie das nicht will.

Aber du wärst offen für eine Parteienfinanzierung?

Natürlich, wir hätten dann mehr Geld. Es wäre mir aber lieber, wenn alle linken Parteien kräftig bei uns inserieren würden, dann wäre auch die redaktionelle Unabhängigkeit gegeben.

Diese ist eh angekratzt: Du bist gleichzeitig Politikerin, Verlegerin und Journalistin.

Ja, eigentlich ist das ein No-Go. Es geht eben nur in diesen Ausnahmefällen, wie beim P.S. oder der Weltwoche. Früher war das anders; da sassen alle NZZ-Redaktoren im Parlament. Bei mir ist es insofern unproblematisch, weil das P.S. eine Lokalzeitung ist, ich aber national politisiere.

Dennoch: Du wirst von deinen Leser*innen gewählt.

Ja, aber nicht nur. Das würde nicht reichen! (lacht) Ich habe für mich Grenzen gezogen: Fraktions- oder Kommissionsinternas nutze ich für meine Berichterstattung nie, was die Kollegen bei der Weltwoche nicht so eng sehen. Und mit der städtischen Politik habe ich fast nichts mehr zu tun. Im Übrigen finde ich das, was 20 Minuten macht, viel schlimmer. Dieser pseudo-objektive Journalismus mit einer klaren politischen Agenda. Solange die Haltung einer Redaktion transparent und klar ist, sehe ich kein Problem.

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