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Der Physiker

Der Gitarrist Max Kämmerling spielt in rund sechs verschiedenen Zürcher Formationen mehr als 150 Konzerte pro Jahr. Im Rampenlicht stehen will er trotzdem nicht. Das Porträt von William Stern.
24. November 2019
Journalist

Da versucht man schon eine geschlagene Stunde an den Kern dieses Menschen vorzudringen, und dann stellt ein anderer die Frage, die man eigentlich von Anfang an hätte stellen sollen.

«Und wer bist du eigentlich?»

Halb 1 Uhr morgens im Nordbrüggli. Im Fumoir treibt und wogt und schwankt das Schwemmgut dieser Nacht auf unsicheren Beinen, stellt Fragen und droht Schläge an.

Vom Nebentisch steuert ein Hühne auf uns zu.

«He, Nintendo-Mann», fragt er, an Max gerichtet, «wer bist du eigentlich?»

Max Kämmerling steht auf und sagt: «Ich bin de Max.»

Natürlich.

De Max.

Im Bunker

Zwei Stunden zuvor. In einer Zivilschutzanlage unter einem Schulhaus in Wipkingen probt die Band Mariachi de Jesús Guatemala. Fünf Bandmitglieder, männlich, zwischen 20 und 26 Jahre alt, sind gerade draussen am Rauchen, als der Reporter dazu tritt. Einer fehlt, ein Date mit der Ex-Freundin. Es gibt zwei Max' in der Band und dazu eine Empfehlung: «Nicht über den Falschen schreiben, ja?». Der richtige Max, Max Kämmerling, ist 26 Jahre alt und der Kopf der Gruppe.

Durch das Untergrund-Labyrinth geht es in einen kleinen Nebenraum, eingedrückte Bierdosen, eine Weinflasche wird herumgereicht, eine Lichterkette sorgt für Atmosphäre. In dem kleinen Raum, mehr Lagerhalle als Probezimmer, bewegt man sich wie in einem Urwald, am Boden lauern leere Pizza-Kartons und Musikinstrumente aller Art. Hier befindet sich Kämmerlings musikalisches Gedächtnis, sein CV. Auf einer Fusspedale klebt ein Faber-Sticker, auf einem Gitarrenkoffer ist mit schwarzem Edding «Steiner und Madlaina» geschrieben, auf einem Verstärker «The Black Barons». Etwas ungeordnet und übereinander gestapelt alles, aber das passt vielleicht ganz gut.

Bandprobe im Urwald. (Bild: William Stern)

Max sei ein bisschen Chaot, sagt Laurent Aeberli, bei den Mariachis für Trommel und Guiros zuständig und Agenda-Verantwortlicher bei der Kinderband «Laurent & Max». «Laurent & Max» ist eine der vielen Bands von Kämmerling. Manchmal scheint er selber nicht so recht zu wissen, in wie vielen Formationen er eigentlich spielt. Plötzlich taucht irgendwo eine Band auf, von der man noch nie gehört hat. Eine Liste ohne Gewähr auf Vollständigkeit: Mariachi de Jesús Guatemala, Max and the McForelles, What Josephine Saw, Steiner & Madlaina, Cybercity Space Septett, Faber. Manche schlummern vor sich hin, andere sind im Tiefschlaf. Manchmal kommt eine hinzu, wie zum Beispiel R. Daneel Olivaw, manchmal verschwindet eine für immer, The Black Barons etwa. Die Konzertlocations reichen von Dachterassen im Kreis 4, über das Volkshaus, bis hin zu Konzerthallen in Deutschland.

DJ Spotify unter der Hardbrücke

Die Mariachis treten hauptsächlich an Geburtstags- und Firmenfesten auf. In zwei Wochen steht ein Konzert für einen Anwalt in einer Bar im Kreis 4 an, deshalb die Probe. Wer ist der Anwalt, Valentin Landmann? «Nein, das haben wir abgeklärt.» Gelächter. Klassiker der Mariachi-Gattung werden geprobt, La Cucaracha, Guantanamera, Tequila, solche Sachen, «Ehrensongs» alles, «Legändä». Jemand fragt, ob man jetzt vielleicht noch ein paar Lieder proben sollte, die man auch besoffen spielen kann.

Dazu eine kleine Anekdote: Mariachi de Jesús Guatemala wollten einmal ein Konzert bei Redaktionskolleg*innen von Aeberli spielen. Als sie abends auf der Terrasse besagter Redaktion im Kreis 5 ankamen, war diese verwaist. Die Mariachis, nicht mehr ganzheitlich nüchtern, aber ziemlich überzeugt davon, jetzt, in diesem Moment, Livemusik machen zu müssen, begaben sich auf die Suche nach Publikum. Nachdem sie sich erfolglos dem Helsinki anerboten hatten, liess sich schliesslich die Belegschaft von Freitag erbarmen. Die Mariachis bauten ihr Equipment auf und fingen an zu spielen. Passant*innen blieben stehen, der Vorplatz beim Freitagtower füllte sich, irgendwann übernahm DJ Spotify, und am Ende hatte man eine zwar ungeplante, aber «ordentlich volle Party», so Max.

Der Anfang

Kämmerling wuchs im Seefeld auf. Das GZ Riesbach im Seefeld ist der Fluchtpunkt. Von hier aus nahm die Reise ihren Anfang. 2003, da waren sie noch in der Primarschule, gründeten Kämmerling und Julian Pollina, heute bekannt als Faber, die Band Summit; die Legende will, dass eine Pausenplatz-Schlägerei zwischen Kämmerling und Pollina am Anfang stand. Max sang und spielte Gitarre, Julian Bass. Später wuchs die Band um Pablo Villars und Julian Seno Szenogrady, gefördert wurden sie von János Szenogrady, dem ehemaligen Gitarristen der 80er-Jugendbewegung-Band Frostschutz. Szenogrady stattete sie mit Instrumenten aus, fuhr sie an Konzertlocations und weihte sie in die Coolness des Rock'n'Roll ein. Über ihn sagt Max, dass er ihnen allen die Lust am Musikmachen vererbt habe. Summit gewann 2007 den Zürcher Nachwuchswettbwerb band-it, spielte Konzerte im El Lokal und stellte 2009 im GZ Riesbach das erste Lauter-Festival auf die Beine. Der Band wurde eine grosse Zukunft prophezeit.

Das war früher. Damals waren die Haare noch kurz. (Bild: zvg)

Telefon bei Beni Kocher. Kocher ist für Quartierarbeit zuständig im GZ. Er hat den Werdegang von Kämmerling von Anfang an verfolgt. «Max hatte von Anfang an schräges Zeug gespielt für sein Alter, Surfrock und solche Sachen. Und er hatte nebenan immer andere Projekte.» Gibt es ein Bild von Max, das haften geblieben ist? «Ja, ich kann mich erinnern, wie sich die Jungs beim Quartierfest 2009 auf den Boden setzten, ihre Gitarren auspackten und drauflospielten. Richtige Strassenmusiker.» Später schickt Kocher ein Bild, darauf zu sehen: Max, kurze Hose und Chucks, an der akustischen Gitarre, den Blick unter einem Vorhang an blonden Haaren auf die Saiten gerichtet, neben ihm Julian Pollina, vor ihnen der Hut. Summit in der Originalbesetzung.

Faber und der Sexismus

Wir stehen auf der Strasse vor dem Nordbrüggli, frische Luft und eine Zigarette. Der streitlustige Bündner Hügelmensch hat sich mittlerweile andere Opfer gesucht, nachdem sich herausgestellt hat, dass Max deutlich grösser und breiter ist als er.

«Summit war alles, was wir hatten», sagt Max. «Wir investierten unsere ganze Jugend in diese Band.» Nach dem Gymi trennten sich ihre Wege. Villars und Szenogrady begannen eine Ausbildung, Julian Pollina verwandelte sich nach und nach in Faber. Und Max ging mit dem Liedermacher Pippo Pollina, Fabers Vater, auf Tournee.

Seit 2015 spielt er wieder mit Faber zusammen, in der Goran Koč y Vocalist Orkestar Band ist er für E-Gitarre, Darbuka, Bouzouki und Saxophon zuständig. In diesem Sommer standen sie auf den Festivalbühnen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Nach der Veröffentlichung der Single «Das Boot ist voll» sah sich Faber von Teilen der Medien einem Sexismus-Vorwurf ausgesetzt. Zwar wechselte er die Songzeile, in der Faber von einer Oralsexfantasie mit einem «besorgten Bürger» fantasierte, kurz darauf aus, aber die Anwürfe blieben haften. Auch, weil es nicht das erste Mal war.

Max sagt, er sei irritiert gewesen vom Aufschrei. Man könne und solle die Texte kritisieren. Aber dass Journalist*innen einer Schweizer Zeitung jetzt in Pollinas Umfeld herumtelefonierten, um eine seiner Ex-Freundinnen zu einer Aussage gegen ihn zu bewegen, sei übertrieben. «Die Leute verwechseln das lyrische Ich Faber mit dem Menschen Julian Pollina. Faber zeigt in seinen Texten letztendlich nur die Widersprüchlichkeit unserer Gesellschaft. Wir alle, auch ich, versuchen zwar richtig zu leben, scheitern darin aber tagtäglich. Ich finde es heuchlerisch, so zu tun, als gäbe es diese Diskrepanz nicht.»

Max sagt, man mache es sich zu einfach, wenn man Pollina Sexismus vorwerfe. Vielleicht machen es sich aber auch Max und Pollina zu einfach, wenn sie hier die Kunstfigur Faber vorschieben. Und selbst wenn man sich Fabers Deutung anschliessen würde: Für eine Kritik am Sexismus in der Gesellschaft muss man das Thema nicht notwendigerweise mit einer fast schon obsessiven Selbstkritik behandeln, wie Faber es tut. In fast jedem der Songs finden sich Motive von Sex, Erotik, Körper. In den Augen von Max schadet die Kritik aber der Sache: «In einer Zeit des Feminismus finde ich es tendenziell kontraproduktiv, jemandem vorzuwerfen, dass er darüber redet, wie er durch patriarchale Strukturen beeinflusst wurde.»

Ich erwähne einen Zeitungsartikel von 2009, als die Band Summit vor ihrem ersten Konzert im El Lokal vom «Blick am Abend» befragt wurde. Das Zitat im Titel stammt von Max: «Mädchen im Minirock bezahlen den halben Preis.» Da war er gerade einmal 16. Aus heutiger Perspektive ist das Interview unmöglich, die Teenager kommen als komplette Vollaffen rüber, der Interviewer als reisserische Fragenmaschine. Die Hälfte des Texts dreht sich um Groupies, Abschleppen und Drogen. Es ist einiges passiert in diesen zehn Jahren. Max seufzt, er kann sich erinnern, leider.

Zurück im Fumoir. Letztes Bier für heute. Gibt es überhaupt einen Max neben der Musik? Mit fünf bis zehn Bands, Tourneen und einem unterentwickelten Sinn fürs Organisieren? Ja, es gibt ihn, er sitzt an durchschnittlich zwei Tagen in der Woche im Vorlesungssaal, Physik-Studium an der Uni Zürich. Wieso Physik? «Weil ich die Welt verstehen will. Weil es so real (man muss es Englisch aussprechen: «reel») ist, dass alles so nah und trotzdem so weit weg ist, die Planeten, das All, unser Sonnensystem» – Max zeigt nach oben, an die Decke des Fumoirs, wo ein Dutzend Glühbirnen hell leuchten wie Sterne. Und was, wenn man an die Grenze des Verstehens stösst? «Deshalb studiere ich Philosophie.» Weil das Kämmerlingsche Prinzip des Ansammeln und Gärens auch auf die Bildung übertragbar ist, liest sich sein akademischer CV ähnlich ausufernd wie sein musikalischer: Philosophie und Astronomie, Populäre Kulturen, Jus, Psychologie, Musikwissenschaften, Umweltwissenschaften, Physik, Astrobiologie – er hat sich schon durch den halben Studienkatalog gearbeitet und doch erst 160 ECTS-Punkte auf dem Konto.

Der Physiker mit dem nachhaltigen Becher. (Bild: William Stern)

Die Haare schön

Am nächsten Tag treffen wir uns bei der Universität Zürich zu einem Kaffee. Kämmerling trinkt aus einem Nachhaltigkeitsbecher Wasser, die Haare hängen ihm links und rechts wie Zimtschnecken über die Ohren.

Man muss es ansprechen.

Was hat es mit dieser Frisur auf sich?

Nichts besonderes, wehrt er ab, Faulheit, Geldmangel, usw.

Also kein Markenzeichen? «Lange Haare sind jetzt wohl nicht gerade das originellste Markenzeichen für einen Gitarristen», sagt Max. Touché. Er präsentiere sich grundsätzlich nicht gerne. Max zeigt auf seinen Mantel, schwer, braun, gefüttert. «Ich will nicht, dass es so aussieht, als hätte ich mir überlegt, welche Kleider ich anziehe oder welche Frisur ich trage. Ironischerweise wird einem gerade dieses Desinteresse wiederum als Style ausgelegt.» Vielleicht kompensieren Haare und Jacke aber auch ein Stück weit die auffällige Unauffälligkeit, für die er gerühmt wird.

Fragt man andere Musiker, was den Musiker Max Kämmerling ausmacht, kommen sie zwar ins Schwärmen. Der Musikjournalist und E-Bassist Stoph Ruckli zum Beispiel: «In jeder Schweizer Stadt und Generation gibt es mindestens einen Gitarristen, der zwar nie eine musische Ausbildung gemacht hat, aber gerade deshalb so unverkrampft mit unverwechselbaren Sound auftritt. Max ist ein solcher.» Und: «Er spielt extrem songdienlich, ganz ohne überkompensierendes Rumgenudel; wenn mensch sich nicht achtet, fällt er im Prinzip gar nicht auf - wenn er hingegen auffallen will, kriegt er das locker hin.»

Und auch Gill Paolini, Bassist bei den Mariachis und Sänger bei der hochgelobten jungen Band The Pixel, sagt im Nordbrüggli: «Max versucht immer so zu spielen, dass das Ganze noch besser wird. Er macht alles für das Gesamtkunstwerk.»

Fame durch Zurückhaltung, Genugtuung durch Andeutung – geht das auf für ihn? «Ich brauche ab und zu schon auch meine Props», sagt Max, «und hoffe, man erkennt, dass etwas fehlt, wenn ich nicht dabei bin. Aber ich sehne mich nicht nach der Aufmerksamkeit, ich bin schon gerne unauffällig auf der Bühne.»

2018 wurde er mit sanfter Gewalt ins Rampenlicht gezerrt. Das Max-Festival feierte damals Premiere, eine Hommage an einen Tausendsassa, Hansdampf in allen Gassen, und eine praktische Lösung, um alle seine Bands an einem Ort zu sehen. Max sagt, am Anfang habe er die Idee befremdlich gefunden, ein Festival unter seinem Namen. «Andererseits ist mir das eigentlich am liebsten: Mich nicht ums Organisatorische kümmern zu müssen, sondern einfach nur Musikmachen zu dürfen.» Das Festival fand im GZ Riesbach statt, «dort wo alles begann», wie es auf Facebook hiess. Ein Jahr später zügelten sie ins Helsinki. Gut möglich, dass weitere Ausgaben folgen.

Max spielt im Jahr vielleicht 150 Konzerte. Was passiert mit ihm, wenn er von der Bühne tritt? «Nicht viel, ein Konzert euphorisiert mich nicht, ich muss nachher nicht herunterkommen.» Keine Glückshormone, die ausgeschüttet werden, kein Gefühl der Erlösung. Wenn andere nach dem Auftritt Shots trinken, rolle er meditativ Kabel zusammen. «Ich hinterfrage mich die ganze Zeit, überlege permanent, ob ich alles richtig mache. Nur in diesem Aufräum-Moment nach einem Konzert bin ich völlig frei von Zweifeln.»

«Eusi Gschicht wird nur selte verzellt,
wills am Schluss au di Hartgsottene schellt» (Songzeile der Mariachis)


  • Am 22. November feierte Lauter die Buchtaufe von Lauter Jahre im Stall 6.
  • Am 30. November feiert R. Daneel Olivaw Plattentaufe im Helsinki.
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