Tsüri-Fäscht 🕺🏽💃🏽

«Ich werde auch weiterhin die ‹Marionna› bleiben, die ich vor dem ganzen Trubel war.»

Am 17. November entscheiden wir darüber, wer neben Daniel Jositsch (SP) den Kanton Zürich im Ständerat vertreten wird: Marionna Schlatter (GPS) oder Ruedi Noser (FDP). Schlatter gilt dabei als die Newcomerin. Wir wollten wissen, wer sie ist, und trafen sie mitten im Wahlkampf-Wahnsinn beim Flyern.
09. November 2019
Praktikantin Redaktion

«Wir sind schon etwas spät dran», bedauert Marionna Schlatter und richtet ihren Schal. Vor dem Bahnhof Oerlikon eilen die letzten Pendler*innen über die nasse Strasse. Draussen wird es langsam ungemütlich. Der Wind hat im November an Kälte zugelegt – nicht nur wettertechnisch. So kurz vor dem zweiten Wahlgang jagen sich bei den beiden ausstehenden Ständeratskandidat*innen die Termine: Streitgespräch da, Interview dort. Es geht um Präsenz und letzte Mobilisierungsversuche.

Das Flyern sei der angenehmere Teil des Wahlkampfs, sagt die grüne Politikerin, während sie versucht, ihren Stock an Flugblättern loszuwerden. Trotz den garstigen Verhältnissen bleibt sie motiviert: «Ich mag es, direkte Rückmeldungen von meinen Mitmenschen zu erhalten und von Angesicht zu Angesicht mit meinen Wähler*innen zu agieren». Das sei bei Streitgesprächen im Fernsehen nicht der Fall: Dort werde man «wie auf dem Präsentierteller serviert, ohne zu wissen, was die Zuschauer*innen von einem denken», so Schlatter.

Von Zürich nach Bern

Den ausgezählten Stimmen nach zu beurteilen, sind viele Schweizer*innen der 38-jährigen Kantonsrätin gegenüber positiv gestimmt. Im ersten Wahlgang für den Ständerat landete Schlatter mit 95'142 Stimmen immerhin auf dem vierten Platz, unweit hinter SVP-Mann Roger Köppel und vor Tiana Moser, welche für die Grünliberale Partei ins Rennen zog – und sich zu Gunsten der Grünen gegen eine Kandidatur für den zweiten Wahlgang entschied.

Nun kämpft jetzt also Schlatter um den zweiten linken Sitz in der kleinen Kammer des Parlaments. Ihr Gegner: Der bürgerliche Ruedi Noser, welcher bereits seit sechzehn Jahren die Zürcher FDP in Bern vertritt. Sein Vorteil ist das hohe Mass an Erfahrung, welches bei Schlatter von Politolog*innen und Medien immer wieder als mangelhaft betitelt wird.

Auf dem Papier ist das auch der Fall: Erst vergangenen Frühling wurde Schlatter in den Zürcher Kantonsrat gewählt. Ob sie den Erfahrungsvorsprung Nosers auch als eigenen Nachteil sieht? «Nein. Ich bin bereit, mich einzubringen und dazu zu lernen.» Das sei das Gute am Schweizer Milizsystem: Egal, ob Balletttänzer*in oder Serviceangestellte*r, jede*r hat die Möglichkeit, ins Parlament gewählt zu werden. Ausserdem würde sich die Bevölkerung offensichtlich eine Veränderung in ihrer Vertretung im Parlament wünschen. Tatsächlich war die diesjährige «Klimawahl» das Eintrittsticket ins nationale Politikgeschehen für die Kantonsrätin: Sie sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Hofft auf die Stimmen der linken Wähler*innen: Marionna Schlatter.

Der Natur verschrieben

Politisch aktiv war Schlatter aber schon lange vor ihrer Wahl in den Kantonsrat. Aufgewachsen im Zürcher Oberland, wurde sie im Jahr 2008 Parteisekretärin bei den Jungen Grünen, wo sie sich schnell mit deren politischen Bestrebungen identifizieren konnte und Parteimitglied wurde. Drei Jahre später übernahm sie den Präsidentschaftsposten der grünen Mutterpartei im Kanton, «ihrer zweiten Familie», wie sie sagt.

Ich wollte nicht nur zuschauen, wie die Natur vor die Hunde geht, sondern aktiv etwas daran ändern.
Marionna Schlatter

Dass sich die studierte Soziologin so intensiv mit der Natur beschäftigt, kommt nicht von ungefähr. Ihre Kindheit verbrachte Schlatter, heute selber zweifache Mutter, hauptsächlich im Wald. Dort ging sie mit ihrem Vater dessen Leidenschaft für Pilzkunde nach. «In der Schule galt ich immer als diejenige, die jedes Pflänzchen und jeden Pilz kannte», lacht sie.

Mit vierzehn Jahren wurde Schlatter die jüngste Pilzkontrolleurin des Landes und überlegte sich später gar, Biologie zu studieren. Der Grund, weshalb sie sich dagegen entschied, ist simpel: «Ich wollte nicht nur zuschauen, wie die Natur vor die Hunde geht, sondern aktiv etwas daran ändern.» Auf dieses Ziel habe sie beharrlich hingearbeitet. Hartnäckigkeit gepaart mit dem Willen, die Natur vor der Zerstörung zu bewahren, seien Eigenschaften, die sie bis in den Nationalrat gebracht hätten, sagt Schlatter.

David gegen Goliath

Standhaft bleibt die Ständeratskandidatin auch bei ihrer Meinung bezüglich Lobbyismus in der Politik: «Es kann nicht sein, dass Politiker*innen sich von der Wirtschaft in irgendeiner Weise beeinflussen lassen.» Die Gewaltentrennung sei nicht umsonst Teil des Schweizer Demokratiesystems, so Schlatter. Von Parlamentarier*innen wünscht sie sich deshalb auch mehr Transparenz in der Politikmache: «Wenn man nichts zu verheimlichen hat, kann man seine Karten ja offen auf den Tisch legen.»

Woher die Kampagnen-Gelder für den Wahlkampf kommen, ist immer wieder Thema auf der medialen Agenda, weil es von einigen Politiker*innen totgeschwiegen wird. Auch in diesem Wahlkampf gebe es immer wieder Situationen, welche die bestehende finanzielle Differenz zwischen den Parteien zum Ausdruck bringe, so Schlatter. «Unsere Wahlkampagnen werden durch Mitgliederbeiträge und Kleinstspenden finanziert.» Rund 80’000 Franken habe sie dadurch für ihre Ständerats-Wahlkampagne zur Verfügung gehabt.

Es kann nicht sein, dass Politiker*innen sich von der Wirtschaft in irgendeiner Weise beeinflussen lassen.
Marionna Schlatter

Letzte Woche habe sie am Bahnhof Winterthur Flyer verteilt, als auf der riesigen digitalen Werbeanzeige das Gesicht Nosers erschien. «Das fasst den gesamten Wahlkampf ziemlich gut zusammen.» Dabei sei der Liberale an sich «ein Netter», wendet Schlatter ein.

Authentisch und bescheiden

Nach den vielen Medienauftritten seien sie mittlerweile wie ein altes Ehepaar, sagt sie, lacht und entgegnet ernst: «Er ist und bleibt aber natürlich mein Konkurrent.» Der Wahlkampf habe sie in einer gewissen Art und Weise verändert. «Wenn man plötzlich von den Mitmenschen anders behandelt wird, macht das etwas mit einem», so Schlatter. Dabei möchte sie auf keinen Fall abheben: «Ich werde auch weiterhin die ‹Marionna› bleiben, die ich vor dem ganzen Trubel war.»

Auf der Strasse werde sie jetzt öfters angesprochen, doch während im Internet Hasstiraden überwiegen würden, bleiben laut Schlatter die Menschen in der Realität freundlicher. Wie auch an diesem Abend in Oerlikon. Ein älterer Herr beglückwünscht sie zu ihrem Auftritt bei Schawinski: Das sei grosse Klasse gewesen, sagt er. Solche Worte täten gut – auch, weil sie sich generell «eher unterschätzt als überschätzt», so die grüne Politikerin.

Wenn man plötzlich von den Mitmenschen anders behandelt wird, macht das etwas mit einem.
Marionna Schlatter

Und wahrscheinlich ist es gerade Schlatters Authentizität und Bodenhaftigkeit, die bei ihren Wähler*innen so gut ankommt. Tatsächlich wirkt die frisch gewählte Nationalrätin – die diesen Sitz bei einer erfolgreichen Ständeratswahl an die Junge Grüne Anika Brunner abtreten würde – wie die nette Nachbarin, mit der alle im Quartier gerne ein Schwätzchen halten.

member ad

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