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Bald steht seine Nachfolgerin, Judith Hödl, vor den Mikrofonen.

Marco Cortesi tritt ab; die Erinnerungen bleiben

Nach 28 Jahren ist Schluss: Mediensprecher Marco Cortesi verlässt die Zürcher Stadtpolizei per Ende Januar. Es bleiben viele Erinnerungen und markige Sprüche.
22. Januar 2021
Chefredaktor

Cortesi hat zwei verschiedene Gesichter. Das eine zeigt er, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet ist, das andere kommt zum Vorschein, wenn die Öffentlichkeit nicht zusehen kann. Das erste ist immer freundlich, gut gelaunt, charmant; das zweite tritt auch mal harsch auf.

Er ist mit Sicherheit der bekannteste Polizeisprecher der Schweiz, und seit 1992 Teil der Medienstelle der Stapo. Ende Monat ist Schluss, das Corps verliert damit einen der treuesten Diener, der unermüdlich und hartnäckig für seine Arbeitgeberin einsteht. Es bestehen keine Zweifel, dass Marco Cortesi seinen Job gut gemacht hat, er hatte die Kommunikation nach aussen gut im Griff.

In einem NZZ-Porträt sagte Cortesi kürzlich: «Die Journalisten müssen sich auf die Medienstelle verlassen können. Leugnen funktioniert nicht. Ist die Glaubwürdigkeit einmal weg, ist sie für immer verspielt. Das wäre ein immenser Schaden für das Image der Polizei.»

An dieser Stelle möchte ich gerne einhaken und einige meiner Erlebnisse und Erinnerungen mit Marco Cortesi teilen. Folgende Sprüche habe ich in meiner sechjährigen Tätigkeit als Journalist bei Tsüri.ch gehört.

1. «Es ist 10 Uhr. Sind Sie auch schon wach, Herr Jacoby?»

Damals war Tsüri.ch noch sehr jung und Herr Cortesi hat sich uns vermutlich als versiffte, langhaarige Hippies vorgestellt, welche eh nie vor dem Mittag aufstehen. Weit gefehlt, denn ich war tatsächlich um 10 Uhr bereits wach, sass vor dem Computer und brauchte ein Statement der Stapo.

2. «Herr Jacoby, wir kennen Sie ja nur, weil Sie immer so kritisch und böse sind. Aber wir müssen die Rigi ja nicht von der gleichen Seite betrachten.»

Da hat er recht, wir beiden kennen uns tatsächlich eher auf eine konfrontative Weise, und nicht vom netten Kaffee und Kuchen* essen. Auch, dass wir die Rigi nicht von der gleichen Seite betrachten müssen, stimmt natürlich. Jede Story hat mindestens zwei Seiten. Ich schaue vom Vierwaldstättersee hoch; und Sie, Herr Cortesi?

*Tatsächlich wollte ich einmal einen Kuchen vorbeibringen. Denn im ersten Crowdfunding von Tsüri.ch haben wir dies als «Goodie» aufgeschaltet. Auf das mehrmalige Angebot ist er nicht eingegangen.

3. «Dafür gebe ich Ihnen einen Fünfeinhalber.»

Gegenseitiger Respekt. Sich ernst nehmen, auch wenn man nicht der gleichen Meinung ist... Wie es dazu kam: Ich schickte Cortesi ein Zitat zum Gegenlesen. Offenbar hätte er auch Lehrer werden können. Er wünschte nur eine kleine Änderung und gab mit deshalb für meine Arbeit die Schulnote 5,5.

4. «Das ist ja ganz was Neues, haben Sie Medikamente genommen?»

Ok, jetzt geht es langsam unter die Gürtellinie! Eines Tages rief ich die Medienstelle an und begann das Gespräch so: «Keine Sorge, diesmal will ich nichts zu einem kritischen Polizeieinsatz wissen.» Dies konnte Marco Cortesi kaum fassen und löste in ihm den Verdacht aus, ich hätte was genommen. Stattdessen wollte ich mich darüber erkundigen, ob «Legal Highs» auch in Zürich ein Thema sind (damals im Jahr 2016 waren sie noch keines). Auf dies fragte er zurück: «Wollen Sie wissen, was Sie nehmen können, ohne Probleme mit uns zu kriegen?»

5. «Entweder lügen Sie, oder meine Leute. Was denken Sie wohl?»

Wir beide standen immer mal wieder am gleichen Punkt. Für gewöhnlich hatte ich einen kritischen Polizeieinsatz beobachtet, oder mir wurde Videomaterial zugespielt. Dann wollte ich von der Medienstelle wissen, warum etwas so – und eben nicht anders – abgelaufen ist, und ob dieses Verhalten angemessen war. Marco Cortesi machte sich dann auf und befragte die Polizist*innen nach den Vorkommnissen. Nicht selten standen die Einsatzkräfte auch auf der anderen Seite der Rigi, doch Cortesi übernahm deren Narrativ. Logisch, das ist ja auch sein Job.

In der Regel hiess es dann: «Der Einsatz verlief verhältnismässig.»

6. «Sie schreiben ja eh, was Sie wollen. Da lohnt es sich für mich nicht, mich darüber aufzuregen.»

Ja, es ist meine Aufgabe als Journalist, das zu schreiben, was meiner Einschätzung nach der Wahrheit am nächsten kommt. Aber natürlich hat Marco Cortesi auch recht, wenn er findet, aufregen lohne sich nicht. Im Frühling 2020 eskalierte ein Telefonat bei meiner Recherche wegen einem Polizeieinsatz an der Critical Mass. Nach einigem Hin und Her wurde der Polizeisprecher laut, bezichtigte mich der falschen Berichterstattung und beendete das Gespräch ohne Vorwarnung. Der Vorfall wurde in den Gemeinderat getragen; protokolliert wurde folgendes:

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Zur Ruhe setzen wird sich Marco Cortesi noch nicht, er macht sich als Kommunikationsberater selbständig. Ich selber werde ihn in seiner Funktion als Stapo-Sprecher vermissen, denn unterhaltsamer wird es bestimmt nicht, dafür vielleicht eine Spur konstruktiver. Wir werden sehen.

P.S.: Wenn Sie diesen Beitrag nun lesen, Herr Cortesi: Denken Sie daran, es lohnt sich nicht, sich aufzuregen! Alles Gute.


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