Mobilität im Fokus

«Vorurteile gegen ‹Jugos› wie mich kenne ich zur Genüge»

Ein Mann erklärt mir ungefragt, warum ich nicht «Jugo» sein kann. Was das mit Sexismus und politischen Konflikten zu tun hat. Ein Kommentar.
11. Dezember 2019
Redaktorin

Ein Mann umkreist mich auf seinem Velo und fährt plötzlich neben mir her, als ich die Strasse überquere, um auf das Tram zu gehen. «Bisch du Jugo?», fragt er prompt. Irritiert blicke ich ihn an und sage aber: «Ja, warum?»

Der Mann hat den Tsüri.ch-Beitrag gesehen, in dem ich mich selbst als «Jugo» bezeichne. Er stellt sich mir als Marco* vor und setzt an, mir die Wortherkunft von «Jugoslawien» zu erklären. Er glaubt zu wissen, wer das Recht habe, sich «Jugo» zu nennen und wer nicht. Ich nicht, seiner Meinung nach. «Albaner sind ja keine Jugos», sagt er.

Keine Ahnung, wer Marco* ist. Keine Ahnung, wie viel er über die Geschichte des Balkans weiss, oder woher seine Motivation rührt, mir meine Herkunft erklären zu wollen. Bevor ich ins Tram steige, sage ich noch: «Ich bin aus Kosovo. Und Kosovo war mal Teil von Jugoslawien.»

Ich bin verwirrt und auch etwas verärgert über seine Dreistigkeit. Was war da eben passiert?, frage ich mich.

«Wenn Männer mir die Welt erklären»

Die amerikanische Feministin Rebecca Solnit schrieb den Bestseller «Men explain things to me» – zu deutsch: «Wenn Männer mir die Welt erklären». Dort schildert sie eingangs, wie ein Mann an einer Party ihr von einem Buch erzählt. Er lässt sich nicht unterbrechen und so schafft es Solnit erst nach mehreren Anläufen dem Mann klar zu machen, dass sie die Autorin des Buches ist, mit dem er sich so brüstet. Sehr zum Schock des Mannes.

Ich denke an Solnits Anekdote und merke, dass ich wohl etwas ganz Ähnliches erlebt habe: Bloss wieder ein Mann, der ungefragt einer Frau «die Welt erklären» muss – «mansplaining», wie es auch genannt wird, wenn Männer annehmen, Frauen hätten weniger Ahnung und müssten belehrt werden. Für Solnit ist das die Manifestation der asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern, die sich auch in der Kommunikation niederschlägt.

Marco* dachte wahrscheinlich, ich wüsse nicht, woher meine Familie kommt. Er dachte, er müsse mich informieren, wie man den Begriff «Jugo» richtig verwendet.

Das Spiel mit Vorurteilen

Auf meine Entgegnung, Kosovo hätte mal zu Jugoslawien gehört, sagte er nur: «Ja...ok, stimmt.» Trotzdem konnte er es sich nicht verkneifen nachzuschieben, man müsse mit solchen Begriffen wie «Jugo» aufpassen.

Meine Eltern kommen aus Kosovo und wuchsen in Jugoslawien auf. Mit Mitte Zwanzig kamen sie in die Schweiz. Ob ich wollte oder nicht, meine Herkunft, die Frage danach, war stets ein präsentes Thema in meinem Leben. Vorurteile gegen «Jugos» wie mich, kenne ich zur Genüge. Der Begriff ist auch negativ konnotiert. Aber ich habe irgendwann beschlossen, den Spiess umzudrehen. Mir den Begriff anzueignen und einfach dazu zu stehen, dass ich «Jugo» bin. Ich kokettiere gerne damit, es amüsiert mich, wenn Menschen plötzlich mit ihren Vorurteilen konfrontiert werden und verwirrt darüber sind, wie sie damit umgehen sollen, dass ich mich selbst «Jugo» nenne.

Anhaltende Spannungen

Umso seltsamer fühlt es sich dann an, wenn da plötzlich ein Fremder auftaucht, der mir meine Herkunft absprechen will. Auch deshalb, weil die Frage nach der Zugehörigkeit auf dem Balkan noch immer sehr aufgeladen ist.

Die Geschichte Kosovos ist kompliziert und von ethnischen Konflikten geprägt. Das Verhältnis zwischen Kosovo und Serbien ist, auch zwanzig Jahre nach dem Krieg, angespannt. Zur Zeit Jugoslawiens war Kosovo eine autonome Provinz Serbiens. Heute ist Kosovo eine unabhängige Republik, die aber von Serbien nicht anerkannt wird.

Dass es mir, laut Marco*, als Kosovoalbanerin nicht zustehe, mich dem ehemaligen Jugoslawien angehörig zu fühlen, ist deshalb umso problematischer.

«Mansplaining» ist ermüdend und nervig, jedoch vergleichsweise harmlos. Mir aber als Kosovoalbanerin die (politische) Geschichte meiner Herkunft streitig machen zu wollen, ist ein erneuter Akt der Ausgrenzung und Verdrängung, wie es die Kosovoalbaner*innen schon in den 90er-Jahren erlebt haben.

*Name von der Redaktion geändert

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